Aktuelle Nachrichten – Deutschland
25.09.2006
Lathen - Gegen die Verantwortlichen des schweren Transrapid-Unfalls vom Freitag wird wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung ermittelt. Die Untersuchungen erstrecken sich auf das Fahrpersonal und die beiden Fahrdienstleiter sowie möglicherweise weitere Personen. «Wir ermitteln in alle Richtungen», sagte Staatsanwalt Alexander Retemeyer am Montag in Lathen. Unterdessen ging der politische Streit um die Zukunft der Magnetschwebebahn in Deutschland weiter.
Laut Retemeyer haben drei der Überlebenden das Krankenhaus verlassen, sieben Opfer befanden sich noch in Behandlung. Die Leiche des Zugführers wurde obduziert, Ergebnisse nannten die Ermittler nicht.
Retemeyer zufolge hat die Auswertung der Funkaufzeichnungen begonnen, auf denen Schreie zu hören seien. Außerdem sei ein Videoband aus dem Cockpit sichergestellt worden. Die beiden Fahrdienstleiter, die den Transrapid trotz eines Arbeitswagens losschickten, wurden laut Retemeyer noch nicht vernommen. Sie stünden noch unter Schock.
Retemeyer stellte erstmals Einzelheiten der Unglücksfahrt dar. Ihm zufolge handelte es sich um eine «manuelle Fahrt». Aus der Leitstelle sei der Befehl zum Losfahren an den Transrapid ergangen. Der Lokführer habe den Zug aber selbst in Bewegung gesetzt.
Ein Wettergutachten soll nun die Sichtverhältnisse klären. Es sei völlig unverständlich, warum der Lokführer den Werkstattwagen vor sich nicht gesehen und erst so spät einen Nothalt ausgelöst habe. Retemeyer zufolge war der Notstopp im Transrapid erst 100 bis 50 Meter vor der Kollision erfolgt.
Am Mittwoch wollen Angehörige und Freunde in einem Gedenkgottesdienst von den 23 Opfern Abschied nehmen. Für die Trauerfeier in Lathen haben auch Bundespräsident Horst Köhler und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee zugesagt.
Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber hält an der geplanten Münchner Transrapid-Strecke fest. «Es ist nicht richtig, wenn wegen des Unglücks auf der Teststrecke im Emsland das gesamte Transrapid-Projekt in Frage gestellt wird», sagte er. «Nach allem, was wir wissen, war die Transrapid-Technologie nicht verantwortlich.» Von der Deutschen Bahn als Betreiber der Münchner Strecke und von den Herstellern werde man ein Sicherheitskonzept einfordern, das eine Wiederholung dieses Unglücks ausschließe.
Der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber sagte, der Zeitplan sei nach jetzigem Stand unverändert. Das Planfeststellungsverfahren solle spätestens in einem Jahr abgeschlossen sein. Mit Bundesverkehrsminister Tiefensee sei er der Überzeugung, dass die strittigen Finanzierungsfragen bis Ende 2006 in einem Spitzengespräch zwischen Stoiber und Bundeskanzlerin Angela Merkel gelöst werden könnten.
Dagegen forderten die Grünen das Überdenken des Projektes: Der Transrapid sei schon jetzt doppelt so teuer wie Schienentechnik und werde durch die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen noch teurer, sagte Verkehrsexperte Winfried Hermann dem MDR.
Schanghai hält nach Angaben des chinesischen Entwicklungszentrums an der Technologie fest. Der Unfall in Deutschland werde zwar Auswirkungen haben, aber die Entwicklung der Schwebebahn in der chinesischen Metropole nicht behindern, erklärte Chang Wensen vom Forschungszentrum der Nationalen Universität für Verteidigungstechnologie.
Auch Japan forciert die Entwicklung seiner Magnetschwebebahn: In den nächsten zehn Jahren sollen umgerechnet rund 2,4 Milliarden Euro in die Teststrecke westlich von Tokio und in neue Züge investiert werden, wie die japanische Bahn bekannt gab.
(AP)
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