Tamás Tarjányi (Jephtha, re.) mit Chor.
Tamás Tarjányi (Jephtha, re.) mit Chor.
Foto: Thilo Beu

Dreistigkeit und Demut

Händels Oratorium „Jephtha“ in der Oper Bonn

von Bernd Kregel / Gastautor, Samstag, 29. Dezember 2012 15:01

Wer trägt die Schuld an den dramatischen Entwicklungen und Verwicklungen in Georg Friedrich Händels Oratorium „Jephtha“? Ist es der Titelheld Jephtha selbst (Tamás Tarjányi, Tenor), der als israelitischer Heerführer das Schlachtenglück gegen die Ammoniter durch einen unbesonnenen Schwur in seinem Sinne beeinflussen will? Durch sein überaus riskantes Versprechen gegenüber Gott Jahwe, nach siegreicher Rückkehr vom Schlachtfeld jenes Lebewesen als Opfer darzubringen, das ihm, zurück auf heimatlichem Boden, als erstes an seiner Türschwelle begegnet?

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Oder ist es eher der Hohe Priester Zebul (Martin Tzonev, Bassbariton), der als Jephtha mit allen Wassern gewaschener Halbbruder Kenntnis gewonnen hat von diesem heiligen Eid und nun penetrant den ersten Blick Jephtas auf dessen Tochter Iphis (Julia Kamenik, Sopran) lenkt? Die Weichen für einen tragischen Fortgang der Handlung (Libretto: Thomas Morell) sind gestellt.

Überschwänglichkeit und ahnungsvolle Klage

Völlig unbefangen ist dagegen Jephthas Tochter Iphis in ihrer jungfräulichen Liebe zu Hamor (Artem Krutko, Countertenor). In  ihrem aufkeimenden Liebesglück lassen beide ihrer Fantasie freien Lauf. Doch „die Liebe schweiget still, wenn Ehre ruft“, bremst Iphis ihren Geliebten am Vorabend der Schlacht. Eine plötzliche und unerwartete Kehrtwendung, deren „dumpfes Warten den Liebsten sich verzehren (lässt) voller Qualen“, wie Hamor sogleich ausdrucksstark beklagt.

Im Gegensatz zu dieser Überschwänglichkeit erklingt die ahnungsvolle Klage von Jephthas Frau Storgè (Julia Kamenik, Mezzosopran), die in diffusen Schreckensbildern „ein hart’ Geschick“ über sich und ihre Familie heraufziehen sieht: „O niemals, niemals hat je mein Herz zuvor geahnt das Leid mit solcher Seelenqual.“ Eine Passage, in der Händel musikalisch den Gemütszustand dieser Seherin auslotet und dabei auch dem durchweg sensibel aufspielenden Beethoven Orchester Bonn (Leitung: Andreas Spering) ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen abverlangt.

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