Aus der ge"alter"ten Raupe wird der Schmetterling.
Aus der ge"alter"ten Raupe wird der Schmetterling.
Foto: Huelsmann_Fotografie / Pixelio

Kolumne: Ropers neue Welt der Etymosophie

ALTER – Veränderung und Verwandlung

von Roland R. Ropers / Gastautor, Montag, 19. November 2012 00:37

 

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„Es ist unser Irrtum,
dass wir den Tod
in der Zukunft erwarten.
Er ist zum großen Teil
schon vorüber.
Was von unserem Leben
hinter uns liegt, hat der Tod."

(Seneca, um 4 v. Chr. - 65 n. Chr.)

Es ist geradezu tragisch, beobachten zu müssen, mit welchen Mitteln unsere angeblich fortgeschrittene Medizin und Naturwissenschaft, den Alterungs-Prozess des Menschen aufzuhalten und mit den unglaublichsten Heils-versprechen eine ewige Jugend in Aussicht zu stellen versucht. Das wird von den Pharma-Giganten tatkräftig unterstützt und mit Life Science betitelt. Diese Täuschung, nur um Geld zu verdienen, wird eines Tages teuer bezahlt werden müssen. Denn die Hinderung des Menschen am „altern“ ist ein manipulativer Eingriff in seine Würde und in seine Entwicklung auf dem Weg zu Erkenntnis und Weisheit. Und die moderne Gen-Manipulation ist in diesem Zusammenhang der größte verbrecherische Eingriff in den göttlichen Schöpfungsprozess.

Jung und alt sind letztlich keine Gegensätze, sondern lediglich Ausdruck eines ständigen Wachstums- und Veränderungsprozesses, der im streng philosophischen und evolutionären Sinne ohne Anfang und Ende ist, sondern ewig fortschreitet.

Konfuzius (551 – 478 v. Chr.) sagte: „Wer am Morgen vom Weg hört, kann am Abend in Ruhe sterben.“

Jung: lat.: iuvenis, engl.: young, franz.: jeune.

Alt: lat.: senex, vettus, antiquus, engl.: old, ancient (historisch), to alter (sich verändern), franz.: vieux, âge.

Zunächst sei bemerkt, dass unser oft negativ besetztes Wort „senil“ auf das lateinische Wort „senex“ (= Greis) zurückgeht und dieses wiederum hat seinen Ursprung in Seneca, dem berühmten römischen Philosophen, Staatsmann und Dichter. Er war ein bedeutender Schriftsteller des Silbernen Zeitalters der lateinischen Literatur (Silberne Latinität) und einer der zentralen Stoiker Roms. Lucius Annaeus Seneca (4 - 65 n. Chr.) wurde im spanischen Córdoba geboren und erhielt in Rom eine gründliche Ausbildung in Rhetorik und Philosophie. Er war engster Berater von Kaiser Nero (37 – 68 n. Chr.). Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus wurde nur 30 Jahre alt.

Das berühmte Buch des polnischen, 1905 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten, Schriftstellers Henryk Sienkiewicz „Quo vadis ?“ behandelt diese historisch hochinteressante Epoche von „panem et circenses“ (Brot und Spiele), die wir z.Zt. in Neuauflage erleben.

Von dem Wort Seneca stammt demzufolge auch unser Wort „Senior“, der Ältere. Das deutsche Wort „Veteran“ geht auf lat.: „vettus“ zurück.

Das Altern (engl.: aging) ist streng genommen ein sehr positiv zu bewertendes Geschehen, denn es geht um ständige Veränderung, um ein Reifwerden (Matura), nicht aber um ein auf den Tod hin zielgerichtetes Dasein.

Früher bezeichnete man das Abitur nach neunjähriger Gymnasialzeit als Reifeprüfung. Aber das Wort „Abitur“ ist ein völlig unsinniges Wort, denn es ist die Passiv-Form von „abire“ (= abgehen) und heißt wörtlich: „Er oder sie wird abgegangen“. Das erinnert eigentlich eher an das von uns früher gefürchtete „consilium abeundi“ (der Beschluss der Lehrerkonferenz, dass ein Schüler aufgrund grober Verstöße gegen die Schulordnung die Schule zu verlassen habe).

Seneca selbst, dem wir das Wort „senil“ (alt) zu verdanken haben, schreibt deutlich über den Irrtum unserer Todes-Vorstellung.

Alle Verjüngungsmittel sind nicht dazu geeignet, den eigentlichen Alterungs-Prozess aufzuhalten. Wir haben den Mut verloren, unser wahres Gesicht zu zeigen und laufen, durch modernste Kosmetika entstellt und verkleistert, maskiert durchs Leben. Jeder möchte aufgrund seiner fatalen Ansichten das Altern verhindern und versperrt sich damit den Weg zu Wissen, Reife, Transformation, zur Befreiung vom Raupen-Dasein zum Schmetterling.

Wir brauchen dringend mehr Meister, die den tieferen Wesensgehalt des menschlichen Daseins im Paradiesgarten Gottes authentisch vermitteln.

Das englische Verbum „to alter“ sagt uns sehr deutlich, was wir zu tun haben: sich wandeln, sich verändern.

Ein lateinisches Sprichwort aus dem 16. Jahrhundert sagt: „Tempora mutantur et nos mutamur in illis!“ (Die Zeiten ändern sich und wir in/mit ihnen!)

Bei Lao Tse im 10. Kapitel des Tao Te King lesen wir:

„Kannst du die Gegensätze in dir vereinigen
und die Einheit umfangen, ohne loszulassen?
Kannst du dich auf deinen Atem konzentrieren
und zart werden wie ein Säugling?
Kannst du den dunklen Spiegel in dir reinigen
und ihn makellos erhalten?
Kannst du die Menschen lieben und den Staat regieren
und beim Nicht-Tun bleiben?
Wenn sich die Tore des Himmels öffnen und schließen,
kannst du dann bei der Rolle des Weiblichen verweilen?
Wenn deine Erleuchtung alles durchdringt,
kannst du dann ohne Wissen bleiben?
Der Weg schenkt den zehntausend Dingen Leben,
und er ernährt sie.
Er schenkt ihnen Leben,
doch er erhebt keinen Anspruch auf Besitz.
Er hilft ihnen,
doch er verlangt keinen Dank.
Er ist der Meister,
doch er übt keine Macht aus.
Dies nennt man die ursprüngliche Tugend."

 

Roland R. Ropers
Roland R. Ropers
Foto: renate Lilge-Stodieck / The Epoch Times

Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt - Eine Menschheit - Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

 



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