Kultur – Byzanz in neuem Licht – Bernd Kregel / Gastautor
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Bonner Bundeskunsthalle Byzanz in neuem Licht

Bernd Kregel / Gastautor

26.02.2010

Foto: Bernd Kregel

Foto: Bernd Kregel

Byzanz: Pracht und Alltag — Neue Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle bis 13. Juni 2010

Eine der tragenden Säulen des oströmischen Reiches war zweifelsohne die Diplomatie. Ist es daher mehr als ein Zufall, dass gleich drei Kaiser von Format, nämlich Konstantin, Theodosius II. und Justinian am Anfang der Ausstellung zur Begrüßung angetreten sind, um im fernen Westen die Vorzüge der oströmischen Kultur zu präsentieren? Selbst als Steinporträts glaubt man ihnen eine gewisse Genugtuung noch anzumerken.

Sind es doch 1100 stolze Jahre, für die sie und ihre Nachfolger stehen. Jahre von „Pracht und Alltag", wie der Untertitel der Bonner Byzanz-Ausstellung erklärend hinzufügt. Von der Gründung Konstantinopels durch Kaiser Konstantin im Jahre 324 bis hin zur feindlichen Übernahme der Stadt durch Mehmet II. im Jahre 1453. Und dazwischen Höhen und Tiefen einschließlich der Plünderung Konstantinopels durch das Kreuzritterheer im Jahre 1204.

Doch Byzanz, das macht die Ausstellung schnell deutlich, ist mehr als Konstantinopel. Es ist ein ganzer Kulturkreis, der politisch, religiös und künstlerisch das Erbe Westroms nach dessen Fall im Jahre 476 komplett übernommen und gepflegt hat. Ein Erbe, das sich selbst nach der Eroberung Konstantinopels auch jenseits der ursprünglichen Grenzen neu formiert und weiter gewirkt hat.

Ist der Tag der Ausstellungseröffnung auch gleich „ein großer Tag für Deutschland", wie der Kurator der Ausstellung, Falko Daim vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz feststellt? Allein schon aus dem Grund, dass diese Ausstellung in der Tat einmalig ist und anschließend nirgendwo sonst gezeigt wird. In der Tat eine aufwändige Präsentation, an der 80 Leihgeber und ein Katalog, an dem ebenso viele Autoren beteiligt waren. Einzig und allein für dreieinhalb Monate in der Bundeskunsthalle in Bonn!

Für Falco Daim ist es jedoch mehr, was sich hier abspielt: Es ist das Eingeständnis, dass in der Forschung und im allgemeinen Bewusstsein das Byzanz-Bild des Abendlandes falsch war. Und nun sei das Thema erneut auf der Tagesordnung, um eine neue, korrigierte Sichtweise erstehen zu lassen. Eine Deutung, die in der Kultur von Byzanz mehr sieht als die bisher postulierte „Dekadenz" des vorangegangenen weströmischen Reiches.

In dieser erstmaligen und einmaligen Ausstellung gehe es also darum, Byzanz in neuem Licht erstehen zu lassen und das westliche Bild auf wissenschaftlicher Grundlage zu korrigieren. Byzanz - ein über tausend Jahre währendes Missverständnis? Das religiöse Schisma des 11. Jahrhunderts zwischen Orthodoxie und Katholizismus untermauert diese These.

Dabei hätte man schon früher erkennen können, dass Byzanz stets eine historische Brückenfunktion wahrnahm, als Verbindungsstück zwischen der griechisch-römischen Antike und der Moderne, zwischen der mit den Germanenreichen neu entstandenen westlichen Kultur und dem Orient. Und wenn es sein musste auch als Bollwerk gegenüber dem muslimischen Ansturm aus dem Osten.

War es etwa das schlechte Gewissen der Kreuzritter nach der Plünderung Konstantinopels, das sich mit Verleumdungen gegenüber der anderen Kultur zu rechtfertigen suchte? Oder nur der Neid gegenüber der sichtbaren Pracht von Seide und Elfenbein, von Gold und Edelstein? Zumindest ist manches davon übrig geblieben und präsentiert sich nun als Bestandteil dieser hochkarätigen Ausstellung.

In zahlreichen Exponaten befasst sie sich mit dem Zentrum des Reiches selbst, der Stadt Konstantinopel. Wunderschön die Relieftafel aus Elfenbein mit der Darstellung einer byzantinischen Kaiserin, mit der der Künstler zu Beginn des 6. Jahrhunderts den Prunk und die Pracht am byzantinischen Hof zum Ausdruck bringt. Dabei geizt er nicht mit Perlen, Marmor und luxuriösen Stoffen und natürlich mit den üblichen Insignien imperialer Macht.

Räuchergefäß in Form eines Fünfkuppelbaus, 12. Jahrhundert, Venedig.
Räuchergefäß in Form eines Fünfkuppelbaus, 12. Jahrhundert, Venedig.

Foto: Bernd Kregel

Demgegenüber das der Welt abgewandte Klosterleben anhand von Beispielen aus dem Katharinenkloster am Fuße des Moseberges auf dem Sinai. Eindrucksvoll die Ikone mit der Darstellung Johannes' des Täufers aus dem 6. Jahrhundert. In zerzauster Frisur und schlicht bekleidet mit einem Gewand aus Schafsfell verweist er gemäß seiner biblischen Rolle mit erhobener Hand auf Christus als das Lamm Gottes.

Ein weiteres Beispiel der Ausstellung thematisiert die Wallfahrtsorte und das Pilgerwesen jener Zeit, in der von schuldbewussten Gläubigen bereits Fernreisen für das Seelenheil unternommen wurden. Sicherlich nicht nur arme Sünder. Ein goldener Anhänger mit den drei Weisen, der Madonna mit dem Kind und einem schwebenden Engel muss einem reichen Büßer gehört haben, der sich mit der griechischen Inschrift „Herr, schütze den Träger. Amen" der Hilfe von oben vergewisserte.

Dass die byzantinischen Kaiser auch städtebauliche Schwerpunkte setzten, belegt ein anderer Teil der Ausstellung. Er dokumentiert, dass Kaiser Justinian mit Iustiniana Prima eine Stadt am Reißbrett erstellen ließ, die wie kein anderer Ort das Idealbild einer frühbyzantinischen Stadt verkörperte. Filigrane Kapitelle mit Tier- und Pflanzenmotiven verweisen auf die handwerklichen Qualitäten jener Epoche.

Demgegenüber blickt die Stadt Ephesus zurück auf eine bereits vorchristliche Tradition. Als Militär- und Verwaltungszentrum war sie jedoch in späterer Zeit bis zu ihrem Übergang in osmanische Hände ein Paradebeispiel für die Wirtschaft und das alltägliche Leben in einer byzantinischen Stadt. Als äußerst realistisch zeigt sich ein Ölkrug in Bärengestalt, dessen Entstehung sogar zurückreicht in die spätrömische Zeit des 3.-4. Jahrhunderts.

Dokumentiert wird auch das vorzüglich funktionierende Militärwesen zu Lande und zu Wasser. Besonders schön anzusehen ist die Glasmosaik-Replik des alten Hafens von Classis bei Ravenna, ausgeliehen in Mainz aus dem Museum für Antike Schifffahrt. Sie zeigt als farbenprächtigen Ausschnitt die von zwei Türmen flankierte Hafeneinfahrt mit drei perspektivisch hintereinander gruppierten Schiffen im Hafenbecken.

Kästchen von Troyes
Kästchen von Troyes

Foto: Bernd Kregel

Dabei darf nicht übersehen werden, dass Ravenna, neben Rom und Mailand zeitweise selbst Hauptstadt des weströmischen Reiches, nach der Rückeroberung durch Kaiser Justinian zu einem byzantinischen Verwaltungsbezirk ausgebaut wurde. So konnte sie sich entfalten zu einer Mosaik-Hauptstadt, wie die Bildnisse von Kaiser Justinian und seiner Gemahlin Theodora eindrucksvoll beweisen.

Abschließend brilliert die Ausstellung mit einer Zusammenstellung von Exponaten, die gleichzeitig die Pracht und die Ohnmacht von Byzanz im Spätmittelalter symbolisieren, indem sie als Kunstgegenstände durch Plünderung oder Diebstahl entwendet werden und anderswo wieder auftauchen: zum Beispiel das wunderschöne, rot eingefärbte Elfenbeinkästchen von Troyes, das filigrane Räuchergefäß in Form eines Fünfkuppelbaus aus Venedig oder die schön gestaltete Ikone mit der Darstellung von Abrahams Gastmahl in Athen.

Kein Zweifel: Dies war „ein großer Tag für Deutschland", das nun bis zum 13. Juni 2010 alle diese Kostbarkeiten in der Bonner Bundeskunsthalle bestaunen darf.

www.bundeskunsthalle.de

 
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