Lieberose (apn) Seit Wochen liegt Schnee in den ausgedehnten Wäldern nahe Lieberose. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz am Rande der Lausitz in Südbrandenburg ist es klirrend kalt, kein Waldarbeiter oder Spaziergänger stört die Ruhe. Ideale Bedingungen, um neue Erkenntnisse zur Ausbreitung von Wölfen zu gewinnen. Auf der Schneedecke zeichnen sich die Spuren der erst vor wenigen Jahren wieder in Deutschland heimisch gewordenen Raubtiere besonders gut ab.
Erst in diesen Wochen hat deshalb auch Revierförster Romeo Buder Gewissheit erhalten, dass sich in seinem Wald wieder ein Wolf angesiedelt hat. Der Forstmann zeigt auf eine Sandspur von acht bis zehn Zentimetern langen Pfoten auf einem schmalen Weg, die deutlich auf dem Schnee zu sehen ist. „Hier ist er lang gelaufen, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Rüde“, sagt Buder. Zudem lieferten zwei fest installierte, automatische Kameras Ende Dezember und Anfang Januar Bilder von dem Tier.
Naturschützer und Fachleute freuen sich darüber, dass mittlerweile wieder etwa 60 Wölfe in Deutschland leben – die meisten auf ehemaligen Militär- und Bergbauflächen in der Lausitz. Denn in den vorausgegangenen gut 100 Jahren galt das Raubtier hier zu Lande als ausgerottet. 1904 wurde dem Bundesamt für Naturschutz zufolge der seinerzeit letzte „deutsche Wolf“ bei Hoyerswerda in Sachsen erschossen. „Der Wolf ist ein ganz normales Wildtier, dessen Rückkehr wir begrüßen“, sagt Oberförster Claus Seliger aus Lieberose. Auch Steffen Butzeck vom Brandenburger Landesumweltamt begrüßt die Wiederansiedlung.
Alle bisher in der Bundesrepublik gesichteten Tiere sind von Polen aus eingewandert, einige kommen möglicherweise sogar aus Weißrussland. Mittlerweile sind Einzeltiere bis nach Niedersachsen und Nordhessen vorgedrungen. Tierhalter allerdings freuen sich nicht gerade über die Migranten. Denn die Wölfe haben schnell bemerkt, dass Schafe und Ziegen auf der Weide leichtere Beute als ihr sonst bevorzugtes Wild sind. Allein in Brandenburg wurden 2008 und 2009 knapp 100 Schafe von Wölfen gerissen.
„Kein Schäfer ist natürlich froh darüber, dass hier jetzt solche Raubtiere rumlaufen“, klagt Jan Greve vom Landesschafzuchtverband Brandenburg. Seit 1990 stehen Wölfe in Deutschland unter Naturschutz. Auch Tiere, die mehrfach Schafe gerissen haben, dürfen deshalb nicht geschossen werden. Das aber fordern die Schäfer. „Wir verlangen, dass der Wolf ins Jagdgesetz aufgenommen wird“, sagt Greve. „Und das festgelegt wird, in welcher Dichte sich der Bestand entwickeln darf.“
Greve selbst hat zwar in seiner Herde auf der Wittstocker Heide bei Neuruppin noch keine Verluste zu beklagen, kennt aber viele Geschichten von Kollegen. Mit Schrecken haben die Schäfer eine Studie des Bundesamtes für Naturschutz zur Kenntnis genommen, wonach es in Deutschland ein Potenzial für mehr als 400 Rudel gibt. „Das wäre der Horror“, kommentiert Schäfer Greve.
Für Unruhe sorgt das Raubtier auch unter der Dorfbevölkerung in den Wolfsgebieten. Erzählungen machen die Runde, dass auch Menschen von Wölfen angefallen würden. In Sachsen, so heißt es, wagten sich die Tiere bis in die Gärten der Häuser vor. Ein Brandenburger Schafhalter habe sich vor einem hungrigen Wolf gerade noch in seinen Traktor retten können. Ein Jäger habe auf seinen Hochsitz flüchten müssen, nachdem ein Wolf seinen Hund bedroht habe.
Die Experten in den Forst- und Naturschutzbehörden nehmen die Ängste ernst und versuchen aufzuklären, auch wenn sie hinter vorgehaltener Hand vom „Rotkäppchen-Syndrom“ sprechen. „Ein Wolf greift in einer normalen Situation keinen Menschen an“, betont Oberförster Seliger. „In Deutschland gibt es dazu auch keine nachgewiesenen Fälle aus den vergangenen 200 Jahren.“
Steffen Butzeck vom Brandenburger Landesumweltamt zitiert eine norwegische Studie, wonach in den vergangenen 50 Jahren europaweit neun Menschen von Wölfen getötet wurden. „In fünf der Fälle hatten die Tiere Tollwut“, betont er.
Den Schäfern allerdings empfehlen die Behörden, mit geeigneten Zäunen und Hütehunden für den Schutz ihrer Tiere zu sorgen. „Wölfe wollen möglichst ohne viel Energieeinsatz ihre vier Kilo Fleisch am Tag erbeuten“, warnt Butzeck. „Da kommen ungeschützte Schafe natürlich gerade recht.“ Wer aber die richtigen Schutzmaßnahmen ergreife, könne das Risiko fast auf Null senken. Für einen großen Teil der Kosten können die Tierhalter Förderung beantragen. Und auch für von Wölfen getötete Tiere gibt es staatliche Entschädigung. (AP)
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