TOP-STORY – „Niemand wusste von der Dimension der Gefährdung“ – Angelika Bruder
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Felssturz „Niemand wusste von der Dimension der Gefährdung“

Angelika Bruder

26.01.2010

Die Überreste des Hauses in Stein an der Traun werden gefilmt.  Foto: AP Photo/Matthias Schrader
Die Überreste des Hauses in Stein an der Traun werden gefilmt.

Foto: AP Photo/Matthias Schrader

Frankfurt/Main (apn) Knapp vier Jahre nach dem schweren Felssturz auf die Gotthard-Autobahn in der Schweiz, bei dem ein deutsches Ehepaar in seinem Auto getötet wurde, sind erneut zwei Menschen von einem riesigen Gesteinsbrocken erschlagen worden. Fast wären auch die beiden anderen Angehörigen der Familie in den Trümmern des eigenen Hauses umgekommen. Beide Unglücke sind spektakulär – extrem ungewöhnliche Naturvorkommnisse sind sie in den Alpen allerdings nicht.

„Das ist ein ganz natürlicher Verwitterungsprozess“, sagte der Präsident des Bayerischen Landesamtes für Umwelt, Albert Göttle, am Dienstag der Nachrichtenagentur DAPD. „Da haben wir es auf der Nordseite der Alpen wegen der Geologie noch ganz gut.“

Allerdings haben die Nordalpen nach diesen Angaben auch ihre Probleme in Form von Rutschungen und Muren, die zudem infolge des Klimawandels immer mehr zunehmen: „Wenn wir sehr feuchte Winter haben, dann werden die ohnehin vorhandenen Destabilisierungsprozesse in den Gesteinsformationen noch mehr zum Problem“, meinte der Experte.

Bruchstellen sind meist geologische Trennflächen, Spalten und Klüfte. Auslöser der Abbrüche können Frost, Temperaturwechsel, Erdbeben oder Niederschläge sein. Das Tückische an Felsstürzen ist nach den Worten Göttles, dass man sie von außen nur dann erkennen kann, wenn es Verformungen an der Oberfläche gibt.

Im Fall des verheerenden Unglücks von Stein an der Traun dürfte das nach seiner Einschätzung kaum der Fall gewesen sein: „Die Bruchstelle lag erkennbar so tief im Gestein, dass sie von außen wahrscheinlich nicht vorab festgestellt werden konnte“, meinte er. „Eine solche Dimension passiert spontan, aber mit einer langen Vorgeschichte.“ Irgendwann reiche die Stabilität der Formation dann einfach nicht mehr aus.

„,Gefahrenhinweiskarten' das Modernste, was es gibt“

Eine in unmittelbarer Nähe der Unglücksstelle gelegene, aus dem selben Gestein namens Nagelfluh aufgebaute Felsenburg wurde nach den Worten von Göttle vom LFU geologisch begutachtet. Dabei wurden Steinschlag und Felssturz nicht ausgeschlossen. „Aber niemand wusste von der Dimension der Gefährdung, sonst hätte das Landratsamt aktiv werden müssen“, meinte Göttle.

Um den Menschen in den Bergen mehr Sicherheit zu geben, arbeitet das Bayerische Landesamt für Umwelt seit Jahren an einer Kartografierung möglicher Gefahren durch Felsabbrüche oder Gesteinsrutsche. Diese sogenannten Gefahrenhinweiskarten „sind das modernste, was es im Moment auf diesem Gebiet gibt“, meinte Göttle. In vier Landkreisen an den bayerischen Alpen sind die Arbeiten schon abgeschlossen, an zwei laufen sie derzeit. Die drei letzten sind im nächsten Jahr an der Reihe.

Dazu wird nach Angaben des Behördenleiters die Oberfläche mit Laserscanning aufgenommen und daraus ein Geländemodell entwickelt, das mögliche Rutsch- oder Abbruchbereiche identifiziert. Mithilfe von Rechenmodellen werden daraus wieder Szenarien entwickelt, wie sich solche Hangbewegungen auswirken könnten. Bis zum kommenden Jahr soll dann der gesamte bayerische Alpenraum mit dieser Methode beleuchtet sein, wie Göttle weiter sagte.

Im Oberallgäu, dem ersten Kreis der untersucht worden war, zeigte sich, dass rund 30 Prozent der Fläche von Steinschlägen und Felsstürzen bedroht ist. In den anderen bisher untersuchten Kreisen sind es den Angaben zufolge rund 15 bis 20 Prozent der Fläche.

Empfänger der „Gefahrenhinweiskarten“ sind die Gemeinden sowie die Landratsämter als Rechtsaufsichtsbehörden. Das gesammelte Material soll dabei helfen, beispielsweise bei der Ausweisung neuer Baugebiete, bei Straßenbauprojekten oder beim Neubau von Liftanlagen Gefährdungen auszuschließen. „Die ,Gefahrenhinweiskarten' haben geholfen, den Respekt vor den Naturgewalten im Bewusstsein der Verantwortlichen stärker zu verankern“, meint der Behördenleiter. (AP)

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