Menschen & Meinungen – Stadtbücherei mit Sozialarbeiterin für Obdachlose – Evelyn Nieves
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Warten auf Einlass Stadtbücherei mit Sozialarbeiterin für Obdachlose

Evelyn Nieves

24.02.2010

Die Stadtbibliothek von San Francisco hat für ihren Hauptsitz, an dem hunderte Obdachlose den Tag zu verbringen pflegen, als erste in den USA eine Vollzeit-Sozialarbeiterin eingestellt. Foto: Marcio Jose Sanchez/AP Photo
Die Stadtbibliothek von San Francisco hat für ihren Hauptsitz, an dem hunderte Obdachlose den Tag zu verbringen pflegen, als erste in den USA eine Vollzeit-Sozialarbeiterin eingestellt.

Foto: Marcio Jose Sanchez/AP Photo

San Francisco (apn) Wenn die Stadtbücherei öffnet, wartet John Banks schon auf Einlass. Er sucht sich einen Platz und bleibt, bis geschlossen wird. Dann fährt er mit seinem Rollstuhl zurück zum Busbahnhof, wo er die Nächte verbringt. Wie viele obdachlose Besucher öffentlicher Bibliotheken will Banks nichts anderes als einen sauberen, sicheren Ort, wo er friedlich sitzen kann. Er will mit niemandem reden und auch nicht angesprochen werden. Wenn er einmal Hilfe möchte, weiß er, wohin er sich wenden kann: an die Sozialarbeiterin der Bücherei.

Die Stadtbibliothek von San Francisco hat für ihren Hauptsitz, an dem hunderte Obdachlose den Tag zu verbringen pflegen, als erste in den USA eine Vollzeit-Sozialarbeiterin eingestellt. Amerikanische Städte versuchen auf unterschiedliche Weise mit einer Klientel umzugehen, die die Waschräume zum Duschen und die Toilettenkabinen als Druckräume benutzt. In Philadelphia und San Francisco heuerten Bibliotheken Obdachlose als Toilettenpersonal an, das andere in gleicher Lage auf Hilfseinrichtungen verweist, wo sie ein Bad nehmen können. Portland versucht es mit Strafen für ungebührliches Betragen: ein Tag Bibliotheksverbot fürs Rasieren, drei Jahre für eine Schlägerei.

Therapeuten beraten Mitarbeiter

Dem Sozialarbeiter-Modell der San Francisco Public Library könnten andere bald folgen. Da die Städte in der Wirtschaftskrise Sozialprogramme zusammenstreichen, landen diejenigen, die nirgendwo mehr hinkönnen, zunehmend in den öffentlichen Bibliotheken. Sie böten zwar seit jeher Außenseitern Zuflucht, erklärt die Präsidentin des Amerikanischen Bibliothekenverbands (ALA), Camila Alire. Doch mehr denn je habe man es mit Menschen zu tun, die psychische Probleme hätten oder schlicht Essen und Obdach brauchten.

„Öffentliche Bibliotheken tun ihr Bestes, um ihren Nutzern zu dienen und auch denen, die noch nie Nutzer waren“, sagt Alire. Sie hoffe, dass das Sozialarbeitermodell als Beispiel diene: „Denn solche Leute haben die Ausbildung dafür, diesen Besuchern zu helfen, die jedes Recht zur Benutzung öffentlicher Einrichtungen haben.“

Andere Bibliotheken lassen ihre Mitarbeiter von Therapeuten im Umgang mit schwierigen Klienten beraten. Der Psychotherapeut Edmond Otis etwa bringt ihnen bei, wie psychisch gestörten oder drogenabhängigen Menschen am besten zu begegnen ist. „Es gibt Möglichkeiten, jemanden anzusprechen“, versichert er. Ruhig bleiben, alle Besucher mit Respekt behandeln, Regeln festsetzen und einhalten, ist sein Rat.

Hilfsangebot durch Mundpropaganda

Manche haben es mit sehr vielen Gestrandeten zu tun. In San Francisco liegt das Hauptgebäude der Bibliothek in einer Gegend, wo viele Obdachlose zusammenkommen, wo es Notunterkünfte und Armenküchen gibt. An manchen Vormittagen scheint das Publikum der Bücherei überwiegend aus Menschen zu bestehen, die ihre ganze Habe in Plastiktüten mit sich tragen. Jahrelang hatten die Mitarbeiter den „Stammgästen“, die ihre Tage zwischen Bücherstapeln blätternd oder einnickend verbringen, nur Mitgefühl zu bieten. Beschwerten sich andere Besucher über Störungen, konnten sie nur die Polizei rufen.

Letztes Jahr dann wurde in Kooperation mit dem Gesundheitsamt Leah Esguerra eingestellt. Die Sozialarbeiterin hat die heikle Aufgabe, für Hilfsbedürftige bereitzustehen, ohne diejenigen zu bedrängen, die nur in Ruhe gelassen werden wollen. Sie schätzt, dass sie in den vergangenen sechs Monaten 200 Menschen helfen konnte – nicht alle waren obdachlos oder hungrig. „Manche sind depressiv, weil sie keine Arbeit finden. Oder sie haben einen geliebten Menschen verloren“, berichtet sie. „Wenn Leute nach mir fragen, gehe ich auf sie zu. Und durch Mundpropaganda wissen die anderen auch, dass es mich gibt.“

Auch John Banks in seinem mit Tüten bepackten Rollstuhl, der nicht so gut lesen kann und am liebsten einfach nur hier sitzen möchte, wird sich vielleicht demnächst an sie wenden. „Ich muss die ganze Wäsche hier machen“, sagt er und deutet auf die Tüten voller Klamotten hinter seinem Rücken. „Vielleicht kann sie dabei helfen.“

http://sfpl.lib.ca.us/ (AP)

 
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