Menschen & Meinungen – Der Präsident als Popstar – Kristen Gelineau
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Worte des Präsidenten Der Präsident als Popstar

Kristen Gelineau

22.02.2010

Beim Präsidenten Indonesiens dachte man bisher eher an politische Sorgen über Terrorismus und Korruption als an seelenvolle Liebeslieder. Foto: Tatan Syuflana/AP Photo
Beim Präsidenten Indonesiens dachte man bisher eher an politische Sorgen über Terrorismus und Korruption als an seelenvolle Liebeslieder.

Foto: Tatan Syuflana/AP Photo

Jakarta (apn) Die Worte des Präsidenten von Indonesien hallen durch den Raum. Desy lauscht aufmerksam. „Ist da in Deinem Herzen, ist da in Deiner Seele die Liebe, die Herz mein ersehnt wie Tau?“, tönt es aus den Boxen. Desy lehnt an der Theke des Plattenladens in Jakarta und lächelt. Das ist ihr Lieblingslied unter den neun Balladen, die Präsident Susilo Bambang Yudhoyono für sein neuestes Album geschrieben hat. „Ku Yakin Sampai Di Sana“ heißt es und ist vergangenen Monat erschienen.

Beim Präsidenten Indonesiens dächte man eher an politische Sorgen über Terrorismus und Korruption als an seelenvolle Liebeslieder. Doch sein „Nebenberuf“ als Popstar ist so überraschend nicht in einem sangesfreudigen Land, dessen Politiker sich gerne mal als Vortragskünstler hervortun. So trat auf dem Höhepunkt der blutigen Kämpfe gegen die Separatisten in Osttimor 1999 der frühere oberste Militär, General Wiranto, bei einem Veteranentreffen mit dem Schmachtfetzen „Feelings“ auf.

Singen ist in der 235 Millionen Menschen zählenden, bunt gemischten Gesellschaft des Inselstaates ein Mittel der Kommunikation. In abendlicher Runde werden auch Ausländer gern um ein Stück aus ihrer Heimat gebeten und tun schon höflichkeitshalber gut daran, ein Volkslied parat zu haben. Mit Musik die breite Masse zu erreichen, hat sich zur hohen Kunst entwickelt.

„Die Partei und sich selbst verkaufen müssen“

Die Lieder des Präsidenten haben alles Mögliche zum Thema, von Liebe und Familie bis Umwelt und Menschlichkeit. Interpretiert werden sie alle von populären einheimischen Künstlern. So wird „Akah“, das Lieblingslied der 24-jährigen Verkäuferin Desy, vom ersten indonesischen Popstar-Gewinner Joy Tobing gesungen. Ein bisschen schräg sei es schon, räumt Desy ein. „Aber so kriegt Yudhoyono die Leute dazu, ihm mehr zuzuhören“, vermutet sie. „Als Präsident möchte er vielleicht, dass die Leute mehr über ihn wissen.“

Die ungewöhnliche Verbindung von Politik und Pop folgt tatsächlich einer uralten Tradition. Schon die Sultane vergangener Zeiten stellten ihre Macht in prächtigen Tanzdramen zur Schau, wie die Indonesien-Spezialistin Barbara Hatley von der Tasmanischen Universität in Australien erklärt. Die Politiker von heute nutzten ihre große Medienpräsenz und seien durchaus show- und konkurrenzbewusste Darsteller. „Es hat sicherlich mit der Demokratisierung zu tun und mit der Notwendigkeit, irgendwie seine Partei und sich selbst verkaufen zu müssen“, meint sie. „Es scheint etwas zu sein, was von Politikern erwartet wird. Bei einem Konzert oder einer Veranstaltung sollten sie oben stehen und mitmachen.“

SBY mit Rockerjacke

Und wie sie das tun. Im Präsidentschaftswahlkampf 2004 trat Yudhoyono gegen seinen Rivalen Wiranto an – auf der Bühne des Popstar-Wettbewerbs. Yudhoyono, von den meisten Indonesiern nach seinen Initialen „SBY“ genannt, erschien in rockiger Lederjacke. Wiranto, der selbst ein Album mit Liebesliedern herausgebracht hat, beugte sich ins Publikum und schüttelte Hände.

Die Platten des Präsidenten riefen gemischte Reaktionen hervor. Er hat eine bescheidene Fangemeinde; sein erstes Album „Rinduku Padamu“ (Meine Sehnsucht nach dir) wurde über 45.000 mal verkauft, wie der Vorsitzende der Künstler- und Produzentenvereinigung, Dharma Oratmangun, berichtet. Andere sind nicht so begeistert. Rijalul Imam von der Studenteninitative KAMMI ist frustriert darüber, dass der Präsident die Zeit zum Singen hat, wo es so vielen Indonesiern schlecht geht. Er solle sich lieber um dringendere Angelegenheiten wie Armut und Korruption kümmern, findet Rijalul: „Ich glaube, die meisten Studenten sehen das sehr kritisch.“

Oratmangun, der dem Präsidenten bei den Arrangements behilflich ist, findet es unfair, ihm nicht ein bisschen Spaß zu gönnen. „Was ist verkehrt daran, wenn ein Präsident als Hobby Lieder oder Gedichte schreibt?“, fragt er. „Viele Weltpolitiker haben musikalische Hobbys, so wie Bill Clinton mit seinem Saxofon, und andere Politiker lieben Kunst. Ihre Begabungen sind ein Gottesgeschenk.“

Doch lieber Rod Stewart

Die künstlerische Karriere des 60-jährigen Ex-Generals Yudhoyono, der in seiner Schülerband seinerzeit Bass gespielt hatte, begann kurz nach seiner Wahl 2004. Mitarbeiter ertappten den Präsidenten gelegentlich, wie er auf der Gitarre zupfte, erinnert sich Andi Mallarangeng, früherer Sprecher Yudhoyonos und jetziger Jugendminister. Irgendwann habe er Mitarbeiter aufgefordert mitzuspielen. Mallarangeng traute seinen Ohren nicht: „Er versuchte ein Lied zu komponieren – und es war gut!“, sagt er lachend. Mehr Songs entstanden, bis Mitarbeiter vorschlugen, ein Album draus zu machen.

Im Plattenladen lässt Ade das Regal mit Yudhoyonos neuestem Werk links liegen. Der 40-Jährige lächelt, als er erfährt, dass das gerade laufende Lied über die Aufstiegschancen des kleinen Mannes vom Dorf vom Präsidenten stammt. Ist er ein Fan? Ade wirft den Kopf zurück und lacht. „Das hier, das gefällt mir“, sagt er und zeigt eine CD. Vom Cover blickt Rod Stewart. (AP)

 

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