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Foto: Nationaltheater Prag

Ballett des Nationaltheaters Prag in der Bonner Oper

„Nussknacker“ als „Christmas Carol“

von Bernd und Cecilie Kregel / Gastautoren, Dienstag, 21. Dezember 2010 00:19

Bereits vor dem Weihnachtsfest erobert jede „Nussknacker“-Aufführung die Herzen von Kindern und Erwachsenen. Vor allem durch die wundervolle Musik von Peter Tschaikowsky. Und natürlich auch durch die dem Ballett zugrunde liegende Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann, die Marius Petipa in seiner seit Generationen bekannten legendären Choreographie aufgreift.

Nicht so in Bonn. Hier wurde der „Nussknacker“ in der Reihe „Highlights des Internationalen Tanzes“ vom Ballett des Nationaltheaters Prag in das winterliche London verlegt. Heraus aus deutsch-russischen Weihnachtsstuben hinein in das vorweihnachtliche Treiben der Themsestadt zur Zeit des „Christmas Carols“ von Charles Dickens Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Idee für diesen ungewöhnlichen Ortswechsel ist nicht neu. Sie stammt von Youri Vamos, Ende der achtziger Jahre Ballettdirektor in Bonn, der für seine damalige „Nussknacker“-Inszenierung (1988) ein eigenes Libretto verfasste. Und darin spielte nicht so sehr die Handlung um den „Mäusekönig“ wie in der Hoffmann-Erzählung eine Rolle. Vielmehr war es die Gestalt des Geldverleihers und Geizhalses Scrooge aus dem „Christmas Carol“ von Charles Dickens (1843), der den Handlungsablauf bestimmte.

Seit 2004 führt der Prager Ballettdirektor Petr Zuska das Stück in seinem Repertoire. Nun brachte er es zurück nach Bonn auf die Bühne seiner Uraufführung und demonstrierte mit dem vor zwei Jahrzehnten vollzogenen Szenewechsel des traditionellen Stoffes die Originalität der Neuversion.

Als originell erweist sich auch das Bühnenbild (Petr Pleva), das den vorweihnachtlichen Rahmen bildet für die farbenfrohen Straßenszenen unmittelbar vor dem Haus des Geldverleihers Scrooge (Radek Vratil). Dieser, wie nicht anders zu erwarten, entpuppt sich sehr schnell als verschrobener Störenfried in dem fröhlichen Getümmel, das er nicht einmal am Heiligen Abend zu ertragen vermag.

Doch die Strafe folgt auf dem Fuße. Denn im Unterschied zu dem Traum Claras bei E.T.A. Hoffmann stehen die wirren Träume von Scrooge im Mittelpunkt des Geschehens, die ihn mit dem Leibhaftigen selber und gruseligen Todesgeistern zusammen führen. Ein Blick tut sich auf in den Abgrund der Hölle.

Doch im Traum gewinnt auch die Gegenwelt Gestalt. Es ist die Welt der Weihnachtsfreude, die sich ihm nun plötzlich offenbart. Und auch die Welt der Weihnachtsgeschenke, hier in Form der vertrauten Divertissement-Vorführungen, die er in einer Kindergruppe miterlebt (Schülerinnen des Ballett Zentrums Vadim Bondar, Bonn). Ja selbst Clara (Edita Rauserova) und der Nussknacker-Prinz (Karel Audy) werden hier in bezauberndem Grand Pas de Deux zu neuem Leben erweckt.

So folgt angesichts dieser zu Herzen gehenden Eindrücke die Läuterung auf dem Fuße. Scrooge entdeckt seine Großzügigkeit und wird durch seine Traumerlebnisse zu einem angenehmen Zeitgenossen. Ausgelassener Beifall liefert abschließend den Beweis, dass das Libretto und die hervorragende Tanzleistung des Prager Balletts vom Publikum bereits als Weihnachtsgeschenk vor dem Heiligen Abend empfunden werden.

www.theater-bonn.de

Nussknacker-Prinz und Clara im Grand Pas de Deux
Nussknacker-Prinz und Clara im Grand Pas de Deux
Foto: Nationaltheater Prag
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