Liebe versus Vernunft

Händels „Orlando“ feierte Premiere an der Semperoper

von Nancy McDonnell, Dienstag, 29. Januar 2013 11:23

 

Georg Friedrich Händels „Orlando" feierte am Sonntag Premiere an der Semperoper Dresden. Mit Händels  Liebeswahn-Oper in drei Akten aus dem Jahre 1733 setzt die Sächsische Staatsoper hiermit weiterhin auf Alte Musik.

In einer Neuinszenierung von Andreas Kriegenburg bekam die barocke Oper eine Überlieferung in die heutige Zeit. Die Kulisse von einer Holzhütte inmitten des Waldes, also der eher düstere Grundton, der nicht nur in der Umgebung, sondern auch in der Kleidung  der Protagonisten wiederzufinden war, offenbarte schon vorab, dass in dieser Oper einmal mehr die dunklen Seiten der menschlichen Psyche ans Licht gebracht werden.

Orlando, ursprünglich von einem Kastraten gesungen, im Heute und Hier von Christa Mayer, verfällt dem Liebeswahn. (Wenn wie im Falle Orlandos der Rolle eine hohe, unnatürliche Männerstimme zugeordnet wurde, sollte sie der Sphäre des höfischen Liebhabers entstammen.) Der Krieger Orlando will sich Ehre und Triumph in Zukunft auf dem Schlachtfeld der Liebe und der Leidenschaft holen, doch da erscheint Georg Zappenfeld in der Rolle des „Zoroastro", ein Magier, der hier Ordnung und Vernunft personifiziert und ihn von seinem Liebeswahn zurück auf den vorbildlichen Weg des Ruhmes bringen will.

Orlando liebt Angelica, dargestellt von Carolina Ullrich, die in der Inszenierung als einziger Farbtupfer im knallroten Kleid wohl als Symbol der leidenschaftlichen Liebe gilt. Doch Angelica liebt Medoro (Gala El Hadidi, die zweite Darstellerin in Hosen), einen afrikanischen Prinzen, der ebenso von der Schäferin Dorinda (Barbara Senator) begehrt wird. Medoro entscheidet sich für Angelica, die es wiederum nicht wagt, Orlando diese Liebe zu gestehen und ihn stattdessen zu ritterlichen Liebesbeweisen herausfordert. Orlando begibt sich immer tiefer in den depressiven Sumpf der unerwiderten Liebe und muss letztendlich den Kampf mit seinem ärgsten Feind antreten, sich selbst.

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Händels Oper lebt von den unsichtbaren Emotionen der Figuren, die in Kriegenburgs Inszenierung durch zehn Balletttänzer übersetzt werden. Das gesamte dreistündige Bühnenwerk spielt in der vollkommen aus Holz bestehenden Hütte, umgeben von Wald. Der enge Rahmen dieser Behausung unterstreicht die seelische Begrenztheit der Figuren, wobei es den Protagonisten durchaus gut gelingt, die Sehnsuchtskammern, in die sie eingesperrt sind, stimmlich zu übermitteln. Dabei werden sie durch die Leiblichkeit der tanzenden Körper bestens unterstützt, wofür die Ballettgruppe am Ende starken Applaus und Bravo-Rufe bekommt. Mit viel nackter Haut - immer jugendfrei - schlüpften sie in die Rollen von Emotionen, Geistern, Gespenstern und schließlich auch von Bäumen.

Die musikalische Leistung, nicht zuletzt die des Orchesters unter Leitung des Briten Jonathan Darlington, war einem gelungenen Händel-Abend mehr als würdig, definitiv ein Ohrenschmaus. Darlington greift für diese Oper selbst in die Tasten des Cembalos, das in kurzen Sequenzen heroische und ebenso sehnsuchtsvolle Töne erklingen lässt. Alle vier Solistinnen gaben an diesem Abend ein gelungenes Debüt in ihren Rollen.

Vieles muss sich in einer Oper über die Stimme Ausdruck verschaffen; der Wahnsinn Orlandos war aber nicht so recht zu entdecken, es sei denn, der Moment, in dem er anstatt des sonst üblichen Schwertes  mit einer Sense in der Hand auf der Bühne erscheint, soll seine Rachegedanken und seinen mentalen Kontrollverlust erkennen lassen.

Bass-Sänger Georg Zeppenfeld, als tiefstimmiger Kontrast zu den Damen mit und ohne Hosen, setzte wohltuende, musikalische Akzente ins Geschehen der ansonsten hoch angelegten Gesangsstimmen. Vielleicht ein Grund, warum er am Schluss neben den Tänzern mit dem heftigsten Applaus belohnt wurde.

Ein fröhliches Dacapo am Ende einer zermürbenden Gefühlsschlacht lässt den Zuschauer einen befreiten Orlando erleben, der nicht ganz ohne Hilfe Zoroastros den Wahn zerschmettert und auf den Pfad der Vernunft zurückgefunden hat - oder mit Orlandos eigenen Worten: „Ich habe mich selbst besiegt."

Weitere Aufführungen:
03.02.2013
05.02.2013
17.02.2013
24.02.2013
03.03.2013
14.05.2013
06.06.2013

 

 



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