Gesellschaft - Aktuelle Nachrichten – Eine Wochenzeitung als „Internet der Amish“ – Meghan Barr
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Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft

Zeitung der christlichen Religionsgemeinschaft Eine Wochenzeitung als „Internet der Amish“

Meghan Barr

11.11.2009

Die Autoren der Zeitung befürchteten, dass ihre Meldungen in der bunten Medienwelt, Internet, außerhalb ihrer konservativen Religionsgemeinschaft verheizt würden. AP Photo/Kiichiro Sato
Die Autoren der Zeitung befürchteten, dass ihre Meldungen in der bunten Medienwelt, Internet, außerhalb ihrer konservativen Religionsgemeinschaft verheizt würden. AP Photo/Kiichiro Sato

Sugarcreek/Ohio – Die Beschwerdebriefe trudelten über holprige Landstraßen in der Redaktion von „The Budget“ ein. Vehement wehren sich die Leser der Amish-Wochenzeitung gegen einen Auftritt des Blattes im Internet. Bauern, Prediger und Handwerker, die die Wochenzeitung mit Inhalt füllen, drohten mit einem Streik, sollte das 119 Jahre alte Blatt komplett online erscheinen. Und während sich Medien überall um einen gelungenen Internet-Auftritt bemühen, wurden diese Pläne bei „The Budget“ schnell wieder ad acta gelegt.

Denn die Autoren der Zeitung befürchteten, dass ihre Meldungen in der bunten Medienwelt außerhalb ihrer konservativen Religionsgemeinschaft verheizt würden. Ihr Sturm der Entrüstung konnte die Herausgeber von „The Budget“ überzeugen, auf die 2006 vorgeschlagene technische Neuerung rasch zu verzichteten. Massenhaft seien Beschwerden eingegangen, sagt Herausgeber Keith Rathbun: „Es wäre idiotisch gewesen, sie zu ignorieren.“

Bislang erscheinen daher nur lokale Nachrichten auf der spärlichen „The-Budget“-Internet-Seite. Die Papierausgabe wird an knapp 20.000 Abonnenten in den USA und Kanada verschickt.

Leserschaft auf abgelegenen Höfen

Trotz Wirtschaftskrise machen sich die Herausgeber wenig Sorgen um die Zukunft. Während andere Tageszeitungen Mitarbeiter entlassen, sollen demnächst neue Reporter die rund zwölfköpfige Redaktion von „The Budget“ verstärken. Auch die Abonnements, die 42 Dollar, knapp 30 Euro, pro Jahr kosten, sind im vergangenen Jahr um nur einige hundert zurückgegangen.

Rathbuns größte Sorge gilt daher auch nicht der wachsenden Bedrohung des Zeitungsgeschäfts durch das Internet, sondern der pünktlichen Auslieferung seiner Wochenzeitung. Viele Leser leben verstreut auf abgelegenen Farmen, was die Zustellung erschwert.

Für die rund 227.000 Amish in den USA ist und bleibt „The Budget“ ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel. „Die Leute nennen 'The Budget' das Internet der Amish“, sagt Herausgeber Rathbun. Die Zeitung gebe es zwar nicht elektronisch, sondern aus Papier, aber das sei im Grunde dasselbe.

Zeitung 1890 gegründet

Die Regionalausgabe, die an rund 10.000 Abonnenten in Ohio geliefert wird, umfasst lokale Themen wie Kirche und Landwirtschaft. Die überregionale Ausgabe ist eine Zusammenstellung von Depeschen, die aus der Feder von Schreibern aller Alterstufen stammen. „Bei uns hat es zum Glück in den letzten paar Tagen viel geregnet, und das Gras ist wieder richtig grün geworden“, schrieb beispielsweise ein Mitarbeiter aus Middlebury, Indiana.

Informiert wird unter anderem über ein Kind, dessen Arm sich in einem Mähdrescher verfangen hat, oder über eine Familie, die bei einem Unfall mit der Pferdekutsche ums Leben kam. Als ein Bewaffneter 2006 fünf Amish-Mädchen in Nickel Mines im Staat Pennsylvania erschoss, berichteten die Schreiber ausführlich darüber.

Produziert wird „The Budget“ in Sugarcreek im US-Staat Ohio, im Herzen der landesweit größten Amish-Siedlung. Seit der Gründung 1890 ist die Wochenzeitung die wichtigste Informationsquelle der Amish. Es ist die älteste Zeitung der christlichen Religionsgemeinschaft neben der konservativeren Konkurrenz mit dem deutschsprachigen Titel „Die Botschaft“.

Beschwerden über Erscheinungstag

Rathbun, selbst kein Amish, führt „The Budget“ seit acht Jahren mit großem Erfolg. Das Blatt, das sich selbst als Zeitung der „guten Nachrichten“ bezeichnet, bemüht sich stets, seine fromme Leserschaft nicht zu verletzen. Deshalb lehnt „The Budget“ auch freizügige Werbung oder Anzeigen für Produkte wie Tabak oder Bier ab. Für einige Leser hat auch Sportberichterstattung nichts in einer christlichen Zeitung zu suchen.

Doch die häufigsten Beschwerden drehen sich um Zustellungsprobleme. Normalerweise liegt jeden Mittwoch „The Budget“ im Briefkasten. Arlene Horst, eine 67-jährige Leserin aus Geneva, New York ruft oft in der Redaktion an und beschwert sich über den Erscheinungstag. Sie liest ihre Wochenzeitung am liebsten Sonntags, bevor die Nachrichten „olle Kamellen werden.“

Und Ervin Schrock eilt sogar während einer Vieh-Auktion in Mount Hope, Ohio, nach Hause, um die Zeitung zu lesen. „Oh, ich mag 'The Budget'“, sagt der 76-Jährige. „Wir bekommen ihn seit Jahren. Ich muss das Blatt lesen, bevor meine Frau es in die Hände kriegt.“

http://www.thebudgetnewspaper.com (AP)

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