Frankfurt/Main - In der Liste der deutschen Bundeskanzler ist Angela Merkel die Nummer Acht. Sie ist zugleich die erste Frau, die das höchste Regierungsamt bekleidet. Vor ihr hatten von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder sieben Männer das Bundeskabinett geführt. Dabei war Helmut Kohl der Kanzler mit der längsten Amtszeit: Mit mehr als 16 Jahren übertraf sie noch die gut 14 Jahre Adenauers.
Konrad Adenauer
Der von den Nazis als Kölner Oberbürgermeister abgesetzte CDU-Politiker Adenauer war schon 73 Jahre alt, als er am 15. September 1949 zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt wurde. Kein Wunder, dass er schnell den Beinamen «der Alte» erhielt. 1957 holte der CDU-Vorsitzende für die Union sogar die einzige absolute Mehrheit in der Geschichte der Bundesrepublik. Ansonsten regierte Adenauer, bis er 1963 im Alter von 87 Jahren zurücktrat, in wechselnder Konstellation mit FDP, Deutscher Partei (DP) und BHE (Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten) als Koalitionspartnern. Als größte Leistungen seiner Kanzlerschaft gelten der Wiederaufbau, die Westintegration Deutschlands einschließlich Gründung von EWG und NATO, die Schaffung der Bundeswehr und die Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung. Schwerste Rückschläge waren der Mauerbau 1961 und die «Spiegel»-Affäre 1962.
Der 1897 in Fürth geborene Wirtschaftsprofessor Erhard hat sich vor allem als Vater des Wirtschaftswunders und der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland einen Namen gemacht. Das betraf allerdings mehr seine Funktion als Bundeswirtschaftsminister unter Adenauer. Bundeskanzler war Erhard nur etwas mehr als drei Jahre lang von 1963 bis 1966. In seine Amtszeit fiel unter anderem die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel. Wirtschaftspolitisch vertrat er ein «Programm der Sparsamkeit und Nüchternheit», fast schon sprichwörtlich waren seine Appelle zum «Maß halten». Weniger gut kam sein Wort von den «Pinschern» an, mit dem er in einer Rede kritische Schriftsteller belegte. Die erste Bundestagswahl ohne Adenauer gewann Erhard 1965 souverän, doch ein Jahr später zerbrach seine Koalition im Streit mit der FDP über die Haushaltspolitik. Am 1. Dezember 1966 dankte er ab.
Der ehemalige Rechtsanwalt Kiesinger, der einst Mitglied der NSDAP war, führte von 1966 bis 1969 die erste große Koalition in der Bundesrepublik mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt als Außenminister und Vizekanzler an seiner Seite. Tatsächlich galt der CDU-Politiker, der zuvor Ministerpräsident von Baden-Württemberg war, als Mann des Ausgleichs. Wegen seines rhetorischen Talents wurde Kiesinger der Spitzname «Häuptling Silberzunge» gegeben. In seine Amtszeit fielen die Schaffung der Stabilitätsgesetze, aber auch der Notstandsgesetze, die in der Folge die Außerparlamentarische Opposition (APO) mit Studentenunruhen in vielen deutschen Städten hervorriefen. Nach der verlorenen Bundestagswahl 1969 blieb der 1904 geborene Kiesinger noch zwei Jahre CDU-Vorsitzender.
Willy Brandt
Der 1913 in Lübeck geborene Brandt war der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik. Nach der Bundestagswahl 1969 bildete der einst von den Nazis verfolgte Journalist und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin zusammen mit der FDP die sozialliberale Koalition. Seine Regierungserklärung stand unter dem Motto «Mehr Demokratie wagen», und Brandt leitete Reformen im Innern ein. Vor allem verbindet sich sein Name aber mit der Entspannungspolitik im Osten, die sich in den Verträgen von Moskau und Warschau, aber auch in Treffen mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph niederschlug. 1971 erhielt Brandt dafür den Friedensnobelpreis. Der langjährige SPD-Vorsitzende machte auch mit Frauengeschichten Schlagzeilen und trat schließlich 1974 nach Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im Kanzleramt zurück.
Der bei der Bekämpfung der Hochwasserkatastrophe 1962 bekannt gewordene ehemalige Hamburger Innensenator Schmidt hatte sich in Bonn als SPD-Fraktionschef, Verteidigungs- sowie schließlich als Wirtschafts- und Finanzminister einen Namen gemacht. Ab Mai 1974 führte er als Nachfolger Brandts die sozialliberale Koalition fort. Nach einer jüngst veröffentlichten Umfrage gilt der mittlerweile 86-jährige Sozialdemokrat als der erfolgreichste deutsche Bundeskanzler. Von Kritikern als «Weltökonom» verspottet, erwarb sich Schmidt im Kampf gegen die Weltwirtschaftskrise, aber auch in der entschlossenen Abwehr des RAF-Terrorismus Respekt. Gegen Ende seiner Amtszeit gab es in der SPD Widerstand gegen Schmidts Ja zum NATO-Doppelbeschluss. Im Oktober 1982 wurde er mit Hilfe der FDP in einem konstruktiven Misstrauensvotum als Kanzler abgewählt.
Helmut Kohl
Nachfolger als Chef einer Koalition aus CDU/CSU und FDP wurde der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kohl. 1930 in Ludwigshafen geboren, war der ehemalige Referent eines Industrieverbands seit 1973 CDU-Vorsitzender. Mit seinem Freund François Mitterrand erfüllte er die deutsch-französische Freundschaft mit neuem Leben, legendär wurde beider Händedruck an den Weltkriegsgräbern in Verdun. Zwar wurde Kohl immer wieder vorgeworfen, Probleme auszusitzen. Als größte politische Leistung Kohls aber ist nach dem Mauerfall von 1989 die deutsche Wiedervereinigung 1990 unumstritten. Nach der längsten Amtszeit aller Kanzler verlor Kohl 1998 die Bundestagswahl. Das Zerwürfnis mit großen Teilen der CDU nach Aufdeckung der Spendenaffäre 1999 gilt inzwischen als überwunden.
Gerhard Schröder
Zusammen mit Joschka Fischer bildete der vormalige niedersächsische Ministerpräsident Schröder nach dem Wahlsieg 1998 die erste rot-grüne Koalition in Deutschland. Der frühere Juso-Chef und Rechtsanwalt setzte außenpolitisch stark auf die Freundschaft mit Frankreich und Russland. Unter seiner Führung war die Bundeswehr zur Abwehr eines Völkermords auf dem Balkan erstmals an einem Militäreinsatz im Ausland beteiligt. Doch trotzte Schröder allen Versuchen der USA, Deutschland auch zur Beteiligung am Irak-Krieg zu gewinnen. Als größte innenpolitische Leistung seiner Amtszeit gilt der begonnene Umbau des Sozialstaats mit der Agenda 2010, der in der SPD aber nicht nur Zustimmung fand. (AP)
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