Gruner + Jahr besiegelt Ende der "Financial Times Deutschland"
Gruner + Jahr besiegelt Ende der "Financial Times Deutschland"
Foto: dapd/Philipp Guelland

Gruner + Jahr besiegelt Ende der "Financial Times Deutschland"

Epoch Times, Freitag, 23. November 2012 21:41

Hamburg – Die "Financial Times Deutschland" (FTD) erscheint am 7. Dezember zum letzten Mal. Der Verlag Gruner + Jahr bestätigte am Freitag nach langem Hin und Her das Aus der defizitären Wirtschaftszeitung. "Die 'Financial Times Deutschland' schreibt seit ihrer Gründung im Jahr 2000 Verluste", erklärte Vorstandsmitglied Julia Jäkel. Deshalb habe der Verlag keinen Weg gesehen, die "FTD" weiter zu betreiben.

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Chefredakteur Steffen Klusmann erklärte, es sei dem Blatt nicht gelungen, "ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das unseren Anspruch an Journalismus zu finanzieren vermag". Gleichzeitig betonte er: "Wir haben in den vergangenen fast 13 Jahren vieles angestoßen und verändert im deutschen Wirtschaftsjournalismus. Darauf sind wir stolz." Zum Abschied kündigte er eine "sehr besondere Print-Ausgabe" an.

"Capital" und "Business Punk" sollen weitergeführt werden

Für das Anlegermagazin "Börse Online" sowie das Monatsmagazin "Impulse" prüft der Verlag nach eigenen Angaben die Möglichkeit eines Verkaufs. Sollten die Verhandlungen nicht zu einem erfolgreichen Abschluss kommen, sei auch für diese Titel die Einstellung geplant. Das Magazin "Capital" sowie die Neugründung "Business Punk" sollen dagegen erhalten und nach Berlin verlegt werden.

Dem Verlag zufolge sind in der Gemeinschaftsredaktion der G+J Wirtschaftsmedien 364 Jobs betroffen: 258 Arbeitsplätze in Hamburg, 42 in Frankfurt am Main und 14 in weiteren Außenbüros. Dazu kämen 50 Mitarbeiter in nicht-redaktionellen Verlagsbereichen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft ver.di Frank Werneke erklärte, verantwortungsvolles Unternehmertum "sieht anders aus". Die Belegschaft habe "jahrelang finanzielle Opfer gebracht". Der G+J-Mehrheitseigentümer Bertelsmann stellte sich dagegen demonstrativ hinter die Entscheidung: Es habe keine wirtschaftliche Alternative zur Schließung gegeben.

Nach Angaben aus Mitarbeiterkreisen soll betroffenen Mitarbeitern voraussichtlich im Januar gekündigt werden. Der Verlag plane Abfindungsangebote in Höhe von einem Monatsgehalt pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Die Belegschaft wurde am Freitagvormittag in einer Mitarbeiterversammlung informiert. "FTD"-Mitarbeiter trugen lachsfarbene Trauerschleifen am Revers. In der Freitagausgabe der Zeitung war die zweite Seite mit Solidaritäts-Zuschriften von Lesern gefüllt.

Zeitungsbranche steht unter Druck

Mit der Einstellung der "FTD" ist in diesem Monat die zweite große Zeitung Opfer sinkender Einnahmen geworden. Am 13. November hatte das Druck- und Verlagshaus, in dem die "Frankfurter Rundschau" erscheint, Insolvenzantrag gestellt. Auch die "FR" hatte über Jahre Verluste angehäuft. Schon im September wurde die traditionsreiche Nürnberger "Abendzeitung" eingestellt.

Die gesamte Zeitungsbranche steht unter Druck durch das Internet: Im Netz sind die meisten Informationen kostenlos und früher als in gedruckten Medien zu lesen. Die Verleger hatten es versäumt, ihre Internet-Angebote rechtzeitig kostenpflichtig zu machen. Inzwischen wird von Nutzern an immer mehr Stellen Geld gefordert. Am weitesten hat sich in dieser Hinsicht der Axel-Springer-Verlag entwickelt.

Allerdings waren in früheren Jahren Verlage offenbar bereit, ihre publizistischen Flaggschiffe auch in schlechten Zeiten zu halten: Springer glich nach Angaben aus Verlagskreisen jahrelang Verluste der "Welt" aus, "Stern"-Mitbesitzer Gerd Bucerius zahlte für die lange defizitäre "Zeit", und der "Spiegel" trug über Jahre die Verluste des "Manager Magazins".

Bundestag will sich mit Krise auf den Medienmarkt befassen

Nach dem Ende von drei Zeitungen innerhalb weniger Wochen soll sich der Bundestag mit der Schließungswelle befassen. "CDU/CSU und FDP werden das derzeit grassierende Zeitungssterben im Deutschen Bundestag zum Thema machen", erklärte der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hingegen wehrt sich gegen die Krisenstimmung: "Von einem Zeitungssterben zu sprechen ist, so bedauerlich die Einzelfälle sind, geradezu absurd", sagte eine Verbandssprecherin auf dapd-Anfrage. Nach dem Fernsehen seien die Zeitungen der wichtigste Werbeträger.

Zwei Drittel der Bundesbürger über 14 Jahren lesen nach BDZV-Angaben regelmäßig eine Tageszeitung. Zehn Jahre zuvor waren es allerdings noch mehr als drei Viertel. Und auch die täglich verkaufte Auflage der Tageszeitungen sinkt seit Jahren, von 23 Millionen Exemplaren im Jahr 2001 auf inzwischen 18 Millionen.

dapd



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Medien, Unternehmen, Gruner+Jahr, FTD,
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