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Oldenburger Landesmuseum inszeniert Alltagskultur der sechziger Jahre
Oldenburger Landesmuseum inszeniert Alltagskultur der sechziger Jahre
Foto: dapd/David Hecker

Kofferradio und Antibabypille

Epoch Times, Mittwoch, 21. November 2012 06:54

Oldenburg – Acht E-Gitarren des Herstellers Rickenbacker hat Pete Townshend von "The Who" nach Konzerten kaputt geschlagen. "Dann hat er keine Rickenbacker mehr bekommen", sagt der Historiker Siegfried Müller. Eine von den zerstörten Gitarren ist zusammengesetzt ab Sonntag (25. November) im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg zu sehen. Ein kleiner Riss erinnert an den Gewaltakt. Die Schau "Mini, Mofa, Maobibel - Die sechziger Jahre in der Bundesrepublik" zeigt neben Instrumenten von Popgrößen wie Townshend oder John Lennon vor allem aber die Alltagswelt der "Swinging Sixties".

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Zu sehen sind typische Kaffee-Services von Melitta, Kofferradios, mit denen Jugendliche unabhängig vom Musikgeschmack ihrer Eltern wurden, die erste Antibabypille, Legosteine und natürlich der Minirock in verschiedenen Varianten. Die Objekte stammen sowohl aus Privatbesitz als auch aus Museen. Für Kurator Müller sind die sechziger Jahre eines der wichtigsten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. "Da hat sich so viel bewegt", sagt der 62-Jährige. "Das haben die siebziger und achtziger Jahre nicht mehr erreicht."

Vieles, was heute selbstverständlich sei, habe seinen Ursprung in den Sechzigern: Wohngemeinschaften, die antiautoritäre Erziehung, die sexuelle Befreiung, die Vielfalt an Universitäten. "Die Gesellschaft war stark politisiert", sagt Müller. Die Menschen forderten mehr Mitbestimmung in allen Bereichen.

Papiertüten von der Kommune 1

Stellvertretend dafür steht die Studentenrevolte. Sie wird in der Ausstellung anhand der Demonstration beim Besuch des Schahs von Persien und seiner Frau in Berlin thematisiert. Präsentiert wird eine Polizeiuniform mit Schlagstock sowie Papiertüten mit den Porträts des Schahs und seiner Frau, die sich Protestierende über den Kopf gestülpt hatten. "Die Tüten waren von der Kommune 1 verteilt worden", sagt Müller.

Die Studentenbewegung hat Müller als Heranwachsender eher aus der Ferne erlebt, die Mode dagegen hautnah. "Die Frauenmode wurde männlicher und die Männermode weiblicher", erinnert sich der Kurator. Plötzlich zogen die Männer hohe Stiefel an. Er selbst trug auch ein solches Paar; es ist in der Ausstellung zu sehen. "Cool" habe er sich darin gefühlt. Auch eine Krawatte, die er sich 1969 in der berühmten Carnaby Street in London kaufte, ist ausgestellt.

Für Besucher in seinem Alter werde der Wiedererkennungswert in der Ausstellung hoch sein, ist sich der promovierte Historiker sicher. Doch auch jüngere Besucher seien bei ihren Eltern oder Großeltern sicher schon auf den ein oder anderen Gegenstand gestoßen, der in Oldenburg gezeigt wird. So wie der orangene Panton-Stuhl oder die komplette Wohnzimmer-Ausstattung in skandinavischem Design. Auf dem Teppich neben dem Sofa liegen ein paar Legosteine und eine Puppe. "Erstmals war es üblich, dass Kinder auch in der Stube spielen durften", sagt Co-Kurator Michael Reinbold.

Winnetou-Kostüm von Pierre Brice

Dort sahen sie auch fern. "In den 1960er Jahren entstanden 17 Karl-May-Filme", sagt Müller. Die "Winnetou"-Filme wurden so vermarktet wie bis dahin keine anderen. Es gab unter anderem Quartette, Puzzles, Schallplatten und Bücher, die auch in der Ausstellung zu sehen sind. Gezeigt wird auch ein originales Winnetou-Kostüm, das Pierre Brice getragen hat.

Die Schau ist bis zum 3. März im Oldenburger Schloss zu sehen. In vier Jahren wollen sich die Ausstellungsmacher die siebziger Jahre vornehmen, nachdem 2008 bereits die Fünfziger dran waren. "Bis dahin müssen wir aber noch sehr viel sammeln", sagt Müller. Vielleicht kann er wieder das ein oder andere Objekt aus seinem Besitz beisteuern.

dapd

 

 



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Kultur, Ausstellung, Oldenburg
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