Chronobiologie

Arbeits- und Schulzeiten ignorieren häufig die innere Uhr

von Ludwig-Maximilians-Universität München, Dienstag, 28. März 2006 20:27

Lerchen haben es einfach leichter.

Dies gilt wenigstens in unserer Gesellschaft, die immer noch dem frühen Vogel den Vorzug gibt. Die üblichen Arbeitszeiten und der morgendliche Schulbeginn kommen den Frühaufstehern, eben den Lerchen, entgegen. Anders sieht es aus bei den Eulen, dem anderen Extrem der so genannten Chronotypen, in die Menschen nach ihren angeborenen Schlafpräferenzen eingeteilt werden. Sie sind von Natur aus spät abends besonders aktiv. Wenigstens an Werktagen führt eine entsprechende Lebensführung aber zu einem morgendlichen Kampf mit dem Wecker. Ein Forscherteam um Professor Dr. Till Roenneberg, Zentrum für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, wertete jetzt die Angaben von mehr als 500 Versuchspersonen zu ihrem Chronotyp, Wohlbefinden und dem Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol aus, wie in Chronobiology International berichtet.

"Wenn die von der Gesellschaft auferlegten Zeitpläne den individuellen Schlafpräferenzen nicht entsprechen, führen die Unterschiede zwischen dem erwarteten Schlafverhalten an Arbeitstagen und dem, was die innere Uhr diktiert, zu einem 'social jetlag'", so Roenneberg. "Der soziale Jetlag kann weit reichende Folgen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen haben. Er ist dem Jetlag vergleichbar, den wir nach Flügen über Zeitzonen erfahren, nur begleitet er die Betroffenen meist ein Leben lang."

Der Chronotyp ist eine Ausprägung der inneren Uhr, die viele physiologische und biochemische Prozesse, aber auch bestimmte Verhaltensweisen eines Menschen in Zyklen ablaufen lässt. Festgelegt wird dies weitgehend durch die individuellen Erbanlagen. In der Bevölkerung liegen die Chronotypen zwischen der extremen Lerche und der extremen Eule. Bezogen auf unsere sozialen Zeiten sind die meisten Menschen heutzutage eher Eulen. Dies liegt unter anderem daran, dass wir heute selten genug Licht sehen - selbst in gut ausgeleuchteten Räumen ist es 100 bis 1.000 Mal schwächer als unter freiem Himmel. Je schwächer aber das Licht, desto später ist bei den meisten Menschen die innere Uhr.

Da der Chronotypus auch vom Alter abhängt, werden die meisten Jugendlichen sogar extreme Eulen. Je später der Chronotyp, desto größer sind die Probleme, sich an soziale Zeitpläne zu halten. "Eulen zeigen die größte Differenz zwischen ihren Schlafzeiten an Arbeits- und an freien Tagen", berichtet Roenneberg. "Es kommt zu einem beträchtlichen Schlafdefizit unter der Woche, das dann am Wochenende ausgeglichen wird. Aber auch Lerchen können unter sozialem Jetlag leiden, wenn sie zum Beispiel an Wochenenden dem Druck der vorwiegenden Eulenfreunde nachgeben, viel zu spät ins Bett kommen und dennoch am nächsten Morgen zur gewohnt frühen Zeit aufwachen".

Freiwilligen Versuchspersonen beantworteten in der vorliegenden Studie die Fragen des von Roenneberg und Mitarbeitern konzipierten "Munich ChronoType Questionnaire", kurz MCTQ (im Internet zugänglich über www.euclock.org). Gefragt wird darin unter anderem nach den tatsächlichen Schlaf- und Wachzeiten, getrennt nach Arbeits- und freien Tagen, so dass der Chronotyp einer Person bestimmt werden kann. Dazu kamen in der Studie Fragebögen zur Schlafqualität, dem aktuellen und zurückliegenden psychologischen Wohlbefinden sowie zum Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol und ähnlichen Substanzen. "Das gab uns die Möglichkeit, die Verbindung zwischen sozialem Jetlag, Schlafqualität, psychologischem Wohlbefinden und dem Genuss von stimulierenden Substanzen zu erforschen", so Roenneberg. "Wir konnten zeigen, dass der Konflikt zwischen der biologischen Uhr und der gesellschaftlichen Zeit zu einer chronischen Form von Jetlag führt." Die meisten Eulen akkumulieren nicht nur unter der Woche ein Schlafdefizit, sondern berichten auch häufiger von geringer Schlafqualität und Müdigkeit am Tag.

"Je stärker der soziale Jetlag, desto mehr greifen Individuen nach Stimulanzien", berichtet Roenneberg. "Desto häufiger sind sie auch Raucher." Letzteres erwies sich als besonders auffälliger Zusammenhang. "Nikotin-, aber auch Alkoholgenuss deuten oft auf Schwierigkeiten hin, mit sozialen Anforderungen fertig zu werden", meint Roenneberg. "Das hat uns zu der Hypothese geführt, dass Schlafprobleme und Nikotinkonsum vor allem dann auftreten, wenn der innere Schlaf-Wach-Rhythmus nicht mit den gesellschaftlichen Zeitplänen übereinstimmt." Auch unter Schichtarbeitern, deren Leben selten nach der inneren Zeit ablaufen kann, finden sich signifikant mehr Raucher als unter den Menschen, die zu "normalen" Zeiten arbeiten. Die starke Korrelation zwischen sozialem Jetlag und Nikotin ist deshalb von besonderem Interesse, weil Raucherkarrieren oft in der Jugend beginnen, also dann, wenn der soziale Jetlag besonders ausgeprägt ist. "Jugendliche, deren innere Uhr Schlafzeiten zwischen zwei und 10 Uhr vorgibt, sind Schichtarbeiter, wenn sie um sechs Uhr - entsprechend ihrer inneren Mitternacht - aufstehen müssen", meint Roenneberg.

Dies ist aber nur eine mögliche Folge, die Auswirkungen auf das gesamte Leben der Betroffenen haben kann. So ist auch bekannt, dass Eulen als Schüler oft weniger gut in der Schule abschneiden, was mit ihrem chronischen Schlafdefizit und der mangelnden Schlafqualität zu tun haben könnte. Auf Dauer kann diese Einschränkung lebenslang das Leistungsvermögen behindern. "Wir schließen daraus, dass Heranwachsende und junge Erwachsene außerordentlich profitieren würden, wenn ihre innere Uhr stärker berücksichtigt würde", meint Roenneberg. "Dazu gehört unter anderem die Anpassung der Schulzeiten - vor allem bei Jugendlichen zwischen 15 und 25. Aber auch flexible Arbeitszeiten für Erwachsene wären nötig, damit diese eher ihrer inneren Uhr folgen können. Wahrscheinlich ließen sich der soziale Jetlag und seine gesundheitsschädlichen Folgen aber nur durch weitgreifende Änderungen in der gesellschaftlichen Organisation vermeiden." (suwe)

 

 

Publikation:

"Social Jetlag: Mis-alignment of Biological and Social Time",
Marc Wittman, Jenny Dinich, Martha Merrow, Till Roenneberg,
Chronobiology International, 2006



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