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Blick gen Himmel „Ein Universum für alle“

Karin Laub

28.03.2010

Das Universum gehört allen. Suleiman Baraka lehrt Kinder in Khan Younis, im südlichen Gazastreifen. Durch das Teleskop können sie die unendliche Schönheit des Alls sehen. Foto: AP Photo/Khalil Hamra
Das Universum gehört allen. Suleiman Baraka lehrt Kinder in Khan Younis, im südlichen Gazastreifen. Durch das Teleskop können sie die unendliche Schönheit des Alls sehen.

Foto: AP Photo/Khalil Hamra

Chan Junis (apn) Suleiman Baraka ist Lichtjahre weit gekommen. Als ältestes von 14 Kindern eines Schlachters im Gazastreifen stieg er aus bescheidenen Verhältnissen in kriegszerrissener Umgebung auf zum Astrophysiker und Forscher für die US-Raumfahrtbehörde NASA. Mit 45 Jahren ist er jetzt wieder zu Hause und auf neuer Mission: Kinder zu lehren, aus ihrem eingesperrten, armseligen Dasein aufzuschauen und die grenzenlose Schönheit des Universums zu entdecken.

Er hat das erste Teleskop im Gazastreifen beschafft, eine Spende der International Astronomical Union, und will an den drei Universitäten Gazas Astronomie als Lehrfach einführen. Außerdem träumt er davon, ein Observatorium zu bauen und eine geomagnetische Forschungsstation.

Das klingt sehr ehrgeizig für das palästinensische Autonomiegebiet, das seit Jahren von Israel wie von Ägypten abgeriegelt wird. Doch Baraka ist von unerschütterlichem Optimismus. In einer von politischen und religiösen Konflikten zerrissenen Welt sucht er die Gemeinsamkeiten, nicht das Trennende. „Es gibt ein schönes Universum für alle – ohne Grenzen, ohne Zäune, ohne Mauer“, sagt er.

Diesem Glauben ist er treu geblieben, selbst als er bei der israelischen Offensive im Gazastreifen vor etwas über einem Jahr seinen elfjährigen Sohn Ibrahim verlor. Baraka hatte damals ein Forschungsstipendium der NASA und war gerade zwei Monate an der Virginia Tech. Seine Frau und die vier Kinder waren daheim in Chan Junis im südlichen Gazastreifen geblieben.

„Sternenparty“ zu Ehren des toten Sohnes

Am 29. Dezember 2008 wurde das Haus der Familie von einem israelischen Kampfflugzeug bombardiert. Ibrahim kam mit einem Schädelbruch in ein ägyptisches Krankenhaus. Baraka flog aus den USA hin und betete. Weinend saß er am Bett des Kindes. Ibrahim erlangte das Bewusstsein nicht wieder und starb nach einer Woche – eines von rund 1.400 palästinensischen Todesopfern des Angriffs, der den jahrelangen Raketenbeschuss Israels durch die militante Hamas beenden sollte.

Baraka durfte während des Krieges den Gazastreifen nicht betreten und fehlte beim Begräbnis seines Sohnes. Da er sonst nirgendwo hin konnte, flog er wieder in die USA und beendete sein Forschungsjahr. Im Oktober kehrte er nach Gaza zurück, mit einem neuen Ziel: Kinder für den Weltraum zu begeistern und das Andenken seines Sohnes zu ehren.

Am Abend des 12. März eröffnete er seine erste „Sternenparty“. Eine NASA-Kappe auf dem Kopf, stellte er im Hof der Schule seines Sohnes in Chan Junis das Teleskop auf. Drei Dutzend Schüler, darunter auch eine Handvoll Mädchen, scharten sich darum, zudem einige Eltern und Lehrer. Ein paar Erwachsene fragten, ob Weltraumforschung denn mit dem Islam vereinbar sei. Baraka zitierte zu ihrer Beruhigung entsprechende Auszüge aus dem Koran.

Schon als Schüler vom All fasziniert

Der Astrophysiker Suleiman Baraka mit seiner Familie bei der Hütte seiner Mutter in Khan Younis. Der Älteste von 14 Kindern eines Schlachters wurde einer der Weltallwetterexperten und Forscher für die NASA.
Der Astrophysiker Suleiman Baraka mit seiner Familie bei der Hütte seiner Mutter in Khan Younis. Der Älteste von 14 Kindern eines Schlachters wurde einer der Weltallwetterexperten und Forscher für die NASA.

Foto: AP Photo/Khalil Hamra

Dann traten die Kinder ans Teleskop. „Das ist wunderschön“, staunte der 14-jährige Abdullah Madschaideh nach einem Blick gen Himmel. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal durch ein Fernrohr schaue und die Welt da draußen sehe.“ Baraka war zu Tränen gerührt.

Die endlosen Weiten zu erleben, ist eine seltene Erfahrung für die Menschen im Gazastreifen, die ringsum an Grenzen stoßen. Das 360 Quadratkilometer große Gebiet, auf dem 1,5 Millionen Einwohner dicht gedrängt leben, wird von allen Seiten durch Zäune, Mauern und die israelische Marine abgesperrt. Kontakte mit der Außenwelt sind selten. Baraka hatte den früheren US-Astronauten Jeffrey Hoffman und den Leiter der astronomischen Vereinigung, Bob Williams, nach Gaza eingeladen. Doch wegen der Unsicherheit bei der Ein- und Ausreise in das Gebiet beließen die beiden es im Januar bei einem Besuch im Westjordanland.

Die Faszination des Weltraums packte Baraka schon in der Mittelschule. In seiner Familie sei das Lernen hoch geschätzt worden, erzählt Baraka, obwohl seine Eltern selbst nur wenig Schulbildung besaßen. Bis auf zwei besuchten alle seine zahlreichen Geschwister höhere Schulen.

Aus der Politik zurück zur Wissenschaft

Nach dem Physikstudium wandte er sich der Politik zu, saß wegen Mitliedschaft in der damals verbotenen Fatah-Bewegung zwei Jahre in einem israelischen Gefängnis und hatte später Ämter in der palästinensischen Autonomieregierung inne. Doch als die Friedensbemühungen im Jahr 2000 scheiterten, kehrte er in die Wissenschaft zurück. Er erwarb an der Islamischen Universität Gaza sein Diplom, am Pariser Institut für Astrophysik den Doktorgrad und ging nach einem kurzen Aufenthalt in Gaza an die Technische Universität Virginia.

Heute leben Baraka, seine Frau und die drei Kinder in einer spärlich möblierten Wohnung voller Bücher gegenüber ihrem zerstörten Haus. Er weiß nicht, warum es ausgerechnet sein Haus traf. Seine Familie hatten damals sicherheitshalber das Haus verlassen, aber Ibrahim und seine Großmutter seien gerade in der Nähe gewesen, als die Bombe fiel.

Er versucht seine Forschungsarbeit fortzusetzen, doch er vermisst den täglichen Austausch mit Kollegen. Häufig fällt wegen der Blockade der Strom aus. Seine größte Befriedigung wäre es, wenn er junge Leute begeistern könnte, etwa in dem Astronomiekurs an der Universität, den er im Herbst zu geben hofft. „Ich werde ihnen den Weg weisen“, sagt Baraka, „so wie man mir den Weg gewiesen hat.“ (AP)

 

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