Carlo Bruni-Sarkozy, First Lady von Frankreich, gibt ihrem Ehemann Nicolas Sarkozy im harten Wahlkampf zur Präsidentschaft mit einem Werbe-Aufkleber Rückhalt in der Öffentlichkeit.
Carlo Bruni-Sarkozy, First Lady von Frankreich, gibt ihrem Ehemann Nicolas Sarkozy im harten Wahlkampf zur Präsidentschaft mit einem Werbe-Aufkleber Rückhalt in der Öffentlichkeit.
Foto: AP Photo/Eric Feferberg, Pool

Hollande: "Niemand hält uns auf"

Drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich

von Tobias Schmidt, Sonntag, 15. April 2012 18:46

Vincennes/Paris – Jetzt endlich glaubt auch Francois Hollande an den Triumph. "Niemand hält uns auf! Niemand wird uns stoppen!", ruft der so lange zurückhaltende Mann mit sich überschlagender Stimme zu seinen mehr als 100.000 Anhängern in Frankreich. "Der Sieg, er kommt am 6. Mai!" Ein gewaltiges rot-weißes Fahnenmeer in den Farben der Parti Socialist (PS) weht auf den Esplanaden vor dem Schloss von Vincennes im Osten von Paris. Kalter Aprilwind pfeift um die Bühne. Schwarze Regenwolken brauen sich zusammen. Doch Hollande bellt energisch dagegen an: "Der Neuanfang, er kommt jetzt. Ich bin bereit."

Der Mann, der von seinen Gegnern als Wackelpudding und Niete verspottet wird, der nie ein Ministeramt eroberte, heute gibt er sich erstmals wirklich siegessicher. Eine Woche vor der ersten Runde, drei Wochen vor der Stichwahl, will er sich den Triumph nicht mehr entringen lassen. Am 6. Mai, so sehen es alle Demoskopen, kann Hollande den Élysée-Palast nach 17 Jahren aus der Hand der Konservativen für die Sozialisten zurückerobern – und dem Land nach den Sarkozy-Jahren ein lächelndes Gesicht zurückgeben.

Für den ersten Wahlgang sehen ihn die Umfragewerte Kopf an Kopf mit Nicolas Sarkozy bei rund 27,5 Prozent. Für den zweiten Wahlgang aber hat er einen wieder angewachsenen Vorsprung zwischen sechs und 14 Punkten. Schlimmer noch für den Amtsinhaber, der 2007 als "Super-Sarko" mit riesigen Hoffnungen und noch größerem Ego gestartet war: 64 Prozent der Franzosen sind mit seiner Leistung unzufrieden. So unbeliebt war kein Präsident in der Nachkriegsgeschichte der Grande Nation.

Showdown in Paris

Aber Sarkozy wäre nicht Sarkozy, würde er die Waffen strecken. Zur selben Zeit wie Hollande in Vincennes kämpfte er auf der Place de la Concorde im Zentrum von Paris, um das Ruder doch noch herumzureißen. "Französinnen, Franzosen, helfen Sie mir!", rief er seinen mehr als 100.000 Anhängern zu. Mit donnernder Stimme versuchte er, die "schweigsame Mehrheit" aufzurütteln. Die Gefolgschaft der rechtsextremen Front-National-Chefin Marine Le Pen. Und die vielen französischen EU-Skeptiker, für die Brüssel das Synonym für Spardiktate und einen Angriff auf die nationale Souveränität ist. Schon in den vergangenen Wochen drohte Sarkozy, die Grenzen dichtzumachen und den Pariser Beitrag für den Brüsseler Haushalt einzufrieren. Am Sonntag kündigte er an, bei seinem Sieg mehr Einsatz der Europäischen Zentralbank für das Wachstum zu verlangen.

Zwar bedient auch Hollande die EU-Verdrossenen. Er will den von Berlin durchgeboxten Fiskalpakt "neu verhandeln", wie er am Sonntag wieder bekräftigte, Wachstumsmaßnahmen hinzufügen, das Spardiktat abfedern. Was er aber vor allem und mit Erfolg versucht: Sich gegenüber dem aggressiven Amtsinhaber als Wohlfühlpräsidenten zu verkaufen. Er will Zuversicht, Solidarität und Mitgefühl verkörpern. "Niemand wird fallen gelassen, jeder hat seinen Platz in Frankreich", kontert er Sarkozys Werben um den rechten Rand. Und Hollande bedient damit eine tiefe Sehnsucht der Franzosen.

"Anti-Sarkozyst"

"Sarkozy ist der verkorksteste Präsident, den wir je hatten", sagt Gaston Sejourne, der schon um elf Uhr auf seinen Kandidaten wartet. "Sarkozy ist ein Lügner, ein Spalter und der Freund der Großkapitalisten." Sejourne ist wütend auf den Versuch des Amtsinhabers, Hollande als linken Hallodri zu brandmarken, der Frankreich noch tiefer in die Wirtschaftskrise ziehen würde. Doch wenn der 55-jährige Angestellte auf dem Wahlzettel sein Kreuz macht, dann nicht aus Enthusiasmus. "Ich mache es, um Sarkozy zu stürzen." "Anti-Sarkosyst" prangt es in roten Großbuchstaben auf seinem weißen T-Shirt.

Auch damit steht er stellvertretend für einen großen Teil der Franzosen. Denn Hollande ist es – trotz Imagewandel und einer Kampagne ohne große Patzer – nicht gelungen, sich wirklich als neue Lichtgestalt zu verkaufen. "Ob er bei seinem Sieg Frankreich wieder nach vorne bringt? Ich weiß es nicht", sagt Sejourne.

Denn wirklich überzeugende Rezepte hat auch der Sozialist nicht. Er will das Defizit zwar auch abbauen, bis 2017 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen; aber anders als Sarkozy weniger durch Einsparungen als durch Steuererhöhungen. Er will die Rentenreform Sarkozys teilweise rückgängig machen, neue Lehrer einstellen. "Die Sparsamkeit beruhigt die Märkte nicht", sagt er, und erntet tosenden Jubel. "Ich werde der Präsident eines Frankreichs, das stärker ist als die Märkte."

"Beide Favoriten, Sarkozy und Hollande, schrecken vor grundsätzlichen Entscheidungen wie bei der deutschen Agenda 2010 zurück", klagt ein deutscher Diplomat in Paris. Beiden gehe es darum, durch neue Investitionen hier oder dort Arbeitsplätze zu sichern und die Situation homöopathisch zu entschärfen, anstatt das Land durch wirkliche Reformen wettbewerbsfähiger zu machen. So fehle etwa völlig ein Konzept, um einen Abbau der skandalösen Jugendarbeitslosigkeit unter Angehörigen von Einwandererfamilien zu erreichen.

Sarkozy hofft auf den Nahkampf

Der oberflächliche Wahlkampf, die Blässe Hollandes und der Sarkozy-Verdruss sind laut Demoskopen dafür verantwortlich, dass die Franzosen keine große Lust auf die Wahl haben. Knapp 30 Prozent wollen sich nach einer IFOP-Umfrage vom Sonntag am 6. Mai enthalten, die Beteiligung würde sich damit einem historischen Tiefstand nähern. Das ist auch für das Hollande-Lager noch ein großer Risikofaktor. Und auch die Frage, wie sich die fast 16 Prozent verhalten werden, die im ersten Durchgang Marine Le Pen wählen wollen.

Eine realistische Chance hätte Sarkozy aber wohl nur noch dann, wenn Francois Bayrou von der Zentrumspartei MoDem seine Wähler für die zweite Runde hinter Sarkozy vereinen könnte – wenn er es überhaupt wollte. "Politisch stehe ich dem Amtsinhaber näher, menschlich aber Hollande", verkündete Bayrou kürzlich. So hält er sich den Weg in eine Regierung beider Kandidaten offen.

Im Sarkozy-Lager lassen sie die Hoffnung aber noch nicht fahren. Wenn der Élysée-Chef in einer Woche die Nase vorn haben wird, dann könnte er eine neue Dynamik vor der entscheidenden Runde entfachen, sagt einer seiner Berater. Und verweist darauf, dass es in den zwei Wochen vor der Stichwahl in Frankreich endlich Mann gegen Mann geht. Und im Nahkampf, zu dem auch mindestens ein TV-Duell gehört, werde Sarkozy den Wackelpudding Hollande noch in die Enge treiben. (dapd)



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