Traditionelle Kleidung beim Münchner Oktoberfest.
Traditionelle Kleidung beim Münchner Oktoberfest.
Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Faszinierender Alltag

Eine Touristin aus China beschreibt bewegende Momente in Deutschland

von Ying Hartmüller, Mittwoch, 9. Januar 2013 17:55

 

Eine Touristin aus China, die kurz vor Weihnachten eine Reise nach Deutschland gemacht hatte, teilte in ihrem Mikroblog ihre Urlaubseindrücke mit anderen Bloggern. Dabei präsentierte sie die bewegenden Momente, die sie während ihres kurzen Aufenthalts in Deutschland erlebt hat. Interessanterweise handelt es sich dabei nicht um die Landschaft, sondern um Menschen und ihr Alltagsleben. Vielleicht sind manche Dinge so normal für uns, dass wir in ihnen die Schönheit nicht immer wahrnehmen, die die Augen von Fremden jedoch erkennen können.

Diese Touristin aus Peking meinte, sie sei so fasziniert von den Menschen auf den Straßen Deutschlands gewesen, dass sie oft rennen musste, um mit ihrer Reisegruppe Schritt zu halten. Sie fotografierte beispielsweise Kinder, die von den Schaufenstern eines Spielzeugladens fasziniert waren oder Familien, die glücklich auf der Straße spazieren gingen. Ihre Fotos und Beschreibungen erregten das Interesse anderer Blogger in China. Offensichtlich hat unser Land einige Fans im Reich der Mitte.

Zuneigung in der Öffentlichkeit

Eines ihrer beliebtesten Fotos stellt ein betagtes Ehepaar dar, das Hand in Hand auf der Straße ging. Sie schrieb dazu, dass in Deutschland oft solche Paare zu sehen seien und dass sie immer ihre Aufmerksamkeit einfangen konnten. Bei einem solchen Anblick sei ihr immer warm ums Herz geworden und die Tränen seien ihr in die Augen gestiegen. Was für ein großes Glück sei es, dass man von jemandem begleitet wird, den man liebt und zusammen langsam Schritt für Schritt alt werden könne.

Solche wunderschönen Szenen sind vielleicht besonders bewegend für Chinesen, da solche Bilder in China selten zu sehen sind. Manche meinen, dass die betagten Chinesen sehr konservativ seien und die Zuneigung zueinander nicht zeigen wollen. Das ist aber nicht unbedingt so. In der traditionellen chinesischen Kultur wurde zwar nicht von Romantik geredet, aber es hieß, dass jede Begegnung mit Menschen hochzuschätzen sei. In China glaubte man an Reinkarnation. So war ein alter Spruch in China, dass man in früheren Leben zehn Jahre leiden müsse, um in diesem Leben mit jemandem zusammenzutreffen. Erst nach einhundertjährigem Leiden bekomme man in diesem Leben den Ehepartner. Daher waren Vertrauen und Zuneigung zwischen Ehepartnern in China nicht fremd.

Das Vertrauen in den Familien wurde aber während der jahrzehntelang andauernden grausamen und sinnlosen politischen Bewegungen zerstört, die die Kommunistische Partei vorangetrieben hat. Die betagten Chinesen haben in ihrer Jugend Zeiten erlebt, in denen sogar die Kinder dazu motiviert wurden, ihre Eltern zu verraten. Auch die Ehe musste dem Wunsch der Partei entsprechen. Wenn die gesellschaftlichen Klassen der beiden nicht zueinander passten, durften sie nicht heiraten.

Dass vor dem Standesamt keine Einwilligung der jeweiligen Arbeitseber mehr gebraucht wird, gilt erst seit 2003. Vielleicht ist das der Grund, dass viele betagte Chinesen keine Zuneigung zueinander zeigen. Die Auswirkung solcher politischen Bewegungen reichen bis heute. In China fehlt den Menschen das Vertrauen. Viele Chinesen sehnen sich aber nach Liebe und Vertrauen. Vielleicht ist das der Grund, dass das Bild mit dem alten Ehepaar in Deutschland das Herz so vieler Blogger in China berührt.

Die Welt wurde ruhig

Ein anderes Foto, das sie zeigte, stellte eine betagte Frau dar, die in der Marienkapelle von Würzburg betete. Die Touristin schrieb dazu: Ich hatte das Gefühl, dass die Welt plötzlich ruhig wurde als ich diese Dame sah, die allein in einer Ecke der Kapelle betete. Ich war sehr berührt.

Vielleicht liegt es an ihrer Sehnsucht nach innerem Frieden und Glauben, dass dieser Anblick für sie so bewegend war. Nachdem in China die Kommunistische Partei an die Macht kam, erlitten alle Religionen einen schweren Schlag. Die Partei wünscht nicht, dass das Volk einen Glauben hat - außer dem an die Partei. Viele buddhistische Tempel sind heute nur touristische Sehenswürdigkeiten. Die Mönche sind bezahlte Mitarbeiter der Tourismusbranche und tragen ihre Kutte nur für die Arbeit. Es fehlt vielen Chinesen ein Glaube. Das heißt aber nicht, dass sie den Glauben an Göttliches nicht mehr haben wollen und nicht mehr zu schätzen wissen. Diese Touristin meinte, dass niemand in ihrer Reisegruppe etwas getan hat, das diese Dame bei ihrem Gebet stören konnte. Dazu muss man wissen, dass die chinesischen Touristen oft sehr laut sind.

Hier ist Tradition lebendig

Interessant sind auch Fotos, die sie in einer Gaststätte in München gemacht hat. Dort trugen sowohl die Besucher als auch die Wirtin traditionelle Trachten. Diese Touristin meinte, dass sie am Anfang dachte, dass ein Gast in Tracht jemand aus der Tourismusbranche sei und für ein Foto Geld verlangen werde. Aber sie bemerkte später, dass der Mann ein ganz normaler Besucher des Restaurants war.

Ihre Vermutung zeigt, wie die Tradition in China verloren gegangen ist. In China existieren heute viele traditionelle Bekleidungen nur noch für den Tourismus. Das Land, das oft von seiner 5000-jährigen Geschichte spricht, hat in Wirklichkeit vieles von seiner Kultur verloren. Es ist für viele Chinesen bewundernswert, wie gut die Tradition in Bayern gepflegt wird.

Vieler Blogger lobten sie für ihre Fotos. Einer meinte beispielsweise, dass man durch Kleinigkeiten im Leben das Herz reinigen könne und dass er hoffe, dass sie mehr solche Fotos zeigen könne. Ein anderer bedankte sich bei ihr für die Reiseberichte und meinte, dass dies nicht nur Fotos seien, sondern auch ein Fester für ihn, um die Welt kennenzulernen.

Einige Blogger sind einfach begeistert von Deutschland. Einer fand zum Beispiel, dass das deutsche Volk viele gute Eigenschaften habe und vorbildhaft sei. Ein weiterer Blogger meinte, dass er schon lange neugierig auf Deutschland sei. Aus diesem Land kommen so viele bekannte Musiker, Denker, Wissenschaftler...  Er fragte sich, was für ein Volk und was für ein Land das sei.

 



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