Aktuelle Nachrichten – Menschen & Meinungen
08.09.2010
Foto: Polfoto/AP Photo
Berlin (dapd). Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard lebt seit Jahren unter Polizeischutz: Am 30. September 2005 erschien seine Mohammed-Karikatur zusammen mit elf Zeichnungen von Kollegen zum gleichen Thema in der Zeitung "Jyllands-Posten". Seine von Muslimen als beleidigend empfundene Darstellung des Propheten, der eine Bombe mit brennender Zündschnur als Turban trägt, hat bis heute brisante Wirkung. Westergaard entkam mehreren Mordversuchen. Am Mittwochabend sollte der 75-Jährige in Potsdam während der internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium mit dem M100 Medienpreis ausgezeichnet werden. Der M100-Beirat verleiht ihm die Auszeichnung als Anerkennung für sein unbeugsames Eintreten für Presse- und Meinungsfreiheit und für seinen Mut, zu diesen demokratischen Werten zu stehen und sie trotz Gewalt- und Todesdrohungen zu verteidigen.
Er sei nur ein Karikaturist, der seine Arbeit getan und dabei dänische Grundwerte verteidigt habe, sagte Westergaard in Interviews. Und: "Ja, ich würde es wieder machen." Seine Karikatur habe den Schleier der Political Correctness in Dänemark zerrissen, der "bis dahin über allem lag, was mit dem Islam zu tun hat". Monate nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen war es in der islamischen Welt zu Ausschreitungen gekommen. Dabei sollen bis zu 150 Menschen getötet worden sein.
Auf Westergaard haben extremistische Islamisten angeblich ein Kopfgeld von umgerechnet mehreren Millionen Dollar ausgesetzt. Im November 2007 vereitelte der dänische Polizeigeheimdienst PET einen Mordanschlag auf ihn. Seither stehen Westergaard und seine Familie unter Polizeischutz. Mit seiner sechs Jahre jüngeren Ehefrau Gitte ist er anfangs im Wochenabstand umgezogen. "Für uns ist es, als wäre eine Art dunkler Depression über uns hereingebrochen", sagte der Zeichner.
Im Februar 2008 nahm die Polizei in Aarhus drei Männer fest. Die zwei Tunesier und der Däne marokkanischer Abstammung sollen die Ermordung Westergaard geplant haben. Am Neujahrsabend 2010 zerschlug ein Mann somalischer Abstammung mit einer Axt eine Fensterscheibe und drang in sein Haus ein. Westergaard konnte sich mit seiner fünfjährigen Enkelin in seinem zum Sicherheitsraum umgebauten Badezimmer einschließen und von dort per Alarmanlage die Polizei verständigen. Der Attentäter schlug auf die Tür ein und beschimpfte Westergaard, rief ihm Wörter zu wie "Rache" und "Blut". Polizisten überwältigten ihn nach wenigen Minuten.
Westergaard lehnt es bis heute mit Hinweis auf die Meinungs- und Kunstfreiheit ab, Muslime für seine Karikatur um Entschuldigung zu bitten. Mit der Mohammed-Karikatur wollte er nach eigenen Worten illustrieren, dass Extremisten ihre "geistige Munition" aus dem Islam beziehen. Westergaard betonte, er wolle nicht die Religion kritisieren. Er bezeichnet sich als "kulturradikalen und multikulturellen Provokateur". "Wir sind in unserer Familie Sexualglobalisten und haben unsere Partner von Peru bis zum Iran gefunden", wird er zitiert.
Im Gespräch mit ZDF-Moderator Markus Lanz sagte Westergaard im Mai dieses Jahres, er sei alles andere als ein "Rassist" und habe auch schon öfter die christlichen Kirchen satirisch aufs Korn genommen. So zeichnete er Jesus, wie er im Armani-Anzug vom Kreuz steigt. Er selbst sei Atheist, heißt es.
Über seine Biografie ist wenig bekannt. Der am 13. Juli 1935 geborene Kaufmannssohn wuchs in einem Dorf in Nordjütland auf. Dort sah er sich laut "Zeit" von "christlichen Fundamentalisten" umgeben. Er sei als junger Mann auf der Suche nach einer Ideologie durch die kommunistische Welt gereist, nach Havanna, Tirana, Moskau, heißt es. In Dänemark sei er dann Lehrer an einer Schule für behinderte Kinder geworden, habe in einer Kommune gelebt und viele politisch links stehende Freunde gehabt. Später arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Englisch und Kunsterziehung. Mit 50 Jahren entschied er sich, Zeichnen zu seinem Beruf zu machen.
Die Mohammed-Karikatur bezeichnet er als ganz normale Auftragsarbeit. Er habe dafür 45 Minuten gebraucht. Die Zeichnung verwahrt er nach Medienberichten als "Teil der dänischen Geschichte" im Banksafe. In seinem Haus in Aarhus kann er nicht mehr wohnen. Inzwischen hat er eine Wohnung in Südeuropa, wie die "Zeit" berichtete. Verstecken will er sich nicht. "Ich bin ein alter Mann und nicht mehr so ängstlich", sagte er im Oktober 2009 im Interview der Zeitung "Jyllands-Posten".
Bereut hat er nur, dass er auf einem Kongress der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei aufgetreten ist. Dort hielt er eine umjubelte Rede. Später sagte er: "Da habe ich einen Fehler gemacht – aus Enttäuschung. Ich bin sehr enttäuscht von meiner eigenen intellektuellen Klasse." Viele hatten sich von ihm abgewandt. Er bekam nach eigenen Worten oft zu hören: Wenn er nicht bereit sei, sich bei "den Muslimen" zu entschuldigen, müsse er sich die Folgen selbst zuschreiben.
Für eine Karikatur fand Westergaard kein Medium, dass sie veröffentlichen würde. Laut "Zeit" zeigt sie eine Frau in einer Burka: In ihrem runden Bauch ist kein Kind, sondern eine Bombe. Inzwischen – im Juni dieses Jahres – hat Westergaard Schluss gemacht mit seinem Berufsleben. Er fand es an der Zeit, in den Ruhestand zu treten. (AP)
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