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Die chinesischen Behörden bereiten nicht nur den Journalisten selbst Schwierigkeiten, sondern auch deren Firmen. Shanghai Büro der New York Times.
Die chinesischen Behörden bereiten nicht nur den Journalisten selbst Schwierigkeiten, sondern auch deren Firmen. Shanghai Büro der New York Times.
Foto: Peter Parks/AFP/Getty Images

Kontrolle von Journalisten in China

Interview mit Jasper Becker über ausländische Journalisten in China

von Cindy Yu, Dienstag, 8. Januar 2013 12:00

 

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Epoch Times: Als britischer Journalist haben Sie viele Jahre in China gelebt und zahlreiche Erfahrungen gesammelt. Was ist Ihrer Meinung nach heute das sensibelste Thema in China?

Jasper Becker: Als Hu Jintao an der Macht war, wurden die inneren Konflikte der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) als sensibler Bereich geheim gehalten. Vor allem, was die Spitzenpolitiker gerade tun, bleibt uns ein Rätsel. Sich nach den gewöhnlichen Themen, wie z.B. Wirtschaftsthemen in China zu erkundigen, ist gar kein Problem. Über diplomatische Probleme äußern die Chinesen auch gerne ihre Meinung. Es ist aber besonders schwierig, sich mit politischen Themen in China zu befassen. Über Tibet, Uiguren, Falun Gong, Christen fiel es den meisten von uns ausländischen Journalisten besonders schwer, zuverlässige Information zu erhalten.

Vor etwa 20 Jahren war eine strenge Überwachung ohne High Technology nicht so einfach. Heutzutage werden elektronische Überwachungsgeräte verwendet: Internet, Computer, E-Mails werden kontrolliert, Telefongespräche abgehört. Außerdem heuern chinesische Sicherheitsbeamte auch noch Verräter an. Nachdem mir ein tibetischer Freund etwas über Tibet berichtet hatte, musste er sich beim Sicherheitsamt melden, um dort auszusagen, mit wem er gesprochen hatte und worüber. Ihm wurde dann die Chance geboten, Spion zu werden, um über weitere Kontakte dieses ausländischen Journalisten zu berichten. In China gibt es ganz viele bezahlte Verräter.

Auch wenn man selbst das Glück hat, all den eben erwähnten Risiken entkommen zu können, werden gegenüber den Chinesen, die interviewt worden sind, Repressalien eingesetzt. Es gibt Chinesen, die keine Angst haben und mit ausländischen Reportern in Kontakt kommen wollen, da sie ansonsten keinen anderen Weg finden, sich Luft zu machen. Aber die chinesischen Behörden nehmen das Interview dann als Beweis von Verbrechen der Interviewten.

Vor etwa zehn Jahren habe ich über den Drei-Schluchten-Staudamm in Hubei berichtet und mit den Bauern Interviews geführt über das Geld für die Umsiedlungen. Die chinesischen Behörden nutzten meinen Artikel aus, um diese Bauern ins Gefängnis zu stecken. Das Gleiche passierte mit einem Bericht des amerikanischen Wall Street-Journalisten Ian Johnson, dem Pulitzer-Preis-Gewinner. Eine ältere Dame, die Falun Gong unterstützte, wurde nach dem Interview mit ihm ins Gefängnis eingeliefert und in kurzer Zeit zu Tode gefoltert. Wenn man als ausländischer Journalist im Nachhinein davon erfährt, fühlt man sich dafür auch verantwortlich. Deshalb möchten viele westliche Journalisten solche Themen nicht mehr anfassen.

Fast alle Themen können „empfindlich“ sein, sogar zum Beispiel die Finanzlage von privaten Unternehmen. Vor einiger Zeit wurde ein Freund von mir, Journalist einer großen Zeitung, von den chinesischen Behörden zum Abendessen eingeladen. Er wurde darauf hingewiesen, dass sie bereits wussten, dass er den finanziellen Hintergrund der Familie des chinesischen Ministerpräsidenten untersucht und viele Informationen gesammelt hatte. Er durfte die Information nicht offenlegen, ansonsten würde er leiden, seine ganze Familie würde leiden, so die Hinweise. [Jasper Becker hat den Namen dieses Freundes nicht genannt, um die Karriere des Freundes zu schützen.]

Die chinesischen Behörden haben auch Bloomberg bestraft für Veröffentlichungen, die ihnen unbequem waren, indem sie keine Visa ausstellten bzw. die Visa nicht verlängerten usw. Bloomberg, Reuters, Wall Street Journal, Financial Times, alle diese westlichen Medien machen Geschäfte und haben viele Kunden in China. Sie investieren stark in China und verkaufen dort auch Nachrichten in chinesischer Sprache. Die chinesischen Behörden bereiten nicht nur den Journalisten selbst Schwierigkeiten, sondern auch deren Firmen. Bei einer nicht genehmen Reportage wird die Niederlassung in China geschlossen. Was ist wichtiger: Eine den Tatsachen entsprechende Reportage zu schreiben oder die Geschäfte in China zu behalten? Viele unkommerzielle Zeitungen sind bereits pleitegegangen. Die Finanzzeitungen führen im Vergleich ein besseres Leben …

Viele chinesische Firmen, zum Beispiel kleine Unternehmen in der Provinz Zhejiang, sind in Amerika an die Börse gebracht worden. Die Statements dieser Unternehmen sind aber falsch. Die Amerikaner möchten über diese Firmen recherchieren. Wir, als Beauftragte, sollen ihre Finanzlage genau überprüfen bzw. kennen. Das Regime meinte, wir könnten nichts machen. Bisher können wir tatsächlich nirgendwo Informationen bekommen. Von den Steuer- und anderen offiziellen Behörden sind keine Informationen über diese Unternehmen zu erhalten.

Epoch Times: Es gibt eine Theorie, wonach die Industrialisierung die Demokratie in England hervorrief und dass die High Technologie in China den Demokratieprozess fördert? Stimmt das?

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fördert die High Technologie in China den Demokratieprozess?

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Becker: Das ist wirklich Unsinn, dass High Technologie den Demokratieprozess in China fördert. Wie kommt das Ständige Komitee in China zustande? Niemand kennt die Hintergründe. Es ist absurd. Das Internet hilft auch nicht, eine Antwort darauf zu finden. Vor etwa 30 Jahren hingen manche „Dazi Bao“ (große Wandzeitungen) an der Wand. Die Poster durften eine Weile an der Wand hängen bleiben, so wie die Nachrichten in Foren und Blogs, bevor sie von Internetpolizisten gelöscht werden. Allerdings geht man ein Risiko für sich selbst und für die anderen um sich herum ein. Niemand ist in der Lage, diese Journalisten zu schützen. Auch ihr Boss nicht. Ihre Positionen werden einfach neu besetzt.

Epoch Times: Der kanadische Journalist Mark Bourrie hat Xinhua verlassen, weil er glaubte, dass sein Arbeitgeber ihn indirekt beauftragte, Spionage durch seine Akkreditierung in Kanada zu betreiben. Er sollte die privaten Meetings vom Dalai Lama und dem Premierminister Stephen Harper sowie Falun Gong-Pressekonferenzen und parlamentarische Events überwachen. Was sagen Sie dazu?

Becker: Xinhua betreibt oft Spionage, sie liefert viele falsche Reportagen. Warum arbeitet noch jemand dafür? Ich verstehe es nicht. Es ist verrückt. Nach den Olympischen Spielen wurden etwa zwei Milliarden US-Dollar zum Zweck der Propaganda für Xinhua, People’s Daily und die Konfuzius-Institute zur Verfügung gestellt. Diese sind alle Propaganda-Organisationen. Man darf nur das sagen, was die KPCh denkt, sie bezahlt dafür. Sie sind sehr einflussreich. Auch viele Universitäten pflegen die Beziehungen mit China, da die chinesischen Studenten viele Gebühren bezahlen. Ein ähnliches System von „Friendship Society“ war damals in den 1920er- und 1930er-Jahren in der Sowjetunion üblich. Nun passiert hier das Gleiche. China hat Geld. Geld ist effizient …

Epoch Times: Während ihrer China-Reise sprach die Bundeskanzlerin Angela Merkel den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao auf die Bedingungen zur Berichterstattung der ausländischen Journalisten an …

Becker: Man darf nicht zwischen Freiheit für chinesische und westliche Journalisten unterscheiden. Wenn die Interviewten nicht mit uns reden dürfen oder nach dem Interview im Gefängnis verschwinden oder bestraft werden, bringt die Freiheit der westlichen Journalisten auch nichts. Chinesische Journalisten sollten ebenfalls frei berichten können. Aber China ist ein großer Markt für Deutschland, viel größer als Frankreich oder England. Nun schweigt man auch hier leider immer öfter über die Menschenrechtslage in China ...

Epoch Times: Herr Becker, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Cindy Yu.

Jasper Becker ist britischer Journalist, geboren 1956 London, verheiratet, drei Kinder. Er erhielt seinen BA-Abschluss am Goldsmith College der Universität London. Er studierte in München und später modernes Chinesisch an der Universität London.

Von 2002-2005 war Jasper Becker China-Korrespondent für „The Independent“. Zwischen 1995 bis Mai 2002 war er als Pekinger Bürochef für die englischsprachige Zeitung South China Morning Post (SCMP) aus Hongkong tätig. Jasper Becker begann seine Karriere in Brüssel und arbeitete für die Associated Press in Genf und Frankfurt. Er stieg in „The Guardian“ ein und berichtete aus Peking von 1985 bis 1989 vor allem über die ersten Pro-Unabhängigkeits-Unruhen in Lhasa, über die Pro-Demokratie-Bewegung in Südkorea, Taiwan-Demokratiebewegung und Berichterstattung aus Nord-Korea, Vietnam, der Mongolei und Japan. Nach den Tiananmen-Demonstrationen 1989 wurde er als Auslandskorrespondent des Jahres nominiert. Einige Jahre später verließ er den Guardian und trat dem BBC World Service bei als Asien-Analyst.



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