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Schinken und Schluchten + Fotogalerie

Der Schwarzwald und seine Geschichten

von Bernd Kregel / Gastautor, Donnerstag, 22. November 2012 10:26

Einer legendären europäischen Promi-Hochzeit verdankt der Hochschwarzwald seine Erschließung: Zweiundfünfzig Pferdekutschen, gezogen von dampfenden Rossen, die sich in den Bergen eine kurze Verschnaufpause erst verdienen müssen. Bei einem Abstand von gut dreißig Metern je Kutsche bilden sie, rechnet man die berittene österreichische Garde hinzu, einen Prozessions-Lindwurm von mehr als zwei Kilometern Länge.

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Angetrieben vom Peitschenknall seiner Kutscher, schlängelt sich der Tross mühsam durch das berüchtigte Höllental des Hochschwarzwaldes in Richtung Freiburg. Und dies auf einer Straße, die mit großem Aufwand speziell zu diesem ungewöhnlichen Zweck angelegt wurde: für die feierliche Überführung der österreichischen Erzherzogin Marie-Antoinette aus ihrer Heimatstadt Wien ins weit entfernte Paris. Denn dort wartet der französische Thronfolger bereits darauf, die Tochter der Kaiserin Maria-Theresia als seine zukünftige Frau in Empfang zu nehmen.

Zauber der Schwarzwald-Landschaft

Bei ihrer langen Reise dürfte der erst vierzehnjährigen Marie-Antoinette der von der Schwarzwald-Landschaft ausgehende Zauber nicht verborgen geblieben sein. Und vielleicht verspürte sie bei ihrer Rast an der alten Poststation von Hinterzarten sogar den Wunsch, einfach hier zu bleiben und sich in dem stattlichen Schwarzwald-Haus ihrer staatspolitischen Verpflichtung zu entziehen. Und sicherlich wäre sie auch nicht weitergezogen, hätte sie an diesem Tage des Jahres 1770 auch nur entfernt geahnt, dass sie einmal in den Wirren der Französischen Revolution auf dem Schafott unter der Guillotine ihr Leben aushauchen würde.

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So zog Marie-Antoinette nichtsahnend weiter in Richtung Frankreich und ließ die Poststation hinter sich. Ein Anwesen, dem, erstaunlich genug, eine größere Zukunft beschieden war als dem französischen Königshaus und dem Habsburgischen Kaiserhaus. Denn an dieser Stelle im Hochschwarzwald entstand schon mit dem Ende des Mittelalters bis hinein in die Gegenwart eine fünfeinhalb Jahrhunderte währende Familientradition, die nun bereits sechzehn Generationen andauert - eine Zeitspanne von der jedes europäische Herrscherhaus nur träumen kann.

Eines jedoch verband Marie-Antoinette mit diesem außergewöhnlichen Anwesen: Beide gehörten zum Haus Habsburg, dessen politischer Einfluss sich damals auch über den deutschen Südwesten erstreckte. Folgerichtig wurde irgendwann einmal aus der alten Poststation das „Parkhotel Adler“, das den habsburgischen Doppeladler bis heute in seinem Wappen führt. Eine Erfolgsgeschichte, die sich längst in die Geschichte dieser Region einfügt.

Bizarre Märchen-Landschaft der Ravenna-Schlucht

Doch nicht weit entfernt von der Haustür wartet bereits das Abenteuer. Es begegnet in der wildromantischen Ravenna-Schlucht, die vom Höllental abzweigt und zwischen hoch aufragenden Felsvorsprüngen den Ravenna-Fluss ins Tal geleitet. Eine bizarre Märchen-Landschaft, in der sich hinter jeder Biegung neue Felsformationen auftun, die der Ravenna-Fluss teilweise nur in freiem Fall bewältigen kann.

Der oftmals von sprühender Gischt durchnässte Fußweg führt bergan über Treppen und Pfade, über hängende Galerien und zerbrechlich wirkende Holzbrücken. Und immer wieder zeigen sich mitten im Flussbett phantastische Gebilde von Moos überwachsener Gesteinsbrocken. Sie sind es vor allem, die dem kontinuierlichen Rauschen des Wassers einen jeweils individuellen Klang verleihen. Gerade so, als sei eine Schar munterer Wassernymphen in ein geschwätziges Gespräch vertieft.

Schnaufende Zugmaschinen

Das Eingangstor in das Ravenna-Tal könnte gewaltiger nicht sein. Es besteht aus mehreren fast vierzig Meter hohen Steinbögen eines Eisenbahn-Viadukts, mit der die einspurige Bahnlinie auf ihrem Weg von der Rheinebene hinauf ins Gebirge das Flusstal überwindet. Eine architektonische Glanzleistung, die mit ihrer Stabilität die Jahrzehnte überdauert hat.

In Sicht- und Hörweite der schnaufenden Zugmaschinen hat Ary de Geus am Hofgut Sternen sein kleines Reich. Darin ist er umgeben von Kuckucksuhren der unterschiedlichsten Machart in einem Haus, das seitlich selber aussieht wie eine riesige Kuckucksuhr. Die Auswahl der an den Wänden zur Schau gestellten Uhren ist enorm. Doch zielgerichtet zeigt er zunächst auf ein wenig spektakuläres Modell, mit dem die Schwarzwälder Uhrenproduktion im 19. Jahrhundert einst begann. Damals, so erklärt er, war dies ein willkommenes Ventil, mit dem nach  schwerer Landarbeit in der Sommerzeit der harte Winter im rauen Gebirge finanziell überbrückt werden konnte.

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Kuckucksuhr-Kreationen

Und stets, so zeigt Guy, hat sich dabei das Design dem Zeitgeschmack angepasst. Bis hin zu verrückten Kreationen mit teuren Automarken vor der Hausfassade oder - als Zugeständnis an die bayerischen Nachbarn - mit beweglichen Biertrinkern, die bei jedem Kuckucksruf  ihre Maß energisch auf den Tisch knallen lassen. Und selbst für Freunde der „Schwarzwaldklinik“ ist gesorgt. Sie können das Modell des Wohnhauses von „Professor Brinkmann“ für mehrere hundert Euro erstehen, in genau der Form aus der deutschen Soap.

Doch nicht jeder Nachfrage, so Ary de Geus mit verschmitztem Lächeln, wird von den Uhrenherstellern entsprochen. Zwar geht inzwischen schon ein großer Teil der Kuckucksuhr-Produktion auf den asiatischen Markt, wo zum Beispiel in China oder Korea die Modelle mit herkömmlichem Original-Antrieb nachgefragt werden. Nur die Japaner mögen es moderner. Sie wollen sich zumeist mit dem mechanischen Aufziehen der Kuckucksuhr nicht anfreunden und verlangen daher nach moderneren Anfertigungen mit Fernbedienung. Doch eine solche Version dieses verspielten Schwarzwald-Mythos gibt es – vorerst – noch nicht.

Schwarzwaldmädel mit Bollenhüten

Alle Wege jedoch im „Naturpark Südschwarzwald“, der die gesamte südliche Hälfte des Schwarzwaldes umfasst, führen wie mit magnetischer Anziehungskraft in das Städtchen Titisee. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: vom geräucherten Schwarzwald-Schinken bis hin zu Puppen von Schwarzwald-Mädeln mit dekorativem Bollenhut. Allein entlang der Seestraße sind viele Besucher anzutreffen, die nicht genau zu wissen scheinen, ob sie sich mehr für die Reize des malerisch gelegenen Titisees oder eher für die in den Schaufenstern ausgelegten Schwarzwald-Produkte entscheiden sollen.

Da erscheint die Frage angebracht, wie sich denn Marie-Antoinette heute verhalten würde, wenn sie ihre Reise in Richtung Hinterzarten noch einmal wiederholen könnte. Sicherlich würde sie vor der alten Poststation von damals eine etwas längere Pause einlegen, um sich zunächst die stilvoll herausgeputzten Gebäude anzuschauen. Sodann ginge sie ein paar Schritte hinüber zum neuen „Café Diva“, um sich dort im Ambiente der „Belle Epoque“ ein Stückchen Schwarzwälder Kirschtorte servieren zu lassen.

Schokoladenraspel und Hochprozentiges

Jenes unglaublich hohe mit Sahne und hauchdünnen Schokoladenraspeln überzogene Backwerk, das sich - in mehreren Schichten mit hochprozentigem Kirschwasser getränkt -  nicht nur wegen seines Volumens als besonders gehaltvoll erweist. Vielleicht der leckerste Mythos des Schwarzwaldes, der inzwischen längst seinen Siegeszug in die Konditoreien der Welt angetreten hat.



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