Menschen & Meinungen – „Man lernt hier, tolerant zu sein“ – Julia Kuckelkorn
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„Man lernt hier, tolerant zu sein“

Julia Kuckelkorn

16.02.2007

Uedia Altunok, 76-jährige Bewohnerin des Multikulturellen Seniorenzentrums in Duisburg, lauscht der Sozialarbeiterin Bengi Azcan. (AP Photo/Martin Meissner)
Uedia Altunok, 76-jährige Bewohnerin des Multikulturellen Seniorenzentrums in Duisburg, lauscht der Sozialarbeiterin Bengi Azcan. (AP Photo/Martin Meissner)

Duisburg – Frühstück im Seniorenzentrum „Haus am Sandberg“: Schafskäse, Oliven und Peperoni stehen neben Weißbrot und Marmelade auf dem Tisch. Damen in Kopftüchern sitzen neben Frauen mit Dauerwelle. Die Stereoanlage spielt türkische Musik. Im multikulturellen Altenheim in Duisburg, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, ist das Alltag. Deutsche, Niederländer, Türken und Tunesier leben hier zusammen.

„Es ist eine Selbstverständlichkeit, gemeinsam zu frühstücken“, sagt Sozialarbeiterin Bengi Azcan. Vor zehn Jahren wurde das multikulturelle Seniorenzentrum des Deutschen Roten Kreuzes eröffnet. Drei Jahre lang haben sich die Mitarbeiter damals darauf vorbereitet, haben Moscheen besucht und mit islamischen Rechtsgelehrten gesprochen.

„Das Haus am Sandberg war ein Vorreiter-Projekt: Hier wurde in der Praxis erprobt, was andere jetzt nutzen“, sagt Sozialwissenschaftler Manfred Hielen von der Uni Duisburg. Ziel des Seniorenzentrums sei es, auch Migranten im Alter einen Platz zu bieten, der auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist, sagt Heimleiter Ralf Krause. „Das betrifft vor allem das Essen, die Sprache und die Religion.“ So gibt es im Haus einen Gebetsraum für Muslime.

Die erste türkische Bewohnerin kam 1997 in das Heim. „Wir haben für sie damals alles umgestellt“, sagt Krause. Türkische Fernsehsender, türkische Zeitungen und türkische Küche gehörten dazu. „Bis die Tochter der Frau auf mich zukam und sagte, dass ihre Mutter eigentlich an Weißbrot und Marmelade gewöhnt sei.“ Daraus habe er gelernt. Vieles sei einfach nur Klischee und Vorurteil.

Türkische Musik und deutsche Volkslieder

Heute leben unter den 96 Bewohnern 15 Türken, zwei Niederländer und ein Tunesier. Jeden Tag gibt es im Seniorenheim ein türkisches Gericht – ohne Schweinefleisch und mit den typischen Gewürzen. Was bei den Türken gut ankommt, ist für die Deutschen aber immer noch eher seltsam. „Ich habe das natürlich probiert, aber das ist nicht ganz mein Fall“, sagt Irmgard Timmer. Die 78-Jährige wohnt seit zwei Jahren in dem Seniorenzentrum. Auch die türkische Musik ist ungewohnt für sie: „Man kommt da nicht richtig mit, wenn man Deutsche ist.“ Und auch die Sprachbarriere erschwert oft den Kontakt zwischen den Heimbewohnern.

„Das ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, ein friedliches Miteinander und keine gezwungenen Freundschaften“, beschreibt denn auch Heimleiter Krause das Zusammenleben der Bewohner. Bei den Festen aber sind alle gerne dabei. Gefeiert werden nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern auch das türkische Opferfest und das Zuckerfest. So näherten sich die verschiedenen Kulturen aneinander an, sagt Azcan. „Am Anfang ist es Scheu, dann Neugierde und schließlich probiert man es einfach mal aus.“ Das sieht auch ihr Chef Krause so: „Wir entwickeln hier das Bewusstsein, dass andere Kulturen eine Bereicherung sind, keine Bedrohung.“

Am Frühstückstisch packt ein älterer Herr seine Mundharmonika aus, einige Frauen singen deutsche Volkslieder. „Es gibt so viel, das man miteinander teilen kann“, sagt ein türkischer Bewohner. „Man lernt hier, tolerant zu sein.“

(AP)

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