Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Wirbel um Erfindung des europäischen Porzellans – Lars Rischke
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Geschichte

England oder Deutschland? Wirbel um Erfindung des europäischen Porzellans

Lars Rischke

26.02.2010

Detail einer Vase von Johann Joachim Kändler, Modelleur der Meißener Porzellanmanufaktur, 1741. Bisher galt Deutschland als Porzellanpionier Europas. Foto: apn Photo/Matthias Rietschel
Detail einer Vase von Johann Joachim Kändler, Modelleur der Meißener Porzellanmanufaktur, 1741. Bisher galt Deutschland als Porzellanpionier Europas.

Foto: apn Photo/Matthias Rietschel

Dresden (apn) Deutsche Experten haben erhebliche Zweifel, dass Engländer das erste europäische Porzellan erfunden haben könnten – bereits Jahrzehnte vor Johann Friedrich Böttger. Dies sei äußerst unwahrscheinlich, sagte der Kunstexperte Ulrich Pietsch am Freitag auf einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz in Dresden. „Die Geschichtsbücher müssen nicht umgeschrieben werden.“ Er reagierte damit auf neue Untersuchungsergebnisse britischer Forscher.

Deren Analysen hatten ergeben, dass drei historische Vasen nicht wie bislang angenommen aus emailliertem Glas, sondern aus Porzellan bestehen. Die Stücke aus einer englischen Sammlung sollen Urkunden zufolge bereits vor 1683 entstanden sein. Damit wären sie mindestens 25 Jahre älter als das erste von Böttger hergestellte Porzellan im Jahr 1708. Britische Keramikhistoriker gehen davon aus, dass die Vasen möglicherweise aus einer Glashütte im Londoner Stadtteil Vauxhall stammen.

Pietsch, der die Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden leitet, sprach von vielen Ungereimtheiten. Wenn das europäische Porzellan tatsächlich dort erfunden worden sein sollte, wäre es unverständlich, warum keine Manufaktur gegründet und ganz Europa mit dem begehrten „weißen Gold“ beliefert worden sei. Auffällig sei auch, dass es nur diese wenigen Stücke gebe.

Pietsch sagte weiter, es sei zweifelhaft, ob die Stücke tatsächlich in England hergestellt worden seien. Vieles spreche dafür, dass es sich um Porzellan aus Ostasien handele, das dann in England bemalt worden sei. Es gebe auch in der Dresdner Sammlung zahlreiche solche Beispiele. Der Kunsthistoriker berief sich dabei auch auf vergleichende Material-Untersuchungen.

Analyse deutet auf Ware aus Ostasien

Der Freiberger Materialforscher Bernd Ullrich sagte, er habe in der Vergangenheit eine Vielzahl historischer chinesischer und japanischer Porzellane mit Hilfe der Elektronenstrahlanalyse untersucht. „Die aus diesen Porzellanen ermittelten Daten ähneln jenen Ergebnissen, die von der Forschergruppe des British Museum an den alten keramischen Erzeugnissen aus England veröffentlicht wurden.“ Es sei daher naheliegend, dass es sich um Weißware aus Ostasien handele.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Physiker des Forschungszentrums Dresden-Rossendorf, die mit der Ionenstrahlanalyse zerstörungsfreie Prüfungen vornehmen. Pietsch fügte hinzu, die Berichte aus Großbritannien habe man mit Überraschung, aber auch mit Gelassenheit zur Kenntnis genommen. Man sei aber bereit, gemeinsam mit den britischen Kollegen das Ganze wissenschaftlich weiter aufzuarbeiten. „Wir wollen keinen Krieg eröffnen.“

Sachsen will nach seinen Angaben auch nicht gegen das Online-Lexikon Wikipedia vorgehen, in dem Böttchers Verdienste in einem neuen Eintrag bereits relativiert werden. Was dort stehe, sei ohnehin nicht verbindlich, sagte Pietsch.

Nach bisherigen Erkenntnissen hat Böttger 1708 das europäische Hartporzellan erfunden. Grundlage waren Versuche von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus. 1710 gründete August der Starke dann in Dresden eine Porzellanmanufaktur. Noch im selben Jahr wurde die Produktion nach Meißen verlegt. Dies gilt als die Geburtsstunde der ersten europäischen Porzellanmanufaktur, die in diesem Jahr ihr 300-jähriges Jubiläum feiert. (AP)

 

Schlagworte

 
Anzeige
Anzeige
Anzeige