"Wir wollen hier auf unserem Areal die größte Dachfarm der Welt eröffnen", sagt der stellvertretende Geschäftsführer der Berliner Malzfabrik, Nicolas Leschke.
"Wir wollen hier auf unserem Areal die größte Dachfarm der Welt eröffnen", sagt der stellvertretende Geschäftsführer der Berliner Malzfabrik, Nicolas Leschke.
Foto: Clemens Bilan/dapd Photo

Weltweit größte ökologische Dachfarm

Ackern bis die Stadt ergrünt

von Julia Becker, Dienstag, 15. November 2011 12:48

Berlin – Die Luft ist mit Abgasen getränkt, der Lärmpegel enorm. Eine sechsspurige Autobahn schlängelt sich durch die zubetonierte Landschaft und trifft auf eine vierspurige Stadtstraße. Hier, mitten im Industriegebiet des Berliner Südkreuzes, soll schon bald Bio-Gemüse angebaut und eine ökologische Fischzucht aufgezogen werden. Was auf den ersten Blick nach einem wahnwitzigen Vorhaben aussieht, ist auf den zweiten Blick ein innovatives und ehrgeiziges Projekt von drei jungen Berlinern.

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"Wir wollen hier auf unserem Areal die größte Dachfarm der Welt eröffnen", sagt der stellvertretende Geschäftsführer der Berliner Malzfabrik, Nicolas Leschke. Künstler und Kreative nutzen das Industriedenkmal seit Jahren als Treffpunkt und Quartier. Ab dem Frühjahr 2013 sollen hier nun auch tonnenweise Salat, Kohlrabi, Tomaten und Kräuter gedeihen – unter einem schützenden Glasdach, versteht sich. Insgesamt 7.000 Quadratmeter Dachfläche stehen für den Bio-Anbau bereit, so viel wie ein Fußballfeld. In dem Gebäude darunter, in 22 ehemaligen Malzkesseln, sollen sich Schwärme von nahrhaften Talapia-Barschen tummeln.

Damit sind der 33-Jährige und seine Kollegen Teil einer wachsenden Bewegung: die der Stadtbauern, international Urban Farmers genannt. Weltweit beackern ihre Anhänger städtische Flächen, bauen essbares Grünzeug darauf an. Auch in Berlin hat dieser Trend Einzug gehalten: Im Prinzessinnengarten in Kreuzberg pflanzen Menschen verschiedenster Kulturen seit 2009 in leeren Milchtüten und Bäckerkisten diverse Lebensmittel an.

Regionale Produkte gewinnen an Bedeutung

"Uns ist wichtig, woher das Gemüse kommt und wie es hergestellt wird. Wir wollen den Menschen ein Gespür für die Herkunft ihres Essens geben", sagt einer der beiden Gründer des Gartens, Marco Clausen. Einer Umfrage des Bundeslandwirtschaftsministeriums zufolge achten 65 Prozent der Bundesbürger beim Einkauf von Lebensmitteln meistens oder immer darauf, dass die Produkte aus regionalem Anbau stammen.

Doch der Wunsch nach heimischen Produkten kollidiert immer öfter mit einem anderen: dem Wunsch, urban leben zu wollen. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden 2050 zwei von drei Erdenbürgern in einer Stadt leben – bereits heute trifft das auf jeden Zweiten zu. "Da wäre es unsinnig, Gemüse weiterhin nur auf dem Land anzubauen und es endlose Strecken zum Verbraucher in die Stadt zu karren", sagt der zweite Unternehmer vom Projekt "Frisch vom Dach", Christian Echternacht.

So suchten die Berliner nach einer Lösung, die Stadt und Ackerbau vereint – die Idee der Dachfarm entstand. "Der Clou ist, dass unser System autark ist. Nur Fischfutter soll zugeführt werden", sagt Leschke. Das gelingt über einen geschlossenen Wasserkreislauf: Die Ausscheidungen der Fische im Wasser dienen den Pflanzen als Dünger. Dadurch bereiten die Pflanzen ihrerseits das Wasser wieder für die Fische auf. Aquaponic wird dieses Verfahren genannt, das seit den 70er Jahren genauer erforscht wird.

"Alle weiteren benötigten Ressourcen können durch erneuerbare Energien und Regenwasserrückgewinnung gewonnen werden", sagt die Nachhaltigkeitsbeauftragte des Projektes, Karoline vom Böckel. So soll das Kilo Fisch mit nur 200 Litern Wasser hergestellt werden - üblich sind 1.000 Liter. Ohne Umwege landet die Ernte im hauseigenen Laden der Malzfabrik. "Ein Teil geht auch in den umliegenden Einzelhandel", sagt die 30-Jährige.

Erste Versuche in "Rostlaube"

Das Aquaponic-System haben die drei Unternehmer schon mal getestet. Seit dem Sommer steht ein kleiner Gewächshaus-Container, liebevoll Rostlaube genannt, zwischen den Ziegelbauten der Malzfabrik. Erfunden wurde er an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zürich. "Das Verfahren klappt und wir haben lecker Gemüse für unseren Eigenbedarf geerntet", sagt vom Böckel und zeigt stolz auf Fotos an den Containerwänden. Sie zeigen Menschen, die genüsslich in Tomaten beißen.

Aus dem kleinen Selbstversuch soll nun ein lukratives, zukunftsweisendes Geschäft werden. In Kooperation mit der Technischen Universität Berlin lassen die Unternehmer derzeit eine Machbarkeitsstudie erstellen. "Die wird uns sagen, wie sich die Farm im Detail wirtschaftlich gestalten lässt", sagt Leschke. Fünf Millionen Euro kostet das Vorhaben, für das die drei Berliner noch Investoren suchen.

Aber selbst wenn sie keine finden, wollen die jungen Unternehmer durchstarten: "Von unserem Projekt hält uns niemand mehr ab. 2012 ist das Wissenschaftsjahr der Nachhaltigkeit, da gibt es genug Förderprogramme für Vorreiter wie uns", sagt Leschke. Wenn alles klappt, entsteht in Deutschlands größter Stadt bald ein innovatives Bio-Anbaugebiet – einen Steinwurf von einer sechsspurigen Autobahn entfernt.

 

(dapd)



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