Gesellschaft - Aktuelle Nachrichten – Jürgen Udolph: Mit dem Mundartwörterbuch auf Spurensuche – Lars Rischke
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Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft

Das Rätsel im Namen Jürgen Udolph: Mit dem Mundartwörterbuch auf Spurensuche

Lars Rischke

05.01.2010

Foto: AP Photo/Eckehard Schulz

Foto: AP Photo/Eckehard Schulz

Leipzig (APD) Ob Merkel, Jauch oder Klum: Für den Sprachwissenschaftler Jürgen Udolph gibt es kaum einen Familiennamen, den er nicht deuten kann. Ging es einst in seiner Forschungsarbeit vor allem um Gewässer- und Ortsnamen, wandte er sich später auch den deutschen Nachnamen zu und wurde damit über Nacht zu einem besonders populären Vertreter seiner Zunft. Seit er in Radio und Fernsehen öffentlich Namen seziert, ist die Nation auf den Geschmack gekommen: Namen-Beratungsstellen können sich vor Anfragen kaum retten.

Udolph erforscht seit seinem Studium an der Uni Göttingen vor rund vier Jahrzehnten alle möglichen Namen. „Ich habe mein Leben an Namen verloren“, sagt er und deutet mit der rechten Hand auf ein Regal voller Bücher und Studien zum Thema. Er selbst hat etliche davon verfasst, unter anderem eines zur „Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydronymie“. In Fachkreisen konnte er mit solch spröde klingenden Studien punkten, in ganz Deutschland bekannt wurde er aber erst vor einigen Jahren, als er sich verstärkt Familiennamen widmete.

Im April 2008 beendete er zwar seine akademische Laufbahn an der Uni Leipzig. Zur Ruhe setzte sich Udolph, der der einzige Professor für Onomastik (Namensforschung) in Deutschland war, aber nicht. In zahlreichen Rundfunk- und TV-Sendungen klamüsert der 66-Jährige bis heute regelmäßig Familiennamen auseinander. „Die Leute interessiert es unheimlich, woher ihr Name kommt, die wollen wissen, was dahinter steckt.“

Probleme bei fünf Prozent der Namen

So ist der Professor, der seine Deutungen eloquent und mit Witz vorträgt, auch vielen Hörern in Berlin und Brandenburg bestens bekannt. Dort läuft bereits seit neun Jahren auf „radioeins“ seine Sendung „Numen-Nomen-Namen“. Anrufer, die durchkommen, können ihn nach der Herkunft ihres Namens fragen. Auch für TV-Sendungen wird der „Namenpapst“ gerne gebucht.

Daniela Ohrmann, Namenforscherin an der Universität Leipzig und Kollegin von Jürgen Udolph, sucht nach der Herkunft eines Familiennamens.
Daniela Ohrmann, Namenforscherin an der Universität Leipzig und Kollegin von Jürgen Udolph, sucht nach der Herkunft eines Familiennamens.

Foto: AP Photo/Eckehard Schulz

Viel Zeit hat er in solchen Sendungen zwar nicht. Doch meistens gelingt es ihm, die Rätsel zu knacken. Dafür greift er wie sonst auch auf spezielle Nachschlagewerke zurück: Urkundenbücher, alte Landkarten, Mundartwörterbücher. Auch das Reichstelefonbuch von 1942, die Mormonen-Datenbank oder eine Telefonbuch-CD-ROM leisten gute Dienste. Damit soll unter anderem geklärt werden, aus welcher Region der Name stammen könnte.

Trotz aller Erfahrung und einer gut gefütterten Spezial-Datenbank können aber nicht alle der rund eine Million deutschen Nachnamen eindeutig dechiffriert werden. „Ernste Probleme gibt es bei rund fünf Prozent der Namen“, räumt Udolph ein. Meist sind dann mehrere Deutungen möglich.

„Klum“ kommt von klamm, ärmlich

Keine Hürde ist für ihn der Name der Bundeskanzlerin: Der Familienname Merkel ist demnach eine Koseform von Markwart. Der erste Wortteil steht für Grenze, der zweite für Wächter. Moderator Günter Jauch wiederum hat Vorfahren, die mit Zugtieren zu tun hatten. Udolph sagt, der Name sei in Baden-Württemberg verbreitet und eine abgewandelte Form von Joch, ein Gespann auf dem Acker also. Topmodel Heidi Klum scheint dagegen aus eher bescheidenen Verhältnissen zu kommen. „Klum“ komme von klamm, ärmlich, armselig.

Vier Gruppen gibt es: Alte Vornamen als Familiennamen, wie zum Beispiel Udolph. Daneben Herkunftsnamen oder Örtlichkeitsnamen, so wohnte Herr Brückner an einer Brücke. Zudem gibt es Namen, die das Wesen oder eine Besonderheit der betreffenden Person in sich tragen. Herr Frühauf beispielsweise dürfte naheliegenderweise besonders früh auf den Beinen gewesen sein.

Besonders häufig verstecken sich hinter den deutschen Nachnamen allerdings alte Berufe. Schmidt in allen Varianten, was sich von Schmied ableitet. Oder Müller, Meier und Fischer. Der Name von SPD-Urgestein Franz Müntefering etwa geht auf einen Münzpräger zurück. Münte ist die niederdeutsche Variante von Münze, der zweite Wortteil erinnert den Forscher an Vierling, was Präger bedeute.

Ein Jahr Warten bis aufs Gutachten

Das sprunghaft gestiegene Interesse an den Nachnamen hat auch die renommierte Leipziger Namensberatungsstelle zu spüren bekommen, in der gleich mehrere Sprachwissenschaftler arbeiten, die Udolphs Vorlesungen besuchten. Bis etwa 2003 hatte die an der Uni beheimatete Beratungsstelle pro Jahr gerade mal 100 Anfragen zu Familiennamen auf dem Tisch. Inzwischen fordern jedes Jahr mehrere tausend Menschen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ein solches Gutachten an.

Wegen der großen Nachfrage müssen die Interessenten bis zu ein Jahr aufs Ergebnis warten. Denn Vorrang haben nach wie vor Gutachten zu strittigen Vornamen, weil die Entscheidung dort schnell nach der Geburt fallen muss. Nicht selten müssen sich die Namensforscher dabei mit Eltern herumstreiten, die partout solche Vornamen wie Borussia oder Whiskey durchsetzen wollen. Auch den gewünschten Mädchennamen Bämmela, offenbar die sächsische Variante von Pamela, ließen die Gutachter freilich nicht durchgehen. Udolph hat dafür großes Verständnis: „Es gibt Grenzen, die mit Blick auf die Würde und das Wohl des Kindes besser nicht überschritten werden sollten.“ (AP)

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