Koalas schlafen etwa 20 Stunden am Tag.
Koalas schlafen etwa 20 Stunden am Tag.
Foto: Torsten Blackwood/AFP/Getty Images

Wie der Koala und der Fuchs

Die Euro-Zone und die Yuan-Zone

von Patrick Eichenberger / Gastautor, Samstag, 17. Dezember 2011 13:32

Vom Fressen saftiger Eukalyptusblätter leicht bekifft, kauert der drollige Koala hoch in der Baumkrone und macht ein seliges Nickerchen. Wacht er vom Hungergefühl unerwartet auf, so schiebt er sich in Zeitlupentempo zum nächstgelegenen Ast vor, um auch diesen leer zu fressen.

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Das Prozedere geht weiter, bis der Baum nichts mehr hergibt und schließlich der ganze Eukalyptuswald stirbt. Dann folgt der langsame Abstieg, wo beim Überqueren der Straße zum benachbarten Wald das schlaftrunkene Graubärwesen von der Realität eingeholt und überfahren wird. Der Fuchs und sein Wesen sind uns bekannt. Dem Koala aber nicht. In etwa so verhalten sich die im Folgenden skizzierten Grundzüge der Euro-Zone zu denjenigen der chinesischen Yuan-Zone (oder Renminbi).

Die Eurokraten müssen trotz Aktionismus hilflos mitansehen, wie der Euro sich zum Nonvaleur entwickelt, wogegen die Chinesen sich einer Aufwertung des Renminbi gegenwärtig kaum zu erwehren wissen. Währungen haben mit realen Leistungsbilanzsalden und noch mehr mit Vertrauen zu tun. Die Euro-Zone leidet an beiden Determinanten. China droht gegenteiliges Leid.

Vertragsbrüche und Verschaukelungen

Immer verzweifelter versuchen EURO-Technokraten neue Finanzierungsquellen zu erschließen. Hinhalteversprechen, Kehrtwenden und Lügen gehören genauso zum Repertoire der Euro-Zone wie Vertragsbrüche! Man denke an die vertragliche Nichtbeistandsklausel in Art. 125 AEUV (Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union), die den Euro-Technokraten offensichtlich sch….egal ist. Oder an den gesetzlich in Art. 123 AEUV verbotenen Aufkauf von Staatsanleihen maroder Euro-Mitgliedstaaten durch die Europäische Zentralbank (EZB). Auch dieses Gesetz ist den Euro-Funktionären sch….egal. Für über 160 Milliarden Euro hat die EZB illegal nichtwerthaltige Staatsanleihen aufgekauft, um die Zinsen künstlich tief zu halten, damit Euro-Länder mit der saloppsten Haushaltsführung für ihre Unfähigkeit auch noch belohnt werden.

Wo bleibt die Solidarität gegenüber Irland und Portugal, wenn diese Euro-Mitgliedländer tapfer einen Austeritätskurs fahren mit dem Ziel, jeweils die ganze Schuldenlast zu bedienen, wogegen Griechenland 50 Prozent (100 Milliarden Euro) seiner Gesamtschulden erlassen werden sollen? Nur Staaten und deren Politiker, die frech versprechen, lügen und mogeln, werden offenbar durch Schuldenschnitte belohnt.

Mal ehrlich: Wie würden Sie sich als Ire und Portugiese gegenüber dem bevorzugten Schicksalsgenossen Griechenland vorkommen? Ungeliebt? Verschaukelt? Übervorteilt? Zur Zeit machen sogar Gedankenspiele in der EURO-Zone die Runde, ob nicht auch Devisenreserven, Goldreserven und andere verwertbare Aktiva in irgend einer dienlichen Form herangezogen werden könnten, die Rettungsschirme noch weiter aufzublähen und gar zu „hebeln“.

Kein Geld aus China?

In einem neulich über „BBC International“ ausgestrahlten Interview mit einem chinesischen Industriearbeiter nahe Shanghai gab dieser auf die Frage, ob China den Europäern Geld leihen solle, Folgendes mit echauffierter Stimme zum Besten:

„Warum sollen Chinesen, die vom Westen ausgebeutet werden, indem sie für Hungerlöhne (also von unter 80 Cents pro Stunde, Ergänzung Red. SZ) über 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeiten müssen, Kredite an Europäer vergeben, deren Arbeitslose fürs Nichtstun ein Vielfaches von dem erhalten, was ein Durchschnitts-Chinese als Lohnempfänger erwirtschaftet?“

Jedem Chinesen werden die Jahre der Schmach aus der Kolonialzeit allgemein und die Schande des Boxeraufstands speziell immer wieder vor Augen geführt.

„Vergesst niemals die Schande nationaler Erniedrigung.“

Bald wird das von China anvisierte Gegenteil Realität und so dürfte auch die sinngemäß wiedergegebene Prophezeiung des Universalhistorikers Oswald Spengler aus dem Jahr 1931 (!) Wirklichkeit werden:

„Der Westen züchtet mit seinem von Geldgier angetriebenen Export von Produktions-, Technik- und Methodik-Wissen nach Asien seine tödliche Konkurrenz heran. Die angebliche Erschließung asiatischer Produktions- und Absatzmärkte dient nur als Vorwand.“

Der Stolz der Chinesen wächst. Nicht nur dank Olympia 2008 oder der Raumfahrt heute.

Hat nicht die Auslagerung von allen möglichen Industrie-Arbeitsplätzen aus verschiedensten Branchen Europas in Richtung Osten dazu beigetragen, dass Europa zu einem Kontinent von Dienstleistern gedrängt wird, wo es aber mangels Produktivitätsfortschritten im tertiären und quartären Sektor zunehmend schwieriger wird, hierfür hohe, den Lebensumständen entsprechende Mehrwerte zu erwirtschaften? Die durchschnittlichen Staatsquoten in der EU-27 von über 50 Prozent wachsen weiter und sind ein gefährliches Zeichen sinkender Attraktivität für jedes gesunde Unternehmertum, welches sich anderswo nach lukrativen Geschäftstätigkeiten umsehen muss oder ganz einfach resigniert.

Griechenland: Das unlösbare Problem

Der Fall Griechenland wird ein Problem bleiben, welches – solange Griechenland Euro-Mitgliedland bleibt – unmöglich zu lösen sein wird. Da helfen weder Transferzahlungen noch Schuldenschnitte. Griechenland ist mittlerweile auf dem weltweiten Wettbewerbsindex des WEF (World Economic Forum) auf Platz 90 zurückgefallen und liegt damit zwischen dem Libanon (89) und El Salvador (91). Die wichtigsten Problemkriterien Griechenlands liegen im ineffizienten und übergroßen Verwaltungsapparat, in der Korruption und im rigide durchregulierten Arbeitsmarkt begründet. Die realen Stundenlöhne Griechenlands sind in den letzten zehn Jahren um über dreißig Prozent gestiegen. In Deutschland sind die vergleichbaren realen Stundensätze stagnierend oder rückläufig. Gleichzeitig kennt Griechenland ein Leistungsbilanz-Defizit im Ausmaß von über zwanzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dagegen werden die Leistungsbilanz-Überschüsse Deutschlands nicht nur von den USA mit Neid quittiert.

Es verwundert daher nicht, dass junge und ambitiöse Griechen – wie Iren und Portugiesen übrigens auch – ihre jeweilige Heimat zu Tausenden verlassen. Genauso, wie viele Griechen im Zuge der Staatspleite von 1893 ebenfalls weggezogen waren. Interim-Technokraten wie Papademos in Griechenland oder Monti in Italien werden weder Wunder bewirken noch das ursächliche Problem des Schuldenumverteilungsstaates lösen können. Auch sie beide sind nur vorübergehende Notlösungen zum Aufschieben programmierter Pleiten oder aber um überfällige Radikalkuren nüchterner zu verkaufen.

Tatsache ist: Die Epoche des Ausbaus vom Wohlfahrtskontinent Europa ist gestoppt. Es folgt sein unaufhaltsamer Niedergang.

Politik der Wirtschaftslokomotive in der Euro-Zone

2011 dürfte für das politische Deutschland, der langsam zum Stillstand auslaufenden Wirtschaftslokomotive Europas, zum Jahr der Kehrtwenden erkoren werden. Pro Memoriam: Erst kam die überraschende Abschaffung der Wehrpflicht, eingeleitet durch den beliebten „copy-paste“-Minister. Dann folgte der konzeptlose Panikentscheid zum Atomausstieg und damit auch das Storno der kurz zuvor ausgehandelten Laufzeitverlängerungen. Dieser nicht abgesprochene Atomausstieg im Alleingang wurde bekanntlich durch eine kombinierte Umweltkatastrophe im fernöstlichen Japan (Erdbeben und Tsunami) eingeleitet, die in Germania beide so nicht vorkommen. Dann folgten am Hindukusch konkrete Schritte des Einstiegs zum Ausstieg, nachdem sich im politischen Eiertanz um den Afghanistan-Einsatz nun doch die Überzeugung durchgesetzt hatte, wonach es sich dort weniger um ein „stabilisierendes“ als eher um ein „kriegsähnliches“ Engagement handeln dürfte. Schließlich sorgte die von Frau Merkel angeschobene Diskussion um Mindestlöhne für Verwunderung in den eigenen Reihen, wobei zwischenzeitlich eher um zeitarbeitsorientierte „Lohnuntergrenzbandbreiten“ je Branche diskutiert wird. Dieser unberechenbare Opportunismus hat zwar im schwarz-gelben Regierungslager – gelinde gesagt – für Überraschungen gesorgt. Allerdings ist damit der Opposition viel Angriffsfläche für wirksamen Gegenwind genommen worden. Ob die Bundeskanzlerin die La Fontaine-Fabel „Le Chêne et le Roseau“ (Die Eiche und das Schilfrohr) gelesen hat? Jedenfalls grenzt es an hohe politische Kunst, sich selbst bei Flaute in den richtigen Wind zu stellen.

„Aber Achtung: Sollte die Bundesregierung die drei Eurobond-Optionen vom Portugiesen und selbstproklamierten Euro-Retter Barroso prüfen und Deutschland in der Folge ihre Anti-Eurobond-Haltung sogar aufgeben, dann würde dieser Kniefall die Erosion der Euro-Zone beschleunigen und mit ihr der wirtschaftliche Niedergang Europas noch schneller erfolgen.“

Euro-Zone schläft

Der Koala träumt, während der Fuchs geschickt im Stillen jagt. Die EURO-Zone ist mehrheitlich mit sich selbst und der Verwaltung ihrer Schuldenkrise beschäftigt, die sich in Zukunft noch weiter zuspitzen wird. Dabei gäbe es zu Hauf andere Problemthemen, die die EU auf Stufe „Global Player“ der G20 anschieben müsste. Man denke etwa an Rohstoffverknappungen, Nahrungsmittelpreise, Energieversorgung, Arbeitslosigkeit, Ökologie (Trinkwasserknappheit, Überfischung, Klima-Erwärmung, Versauerung der Meere durch den anhaltend sinkenden Sauerstoffgehalt, Verschmutzung,..), Flüchtlingsdramen, Demokratiebewegungen, u.a.m.

Der EU fehlt das, was China kennzeichnet: Strategisches Denken und systematische Umsetzung!

Fazit

Die Euro-Zone ist längst zu einem vertragsbrüchigen, unzuverlässigen Partner mutiert, dessen Verhaltensweisen weder vorhersehbar noch einschätzbar sind. Die EU, die noch zur ersten Welt gehört, ist am wirtschaftlichen Ausbluten und wird im Laufe weniger Jahrzehnte stetig zu einer Schwellenregion absteigen. Es wäre an der Zeit, einen Plan B zur Rückbesinnung auf einen Binnenmarkt effizient-schlanker Nationalstaaten im gemeinsamen Wettbewerb anzudenken. Demokratieverlust, Abgabe von Souveränität und Zentralismus sind nicht die Schlüsselbegriffe einer gemeinsamen Zukunft Europas. Alle, die noch immer von den „United States of Europe“ träumen, haben mit Koalas einiges gemeinsam. Gute Nacht.

Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Patrick Eichenberger, Berlin, aus:

http://www.schweizerzeit.ch/cms/index.php?page=/News/Die_EuroZone_und_die_YuanZone-401

 



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