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"Erst durch das Nichts im Innern kann man das Gefäß benutzen." Lao Tse
"Erst durch das Nichts im Innern kann man das Gefäß benutzen." Lao Tse
Foto: CIS / Pixelio

Kolumne: Ropers neue Welt der Etymosophie

NEZESSION – die Notwendigkeit der Wirklichkeit

von Roland R. Ropers / Gastautor, Montag, 31. Dezember 2012 06:00

Die Etymosophie-Kolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

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Die Worte Prozession, Konzession und Rezession sind uns im täglichen Sprachgebrauch geläufig, auch die dazugehörigen Adjektive prozessual, konzessiv und rezessiv. Das lateinische Verb cedere bedeutet: gehen, weichen. Konzession ist ein Zusammengehen, Rezession ist Rückschritt.

Besonders in heutiger Zeit brauchen wir mehr denn je Nezessionen, Not-Wendigkeiten, von lat. necedere = nicht ausweichen.

In der englischen Sprache kennen wir necessary (notwendig) und necessity (Notwendigkeit). Es gibt das berühmte lateinische Sprichwort: navigare necesse est (Seefahrt tut not). Ich schlage vor: sapientia necesse est (Weisheit ist not-wendig).

Die derzeitige Not der krisenhaften Unwissenheit wenden wir, indem wir uns in den Erfahrungsraum der Wirklichkeit begeben, die mit wissenschaftlichen Kriterien nicht objektivierbar ist.

In der verwirrenden Materie des Universums gibt es etwas, das sich selbst wahrnehmen kann und sagt: Ich bin. In diesem Augenblick betreten wir den Raum der not-wendigen Wirklichkeit, wo der unzerstörbare Geist des Menschen die stets lebendige Gegenwart berührt.

Viele suchen nach Wegweisern, ohne sich konsequent auf den Weg zu machen, der zu Wissen und Weisheit führen könnte. Alle Heiligen Schriften sind nur dazu da, um uns Menschen die Schritte zu unserer ursprünglichen Quelle wieder auffinden zu lassen. Wir brauchen nichts Neues zu erwerben, wir müssen nur falsche Vorstellungen aufgeben.

Wer sind wir, die von äußeren Dingen ständig manipuliert werden, wenn das Erkennen unserer wahren Natur uns zur Befreiung (Sanskrit: Moksha) bringt?

Der spirituell Geschulte beschäftigt sich mit der lebendigen Gegenwart. Die Zukunft wird für sich selbst sorgen. Alles Notwendige wird uns entgegen-gebracht; man spricht von Opportunität (von dem leider nicht existierenden lat. Verb: obportare = entgegentragen). Wir verstehen heute unter opportun eine günstige Gelegenheit.

Der Zustand vor der Schöpfung und die Schöpfung werden in den Schriften behandelt, damit wir die Gegenwart erkennen. Der Geist ist ewig und unberührt.

Es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft. Es gibt nur die Gegenwart. Das Gestern war die Gegenwart für uns, als wir es erlebten, und das Morgen wird auch die Gegenwart für uns sein, wenn wir es erleben. Jede Erfahrung findet nur in der Gegenwart statt, und jenseits der Erfahrung existiert nichts.

Es gibt kein Bewusstsein nach dem Tod (der Individualität) – das wäre ein Irrtum auf dem spirituellen Weg. Da Bewusstsein allein die Gesamtheit des Wesens ist, gibt es im höchsten Zustand kein Bewusstsein von irgendetwas Objektivem. Es ist die Fülle der vollkommenen Existenz.

Es ist, doch es ist nicht irgendetwas. Es sieht, doch es sieht nicht irgendetwas. Es hört, doch es hört nicht irgendetwas. Es erkennt, doch es erkennt nicht irgendetwas. Es begibt sich nirgends hin, wo es nicht bereits ist, und es bekommt nichts, was es nicht schon hat. Brahman, (Sanskrit = der göttliche Urgrund), weiß nicht, denn er ist Wissen & Weisheit.

Er erfreut sich keiner Dinge, denn er ist die Freude. Er ist nicht-körperlich und hat keine Berührung mit irgendeinem Objekt. Die Wirklichkeit des inneren Universums ist vergleichbar mit der strahlenden Sonne, die von keinen Wolken mehr verdeckt wird. Es ist die Wiedergewinnung der Ursprünglichkeit im absoluten Sinne.

Es gibt eine Welt der Erfahrung. Wer oder was ist die Ursache dieser Welt? Ist es der individuell Erfahrende? Das kann nicht sein, da das Individuum nicht die Macht über die anderen Individuen hat, die den größeren Teil der Welt bilden; außerdem wird der individuell Wahrnehmende zu einem Großteil durch die äußere Welt der Wahrnehmung beeinflusst.

Es gibt da etwas außerhalb, - wo aber ist es? Das Individuum weiß es nicht. Wenn es keine Wirkung ohne Ursache geben kann, und wenn die Welt aufgrund ihrer veränderlichen Natur als eine Wirkung wahrgenommen wird, müsste die Welt eine Ursache haben, die vollständiges Wissen und Macht über die Welt hat. Dass diese Ursache intelligent ist, steht über jedem Zweifel; ansonsten würde die Welt als Wirkung blind und selbst das Bewusstsein von der Welt als einer Erscheinung nicht möglich sein. Diese Ursache ist das höchste Wesen von allem Geschaffenen.

Es gibt kein getrenntes Denkobjekt und nichts, über das nachgedacht wird, denn das Denken selbst ist das Denkobjekt; der Gedanke denkt sich selbst, alle Objekte sind nur Prozesse des kosmischen Denkens und haben keine eigene Existenz. Der Gedanke und sein Objekt, Erkenntnis und das Erkannte, Sehen und das Gesehene, Beziehung und das darauf bezogene Objekt, Geist und Universum sind mit dem kosmischen Sein identisch.

Das bewusste Transzendieren der fortgesetzten doppelten Beziehung im Kosmos, d.h. zum einen „der Denker“, der identisch mit dem Denken ist, und zum anderen „das Denken“', das identisch mit dem Gedachten ist, ist die notwendige Befreiung zur Erfahrung der Wirklichkeit.

Das Universum hat keine von seinem universellen Kenner unabhängige Wirklichkeit. Die ursprüngliche Täuschung bezüglich der Unterscheidung zwischen dem Denker und dem Denken ist die Unterscheidung zwischen dem Denken und dem Gedachten. Das Denken ist das Objekt des Denkers, das Gedachte ist das Objekt des Denkens.

Beziehungen sind nur für das Individuum von Bedeutung, nicht jedoch für das universale, kosmische Sein. Das, was jenseits von allen Unterscheidungen und Beziehungen ist, ist Brahman, das Wissen dessen, was weder Denken noch Schlafen ist.

Wir lesen bei Lao Tse im 11. Kapitel des „Tao Te King“:

„Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe,
doch erst durch das Nichts in der Mitte
kann man sie verwenden.
Man formt Ton zu einem Gefäß,
doch erst durch das Nichts im Innern
kann man es benutzen.
Man macht Fenster und Türen für das Haus,
doch erst durch ihr Nichts in den Öffnungen
erhält das Haus seinen Sinn.
Somit entsteht der Gewinn durch das,
was da ist, erst durch das, was nicht da ist."

 

Roland R. Ropers
Roland R. Ropers
Foto: The Epoch Times

Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt - Eine Menschheit - Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

 

 

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