Ungeachtet immer wieder aufflammender Reibereien über vergangenes Leid,  die das deutsch-polnische Verhältnis gelegentlich trüben, wurde der Fall der Toten von Marienburg sensibel gelöst.  (AP Photo/Alik Keplicz)
Ungeachtet immer wieder aufflammender Reibereien über vergangenes Leid, die das deutsch-polnische Verhältnis gelegentlich trüben, wurde der Fall der Toten von Marienburg sensibel gelöst. (AP Photo/Alik Keplicz)

Kriegsgräberstätte bei Stettin

Letzte Ruhe für die Toten von Marienburg

von Monika Scislowska, Donnerstag, 13. August 2009 13:32

Malbork/Polen – Sieben Jahrzehnte nach Beginn des Zweiten Weltkriegs tragen Polen und Deutsche gemeinsam die Gebeine von mehr als 2.000 Kriegstoten zu Grabe. Die vorigen Herbst in einem Massengrab entdeckten sterblichen Überreste vermutlich deutscher Einwohner von Marienburg, dem heutigen Malbork, werden am Freitag in einer Kriegsgräberstätte bei Stettin, Szczecin, beigesetzt. Wer genau die Toten sind und wie sie ums Leben kamen, ist bis heute ungeklärt.

Ungeachtet immer wieder aufflammender Reibereien über vergangenes Leid, die das deutsch-polnische Verhältnis gelegentlich trüben, wurde der Fall der Toten von Marienburg sensibel gelöst, und es wurde einvernehmlich über die letzte Ruhestätte entschieden. „Das waren unschuldige Menschen. Sie sollten mit Respekt behandelt werden und ein anständiges Begräbnis erhalten“, findet Marian Kempka, ein Besucher des Friedhofs von Malbork, wo die Gebeine vorübergehend lagern.

Massengrab am Fuß der Ordensburg

Bei Bauarbeiten für ein Luxushotel am Fuß der Marienburg, ehemals Sitz der Deutschordensritter, stießen Arbeiter im Oktober auf die ersten Knochen. Es dauerte drei Monate, bis das Ausmaß des Grabes deutlich wurde. Das Hotelbauprojekt wurde nach nebenan verlegt und eine Exhumierung angeordnet. In sechsmonatiger Suche wurden die Gebeine von etwa 2.120 Männern, Frauen und Kindern geborgen. Doch es waren keine Papiere dabei, keine Kleidung, keine persönlichen Gegenstände mit Ausnahme einer Kinderbrille. Auch fanden sich keine Augenzeugen der damaligen Beisetzung.

Forensische Experten und Anthropologen wurden hinzugezogen. Die Beweismittel lassen darauf schließen, „dass es höchstwahrscheinlich deutsche Zivilpersonen waren, die Anfang 1945 im Februar oder März starben“, erklärt Ermittler Maciej Schulz. Es wird angenommen, dass sie in einem Bombentrichter verscharrt wurden. Da das Grab weder in deutschen noch in polnischen Dokumenten erwähnt wird, müsste das Schulz zufolge zwischen März und Mitte Mai 1945 geschehen sein, als Sowjettruppen die Stadt hielten. Zudem sei es gängige Praxis der Roten Armee gewesen, in eingenommenen Orten die Toten unbekleidet in Bombentrichtern zu begraben.

Rache oder Hungerwinter

Nach Erinnerung der wenigen Zeitzeugen, die es in Malbork noch gibt, lagen damals viele Leichen in der Stadt. Vertriebenenfunktionär Bodo Rückert vom Heimatkreis Marienburg schließt nicht aus, dass sie von Polen getötet wurden, die für ihr Leid unter deutscher Besatzung Rache nahmen. Doch Georg Fritz, Vorsitzender der Gesellschaft der Deutschen Minderheit der Stadt Malbork, vermutet, dass es deutsche Zivilpersonen waren, die ins Kreuzfeuer gerieten oder in dem strengen Winter unter sowjetischer Belagerung Anfang 1945 an Kälte, Hunger oder Krankheit starben. Schulz teilt diese Auffassung. Der polnische Ermittler weist darauf hin, dass nicht einmal ein Prozent der Schädel Einschusslöcher aufweise.

Viele gehörten möglicherweise zu den 3.000 Menschen, die keinen Platz mehr im letzten Zug fanden, als die Deutschen zur Flucht aufgefordert wurden. „Vielleicht liegen sie hier“, vermutet der Sprecher der Stadt Malbork, Piotr Szwedowski. Rückert zufolge sind mehr als 2.600 Tote und 1.800 Vermisste aus jener Zeit namentlich bekannt.

„Ein großes Geheimnis“

Im Mai 1945 begannen Polen, die wiederum von den Sowjets vertrieben worden waren, sich in der verwaisten Stadt anzusiedeln. „Ich erinnere mich an deutsche Kriegsgefangene in zerlumpten Uniformen, die von russischen Soldaten bewacht mit einem alten Lastwagen durch die Stadt fuhren und die verwesenden Leichen von der Straße sammelten“, berichtet der damals zehnjährige Tadeusz Bronowski. Die Toten seien unterhalb der Burg abgeladen worden.

Fritz glaubt, dass sie aus Furcht vor Typhus hastig entkleidet und verscharrt und die Habseligkeiten von Soldaten geplündert wurden. Einige Schädel mit Kopfschüssen ganz oben auf dem Berg von Gebeinen könnten von deutschen Kriegsgefangenen stammen, die von den Sowjets nach getaner Arbeit hingerichtet wurden. „Die haben das so gemacht, dass 60 Jahre lang niemand davon wusste“, meint Fritz von der Gesellschaft der Deutschen Minderheit in Malbork. „Es ist ein großes Geheimnis.“

Am morgigen Freitag werden die Gebeine in Stare Czarnowo (Neumark) bei Szczecin (Stettin) beigesetzt, immer 20 in einem Sarg. Zur Trauerfeier mit katholischen und protestantischen Gottesdiensten werden auch frühere Marienburger und Angehörige von Vermissten erwartet. Zweieinhalb Wochen später jährt sich am 1. September zum 70. Mal der deutsche Angriff auf die Westerplatte, der den Zweiten Weltkrieg einläutete. (AP)

 



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