Nachrichten Deutschland – 77 Mal mehr Dioxin im Futterfett als erlaubt – André Klohn und Vera Fröhlich
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Dioxin-Skandal 77 Mal mehr Dioxin im Futterfett als erlaubt

André Klohn und Vera Fröhlich

07.01.2011

Berlin – Erschreckende Funde im Dioxin-Skandal: Das Viehfutterfett ist viel stärker und schon viel länger mit dem Umweltgift belastet als bislang bekannt. Proben des Herstellers Harles und Jentzsch aus Uetersen enthielten 77 Mal mehr Dioxin als zulässig, wie das schleswig-holsteinische Landwirtschaftsministerium am Freitag in Kiel mitteilte. Auch wurde eine Belastung der Futterfette mit Dioxin bereits im März nachgewiesen.

In neuen sogenannten Rückstellproben der Firma wurden laut Ministerium Werte von 0,66 bis 58,17 Nanogramm gemessen. Der zulässige Höchstwert liegt bei 0,75 Nanogramm.

Bereits im März 2010 hatte ein privates Institut erhöhte Dioxin-Werte bei dem Futterfett-Hersteller festgestellt, wie ein Ministeriumsprecher bestätigte. Danach habe es weitere Auffälligkeiten gegeben.

Im Zuge des Dioxin-Skandals wurden dem Bundesagrarministerium bis Freitagvormittag 4.709 Betriebe als gesperrt gemeldet, die meisten aus Niedersachsen. Am Nachmittag kam zum ersten Mal ein Betrieb aus Baden-Württemberg hinzu. Sie können erst wieder ausliefern, wenn sie nachweisen, dass Eier, Geflügel und Schweinefleisch aus ihrer Produktion kein Dioxin enthalten. Das bei Verbrennungen entstehende Umweltgift steht im Verdacht, Krebs auszulösen oder zu fördern.

Das Bundesministerium geht bei der Fettpanscherei nicht mehr von einem Versehen oder einer Kontrolllücke aus. "Die Indizien sprechen hier im Moment eher für ein hohes Maß an krimineller Energie", sagte Sprecher Holger Eichele. "Es gibt Indizien dafür, dass der Betrieb gar nicht amtlich gemeldet war, um sich eben auch den amtlichen Kontrollen nicht auszusetzen." Kontrolleure könnten aber nur in Betrieben tätig werden, die auch gemeldet seien. "Wenn dort jemand verdeckt mischt oder panscht oder produziert, dann wird es schwer für die staatlichen Kontrolleure, hier einzuschreiten."

Sondertreffen einberufen

Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat die Vorsitzenden der Verbraucher- und der Agrarministerkonferenzen der Länder gebeten, für Mitte Januar eine Sondersitzung in Berlin einzuberufen. Sie soll vor der Grünen Woche stattfinden. Hauptthema sind Konsequenzen aus dem Dioxin-Skandal.

Bereits für Montag lud Aigner Vertreter der Futtermittelwirtschaft, der Landwirtschaft sowie Verbraucherschützer zu einem Spitzentreffen nach Berlin ein. Einen Tag danach will sich der Verbraucherausschuss des Bundestags in einer Sondersitzung mit dem Skandal befassen.

Zu dessen möglichen Auswirkungen auf Bauern sagte Eichele: "Noch ist nicht annähernd zu bilanzieren, wie hoch der Schaden ist." Zwar hätten die Futtermittelunternehmen eine Produkthaftpflicht. Auf Verbandsebene gebe es außerdem noch Versicherungen. Doch zunächst müsse geklärt werden, ob es sich bei der Vermengung von Futter- mit dioxinbelastetem Industriefett um Vorsatz oder Fahrlässigkeit gehandelt habe.

Als Konsequenz aus dem Dioxin-Skandal hat die SPD eine Internetseite mit bundesweit einheitlichen Warnungen vor belasteten Produkten gefordert. "Verbraucher müssen Informationen darüber erhalten, wer zu welchem Zeitpunkt welche belasteten Erzeugnisse verkauft hat und wie man diese erkennt", sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Kelber. Dazu müsse eine zentrale Plattform im Internet eingerichtet werden, sagte er. Bislang können die Länder entscheiden, ob sie solche Informationen herausgeben oder nicht.

Verdächtige Postsendung

Inzwischen löste eine verdächtige Postsendung an den Futterfett-Hersteller einen großangelegten Polizeieinsatz aus. Weil dem Geschäftsführer der Inhalt merkwürdig vorkam, hatte er die Polizei verständigt. Wenig später rückte ein Sprengstoffräumkommando an. Zur Sicherheit musste das Firmengebäude kurzzeitig evakuiert werden. Nach rund 20 Minuten gab es Entwarnung. In der Postsendung befanden sich alte, abgelaufene Essensreste, unter anderem Wurstscheiben und Würstchen.

Bei der Staatsanwaltschaft Münster ging eine Strafanzeige wegen versuchten Mordes aus Habgier gegen Harles und Jentzsch ein. Schwere Körperverletzung und Giftbeimischung lauteten weitere Vorwürfe, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer.

(dapd)

 

 

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