Wegen seines schillernden Gefieders wird der Eisvogel oft als fliegender Edelstein bezeichnet. (Manfred Delpho)
Wegen seines schillernden Gefieders wird der Eisvogel oft als fliegender Edelstein bezeichnet. (Manfred Delpho)

Der Eisvogel - „Vogel des Jahres“ 2009

Der fliegende Edelstein

von Heike Soleinsky, Dienstag, 25. November 2008 10:08

Man nennt ihn den fliegenden Edelstein, und viele Menschen haben ihn zu ihrem Lieblingsvogel erklärt: den Eisvogel (Alcedo atthis). Mit seinem tropisch leuchtenden Gefieder kann man ihn auch sicherlich zu den schönsten Vögeln in unseren gemäßigten Breitengraden zählen: Im Kontrast zu seiner rost-orangefarbenen Unterseite und zur weißen Kehle schimmert die Oberseite je nach Lichteinfall azurblau bis smaragdgrün mit einem türkisfarbenen Streifen auf dem Rücken. Von der Schnabelspitze bis zum Schwanz misst der Eisvogel 16 Zentimeter. Durch seine kurzen Beine und Schwanzfedern wirkt er etwas pummelig, doch fliegt der Eisvogel so schnell, dass Greifvögel kaum eine Gefahr für ihn darstellen.

Bei zwischen 5.000 und 8.000 Brutpaaren liegen die Schätzungen über die Population in Deutschland. In Hamburg und Umgebung soll der Bestand in den letzten Jahren konstant 35 bis 40 Brutpaare betragen.

Der Königsfischer

Der Eisvogel verspeist zwar auch Insekten und zwischendurch einen kleinen Frosch, doch das Leibgericht sind kleine Fische. Nicht ohne Grund wird er im englischen Sprachraum „kingfisher“ also „Königsfischer“ genannt: Leicht nach vorn geneigt sitzt der Eisvogel etwa einen Meter über dem Wasser auf einem Ast und späht nach seiner nächsten Mahlzeit; vielleicht ein Rotauge oder ein Stichling. Hat er die Beute entdeckt, stürzt er sich senkrecht ins Wasser. Bis zu 60 Zentimeter tief taucht der königliche Fischer – sofern Wasser und Sicht so tief reichen. Keine zwei Sekunden später schnellt er mit der Beute im Schnabel aus dem Wasser heraus. Bei klarem Wasser liegt seine Trefferquote nah bei 100 Prozent. Den Fisch erschlägt er auf einem Ast und verschlingt ihn mit dem Kopf voran in einem Stück. Wenn man sieht, dass die Beute auch mal neun Zentimeter lang sein kann, fragt man sich, wo der kleine Kerl diesen verhältnismäßigen Riesenhappen lässt. Bis zu 30 Gramm Nahrung futtert der schillernde Vogel täglich. Er selbst wiegt gerade mal 35 bis 40 Gramm. Doch so ein Eisvogel hat auch ein anstrengendes Leben. Immerhin zieht er pro Saison mehrere Bruten groß. Für viele Schnäbel muss viel gefischt werden.

Einzelgänger mit Familiensinn

Den Winter über ist der Eisvogel ein Einzelgänger, der keine Artgenossen in seinem Revier duldet. Zur Balzzeit sieht das natürlich anders aus: Da ruft das Männchen das Weibchen herbei. Mit einem möglichen Partner finden dann ausgedehnte Verfolgungsflüge statt, flach über das Wasser und hoch über die Bäume. Und viele kleine Fische werden der Dame des Eisvogelherzens überreicht. Meist führen die Eisvögel eine monogame Brutehe. Manchmal geht der männliche Eisvogel noch parallel eine zweite Ehe ein – und kümmert sich um beide Familien! Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass Eisvögel zwei bis drei Mal im Jahr brüten, manchmal vier Mal.

Schnäbel am Ende des Tunnels

Doch bevor es soweit ist, muss noch das geeignete Kinderzimmer gebaut werden: Dafür graben Männchen und Weibchen mit dem Schnabel abwechselnd eine 40 bis 80 Zentimeter lange Erdröhre in eine Steilwand aus Lehm oder Sand. Günstig sind abgebrochene Ufer, doch wird auch ersatzweise in große Wurzelteller umgestürzter Bäume gegraben. Am Ende der Röhre buddeln die Eltern eine fußballgroße Mulde als Nest. Gern wird auch eine vorhandene Brutröhre aus dem Vorjahr gesäubert und neu bezogen – auch wenn es nicht die eigene war. Die Eier werden auf den nackten Boden gelegt und von beiden Eltern abwechselnd drei Wochen bebrütet. Vier Wochen füttern die Eltern die Nestlinge. Nur wenige Tage, nachdem die ersten Jungen Ende Mai oder Anfang Juni die Bruthöhle verlassen haben, werden sie schon aus dem Revier gejagt, und die Altvögel beginnen die nächste Brut. Bei einer Drittbrut füttert das Männchen die Jungen noch, bis sie ausfliegen, während das Weibchen in einer weiteren Brutröhre bereits ein neues Gelege bebrütet. Das nennt man Schachtelbrut.

Bei sechs oder sieben Eiern pro Brut muss der Eisvogel entsprechend viele Fische fangen, um alle Schnäbel zu stopfen. Dafür braucht er ruhiges und sauberes Wasser, denn für eine hohe Trefferquote bei der Jagd muss er die Fische gut sehen können. An Flüssen und Seen, die durch Abwässer überdüngt zu viele Schwebstoffe, Plankton und Algen enthalten, findet der Eisvogel keine Nahrung.

Kein leichtes Leben

„Im Schnitt sterben während eines Jahres 70 Prozent aller erwachsenen Eisvögel, und 80 Prozent der Jungen kommen bereits in ihrem ersten Lebensjahr um“, erfährt man vom NABU. In Deutschland sind Eisvögel Standvögel und verlassen ihre Reviere nur, wenn das Gewässer, das sie mit Nahrung versorgt, zufriert. Hält sich Gevatter Frost zu lange auf, kostet er sie das Leben.

Gewinner des Klimawandels sind die Eisvögel trotzdem nicht: Die dadurch bedingten Hochwasser fließen schneller und sind trüb. Nicht nur, dass ein Eisvogel so kaum Jagdglück hat, kann Hochwasser in der Brutzeit die Brutröhren überfluten, so dass die Jungen ertrinken. Zudem wird es für den Eisvogel immer schwieriger überhaupt einen Platz für eine Brutröhre zu finden, da viele Ufer in Stein befestigt werden.

Mitunter warten hungrige Eisvogeljungen vergebens auf Futter von ihren Eltern, wenn die Altvögel sich den ganzen Tag nicht mehr an die Röhre trauen, da Erholung suchende Menschen in der Nähe sind.

Vogel des Jahres 2009

Zum zweiten Mal nach 1973 haben NABU und der Landesbund für Vogelschutz (LBV) den Eisvogel zum Vogel des Jahres erklärt, weil er für lebendige Flüsse und Auen steht, die sein Lebensraum sind. NABU hat in einem vom Bund geförderten Großprojekt begonnen, die an vielen Stellen eingedeichte und begradigte Untere Havel zu renaturieren, so dass sie ihr ursprüngliches Bild eines mäandernden Flusses mit natürlichen Flussauen, Flutrinnen und Tümpeln zurückbekommt. Das Gebiet soll ein Paradies werden für Tiere, Menschen – und fliegende Edelsteine.

(Bod)
(Bod)

Buchtipp:

"Abenteuer Eisvogel" von Sabine und Thomas Rasel

Jede freie Minute streiften die beiden Autoren durch die Natur. In ihrem Büchlein „Abenteuer Eisvogel“ berichten sie vom Erlebnis, den Eisvogel nah vor die Kamera zu bekommen, und was sie in drei Jahren Beobachtung über die Lebensweise des fliegenden Edelsteins erfahren haben. Kurzweilig zu lesen und mit vielen schönen Fotografien. 52 Seiten, Preis: 19,95 Euro. Verlag: Books on Demand GmbH. ISBN: 9783837013184

Erschienen in The Epoch TImes Deutschland Nr. 47/08

 



Schlagworte

Vögel, Eisvogel, NABU
Folgen Sie unseren aktuellen Nachrichten



Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige