Mit einer bewegenden Feier haben ehemalige Kollegen und Weggefährten am Sonntag im Deutschen Theater (DT) der Schauspielerin Käthe Reichel gedacht.
Mit einer bewegenden Feier haben ehemalige Kollegen und Weggefährten am Sonntag im Deutschen Theater (DT) der Schauspielerin Käthe Reichel gedacht.
Foto: dapd/Sebastian Willnow

Bewegende Gedenkfeier für Käthe Reichel

Epoch Times, Sonntag, 2. Dezember 2012 17:40

Berlin – Mit einer bewegenden Feier haben ehemalige Kollegen und Weggefährten am Sonntag im Deutschen Theater (DT) der Schauspielerin Käthe Reichel gedacht. Redner würdigten die Künstlerin als Große ihres Fachs und verwiesen zugleich auf das breite politische Engagement sowohl in der DDR als auch nach der Wiedervereinigung. Die Schauspielerin Dagmar Manzel sang ihr zu Ehren Bertolt Brechts "Kinderhymne". In Filmeinblendungen waren Interviews, Inszenierungen und Porträtaufnahmen mit Reichel zu sehen.

Käthe Reichel starb am 19. Oktober im brandenburgischen Buckow. Sie wurde am 9. November auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt. Geboren worden war sie am 3. März 1926 als Waltraut Reichelt. Die Tochter eines jüdischen Vaters lernte zunächst Textilkauffrau, bevor sie nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Schauspielausbildung an verschiedenen Theatern der ostdeutschen Provinz debütierte. 1950 kam sie an das Berliner Ensemble (BE). Sie wurde Schülerin und zeitweilige Geliebte Brechts, von dem sie später ein kleines Haus in Buckow erhielt, wo sie bis zuletzt lebte. Zwischen 1961 und 2001 arbeitete Reichel am DT.

"Sie war und ist so etwas wie ein Jahrhundert-Mensch, der die Berliner Bühnen bestimmt, beeinflusst, geprägt hat", sagte DT-Intendant Ulrich Khuon. Wenn es stimme, dass Theater auf der einen Seite eine "flüchtige Kunst" sei, im Idealfall aber auch über den Augenblick hinaus wirke, dann sei Käthe Reichel weiter präsent.

Reichel war naiv und klug

Alexander Weigel als früherer Dramaturg am Hause schilderte Brechts berufliche und politische Begeisterung für die junge Darstellerin. Dieser habe Reichel für eine der begabtesten Schauspielerinnen am BE gehalten. Zugleich habe ihn die proletarische Herkunft beeindruckt. Die Reichel war stets "naiv und klug zugleich", schilderte Weigel eigene Beobachtungen. Ihre Lieblings- und Lebensrolle sei die "Helige Johanna der Schlachthöfe" in Brechts gleichnamigem Theaterstück gewesen, womit sie auch in anderen Ländern gastierte. "Sie zeigte, dass Gegenwart - anders als in der DDR oft üblich und gewünscht - nicht nur als Klischee darstellbar war, nicht heldenhaft. Sie war eine Brecht-Schauspielerin und frühe Dissidentin."

Am DT wirkte Reichel in insgesamt 25 Inszenierungen mit, erinnerte Weigel. Zur Verzweiflung manches Regisseurs habe sie "sehr genau, aber immer etwas anders" gespielt. "Die Arbeit mit ihr war anstrengend. Sie war immer bestens vorbereitet. Sie konnte einen rühren und einem auf die Nerven gehen - sie war vielleicht ein bisschen verrückt."

Regisseur erinnert an aktive Künstlerin

Der Linke-Politiker Gregor Gysi nannte Reichel eine tapfere, mutige, engagierte Künstlerin. "Sie war eine Frau mit viel Leidenschaft, mit viel Kraft, und beides war anstrengend." Vor allem aber sei sie eine Frau voller Zitate gewesen - "die meisten natürlich von Brecht."

Der Filmregisseur Rainer Simon ("Sechse kommen durch die Welt") erinnerte an seine Filmarbeit mit Reichel. Die Schauspielerin habe mehrfach "eigenmächtig" ihre im Drehbuch vorgesehenen Rollen erweitert und ausgestaltet, aber immer verbessert, zum Beispiel in der Erfolgskomödie "Wie heiratet man einen König" aus dem Jahr 1968.

Dieser Drang nach Verbesserung und Veränderung sei später auch der DDR-Staatssicherheit aufgefallen, die die Reichel darum als "konterrevolutionäres Zentrum" am DT ausgemacht habe, zitierte Simon Akten der Geheimdienstler. "Das war falsch. Sie war das revolutionäre Zentrum", rief er unter dem Beifall der Anwesenden in den Saal. Er erinnerte auch an den tiefen Schmerz, den der frühe Tod des Sohnes von Käthe Reichel bei ihr hinterlassen habe.

Simon und andere Redner würdigten das soziale Engagement der Schauspielerin, die nach der Wende mit Kalikumpeln im thüringischen Bischofferode in den Hungerstreik trat, für Häuser in Vietnam sammelte und sich russischen Soldatenmüttern auf dem Weg nach Tschetschenien anschloss. BE-Intendant Claus Peymann schilderte die - bis heute hoch umstrittene - aktive Solidarität Reichels mit Serbien in den 1990er Jahren und ihr Wirken für den Schriftsteller Peter Handke, der sich ebenfalls Serbien verbunden fühlt. Reichel hatte für Handke einen alternativen Heinrich-Heine-Preis ins Leben gerufen, nachdem dieser auf die Original-Auszeichnung 2006 verzichtet hatte. Das von Reichel gesammelte Ersatz-Preisgeld brachte sie laut Peymann mit anderen einer serbischen Ortschaft im Kosovo.

dapd



Schlagworte

Kultur, Leute, Tod, Gedenkfeier, Reichel


Sonderthema

Newsticker

Anzeige

Weitere aktuelle Nachrichten

Anzeige
Anzeige