Wissen wird von Herz zu Herz übertragen, Informationen hingegen von Gehirn zu Gehirn.
Wissen wird von Herz zu Herz übertragen, Informationen hingegen von Gehirn zu Gehirn.
Foto: Gerd Altmann / Pixelio

Kolumne: Ropers neue Welt der Etymosophie

DOZENZ – die hohe Kunst des Lehrens

von Roland R. Ropers / Gastautor, Montag, 7. Januar 2013 07:20

 

Die Etymosophie-Kolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

Die Worte Doktor, Professor, Meister und Schüler werden oft missverstanden und kaum noch in ihrer ureigensten Bedeutung benutzt.

Nehmen wir zunächst das Wort „Doktor“: es geht auf das lateinische Wort „docere“ = lehren, unterrichten zurück; lat.: „doctor“ ist der Lehrer, Kirchen- und Universitätslehrer, sowie akademischer Grad. Jeder Lehrer sollte ein Meister (lat.: magister) sein, der seinen Schüler (lat.: discipulus) zu einem Wissenden heranreifen lässt. Das Wort „Disziplin“ bedeutet nicht sklavischer Gehorsam, sondern „Schüler sein“. Die Meister-Schüler-Beziehung (engl.: master-disciple relationship) ist ein sehr tiefliegendes Vertrauensverhältnis zwischen zwei Menschen, die sich liebevoll öffnen, um gemeinsam dem göttliche Mysterium wissend begegnen zu können.

Der Schüler ist nicht ein Repetitor von Informationen, die ihm durch einen unzulänglich gebildeten Lehrer vermittelt werden, sondern ein Rezeptor von Wissen, vermittelt durch einen erfahrenen Meister. Wissen wird von Herz zu Herz übertragen, Informationen hingegen von Gehirn zu Gehirn. Die Gedächtnisleistung von einer riesigen Datenfülle ist nicht so bedeutend, wie die Erinnerung (die im Herzen stattfindende Verinnerlichung) von Wissen und Weisheit.

Der Professor ist ein öffentlich Bekennender vom lat. Verbum: „profiteri“ = gestehen, erklären, öffentlicher Lehrer sein. Das Wort „Profession“, welches oft für Beruf, Gewerbe benutzt wird, bedeutet in erster Linie Bekenntnis, Gelübde.

Ein gebildeter Wissenschaftler sollte in seinem Unterricht stets die Vermittlung von Wissen und Weisheit als Ziel vor Augen haben. Das deutsche Wort „unterrichten“ (lat.: docere, ital.: insegnare, engl.: to teach, franz.: enseigner) ist völlig widersinnig, ebenso wie das Wort „unterweisen“. Vernünftig wären Begriffe wie ausrichten, hinweisen u.ä.. Lehrmeinungen, Dogmen (engl.: doctrines) sind niemals verlässliches Wissen, sondern repräsentieren den Informationsstand von einflussreichen Menschen und Institutionen. Herzens-Wissen bedarf keiner Wissenschaft.

Khalil Gibran hat in seinem Buch „Der Prophet“ so wunderbar „Vom Lehren“ geschrieben:

„Dann sagte ein Lehrer: Sprich uns vom Lehren.

Und er sagte:

Niemand kann euch etwas eröffnen, das nicht schon im Dämmern eures Wissens schlummert.

Der Lehrer, der zwischen seinen Jüngern im Schatten des Tempels umhergeht, gibt nicht von seiner Weisheit, sondern eher von seinem Glauben und seiner Liebe.

Wenn er wirklich weise ist, fordert er euch nicht auf, ins Haus seiner Weisheit ein-zutreten, sondern führt euch an die Schwelle eures eigenen Geistes.

Der Astronom kann euch von seinem Verständnis des Weltraums reden, aber er kann euch nicht sein Verständnis geben.

Der Musiker kann euch vom Rhythmus singen, der im Weltraum ist, aber er kann euch weder das Ohr geben, das den Rhythmus festhält, noch die Stimme, die ihn wiedergibt.

Und wer der Wissenschaft der Zahlen kundig ist, kann vom Reich der Gewichte und Maße berichten, aber er kann euch nicht dorthin führen.

Denn die Einsicht eines Menschen verleiht ihre Flügel keinem anderen.

Und wie jeder von euch allein in Gottes Wissen steht, so muss jeder von euch allein in seinem Wissen von Gott und seinem Verständnis der Erde sein“.

Der wissende Lehrmeister bemüht sich um den Weg, den Lao Tse in seinem 16. Kapitel des „Tao Te King“ beschreibt:

„Ich tue mein Äußerstes, um leer zu werden
und versenke mich tief in die Stille.
Die zehntausend Dinge kommen und gehen,
wenn dein Selbst darauf achtet.
Sie wachsen und blühen
Und kehren zum Ursprung zurück.
Zum Ursprung zurückkehren heißt: in die Stille gehen.
In die Stille gehen heißt: zu seiner Bestimmung zurückkehren.
Zu seiner Bestimmung zurückkehren heißt: das Ewige erkennen.
Das Ewige erkennen heißt: erleuchtet sein.
Weh dem, der mit Absicht handelt,
ohne das Ewige zu erkennen.
Doch wer das Ewige erkennt und danach handelt,
dessen Tun führt zur Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit zu einem königlichen Wesen,
das königliche Wesen zum Himmel,
der Himmel zum Weg,
der Weg zur Ewigkeit.
Auch wenn der Körper stirbt,
der Weg währt ewig."

 

Roland R. Ropers
Roland R. Ropers
Foto: The Epoch Times

Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt - Eine Menschheit - Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

 



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