Das Denkmal der Berliner Luftbrücke und ein so genannter "Rosinenbomber" vom Typ DC-3 Dakota. (AP Photo/Daniel Roland)
Das Denkmal der Berliner Luftbrücke und ein so genannter "Rosinenbomber" vom Typ DC-3 Dakota. (AP Photo/Daniel Roland)

Berliner Luftbrücke vor 60 Jahren

Proviant im Minutentakt

von Thomas Seythal, Donnerstag, 19. Juni 2008 09:59

Frankfurt/Main – Am Anfang waren sich nicht mal die Amerikaner sicher, ob die Aktion Erfolg haben wird. „Ich kann nicht garantieren, dass es klappen wird. Ich bin sicher, dass die Menschen im besten Fall frieren und hungrig sein werden“, sagte der US-Militärgouverneur Lucius Clay dem Berliner Bürgermeister Ernst Reuter. Doch die Westberliner Bevölkerung hielt durch – und am Ende war der Zugang zur blockierten Stadt wieder frei.

Vor 60 Jahren versorgten vor allem die USA und Großbritannien die mehr als zwei Millionen Menschen in Westberlin über elf Monate aus der Luft und trotzten damit der Blockade durch die Sowjetunion. Die gigantische Luftbrücke ist bis heute unerreicht und ging als die erste Schlacht des Kalten Krieges in die Geschichtsbücher ein – eine Schlacht, die für den Machthaber Josef Stalin ein Propaganda-Desaster wurde.

Die totale Blockade Westberlins, die am 24. Juni 1948 begann, kündigte sich lange vorher an. Mehrfach wurden westliche Militärzüge und Konvois durch die sowjetische Besatzungszone gestoppt und die Bestimmungen immer weiter verschärft.

Die Währungsreform und die Einführung der Deutschen Mark in den drei Westzonen und Westberlin spitzte die Lage zu. Die Sowjetunion lehnte dies strikt ab und erließ als Reaktion die Blockade. Clay plädierte zunächst für eine harte Linie und schlug US-Präsident Harry Truman vor, mit einem bewaffneten Konvoi nach Berlin vorzudringen. Die Soldaten sollten sich wehren, wenn sie angegriffen würden. Doch Truman wollte keinen Dritten Weltkrieg riskieren.

Der einzige Zugang der Alliierten nach Berlin bestand jetzt aus drei engen Luftkorridoren. Niemand konnte am Anfang ahnen, wie lange die Operation Vittles (Operation Proviant) dauern und welch gigantischen Umfang sie am Ende haben würde. Die alten Transportmaschinen vom Typ C-47 Skytrain beförderten am ersten Tag nur 80 Tonnen in die ehemalige Reichshauptstadt. Clay schätzte, dass man selbst mit einer großen Operation nur 700 Tonnen am Tag schaffen konnte. Doch die hungrigen Berliner benötigten 4.500 Tonnen, um wenigstens überleben zu können.

Versorgungsaktion ohne Beispiel

Zwar gab es Luftbrücken zuvor, etwa die halsbrecherische Route über das Himalajagebirge in Birma, über die chinesische Truppen im Kampf gegen Japan unterstützt wurden. Doch kaum einer glaubte, dass zwei Millionen Menschen dauerhaft aus der Luft versorgt werden könnten. Die USA trommelten Flugzeuge aus der ganzen Welt zusammen und stellten den Betrieb schnell auf die moderne und viel größere C-54 Skymaster um, die zum Inbegriff des Rosinenbombers wurde. Hinzu kamen etliche Maschinen der Royal Air Force und Besatzungen, die bis aus Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland nach Deutschland kamen, um für Berlin zu kämpfen.

Auch die Menschen in Westberlin zeigten Durchhaltevermögen: So versammelten sich bei einer Demonstration am 9. September 1948 etwa 300.000 Berliner am ausgebombten Reichstag. „Schaut auf diese Stadt“, rief Bürgermeister Ernst Reuter und appellierte an die Völker der Welt, Berlin nicht unter dem Druck der Sowjetunion aufzugeben.

Gerade nach der Überwindung erster Schwierigkeiten dachten die USA und Großbritannien nicht an eine Aufgabe: Immer perfekter lief die Luftversorgungsmaschine. Ständig wurde das Be- und Entladen immer schneller und die Ausnutzung des Luftraums immer effektiver. In einer Rekordzeit von drei Monaten stampften 19.000 Berliner den Flugplatz Tegel aus dem Boden, weil Tempelhof und Gatow dem Ansturm der Rosinenbomberflotte nicht mehr gewachsen waren.

Tag und Nacht schwebten die Flieger in Berlin ein, wurden schnell entladen und machten sich auf den Rückflug nach Westdeutschland. Allein die US-Flotte in Frankfurt und Wiesbaden war so groß, dass sich auf der Route nach Berlin alle 13,5 Kilometer eine Maschine befand. Bodenbesatzungen mussten sich beeilen, um den eintreffenden Skymasters nicht den Platz wegzunehmen.

Am Rekordtag, dem 16. April 1949, transportierten die Alliierten mit 1.396 Flugzeugladungen mehr als 12.000 Tonnen nach Berlin. Die Maschinen dröhnten im Minutentakt über die Häuser der belagerten Stadt. 1949 war die Menge der transportierten Güter größer als vor der Luftbrücke über Schiene und Straße.

„Schokoladenonkel“ sorgt für Propagandasieg der USA

Nicht nur logistisch, auch beim Kampf um die Herzen zeichnete sich ein Sieg der USA und ihrer Verbündeten immer mehr ab: Legendär wurde etwa der „Schokoladenonkel“ Gail Halvorsen, der Süßigkeiten an Minifallschirme für Westberliner Kinder vor der Landung abwarf. Bald spendeten Amerikaner tonnenweise für die Berliner Bevölkerung – weniger als vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Strategie der Sowjetunion wurde dagegen immer mehr als kaltherziger Versuch empfunden, die Westberliner Bevölkerung auszuhungern. Am 12. Mai 1949 schließlich gab die Sowjetunion auf: Die Ankunft der ersten Züge und Laster wurde in Westberlin erleichtert gefeiert. „Hurra, wir leben noch!“, stand auf Plakaten der Bevölkerung.

Nach Ansicht von Historikern änderte sich mit der Luftbrücke grundsätzlich das Verhältnis zwischen der deutschen Bevölkerung und der USA. Die Westdeutschen wurden nicht mehr als Nazis, sondern Verbündete und die Amerikaner nicht mehr als Besatzer, sondern Freunde wahrgenommen.

Doch der Teilsieg über die Sowjetunion beschleunigte auch die Spaltung von Deutschland und Europa. Wenige Tage nach dem Ende der Blockade wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet, am 7. Oktober entstand in der sowjetischen Besatzungszone die Deutschen Demokratische Republik. Die Teilung sollte erst 40 Jahre später überwunden sein. (AP)

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Berliner Kinder warten 1948 auf dem Zaun des Berliner Flughafens Tempelhof, während ein so genannter
Berliner Kinder warten 1948 auf dem Zaun des Berliner Flughafens Tempelhof, während ein so genannter 'Rosinenbomber' der US-Luftstreitkräfte zur Landung ansetzt. Der Beginn der 'Berliner Luftbrücke', die während der Blockade durch die Sowjetunion die etwa zwei Millionen Einwohner der Westsektoren der Stadt Berlin vom Juni 1948 bis September 1949 mit lebenswichtigen Gütern versorgte, jährt sich in diesem Jahr zum 60. Mal. (AP Photo/Archiv)
Die Douglas C-54 Transportmaschine von US-Pilot Gail Halvorsen beim Anflug auf Berlin. Der Pilot, der bei seinen Flügen an kleine Taschentuch-Fallschirme gebundene Süssigkeiten abwarf, wurde auch der
Die Douglas C-54 Transportmaschine von US-Pilot Gail Halvorsen beim Anflug auf Berlin. Der Pilot, der bei seinen Flügen an kleine Taschentuch-Fallschirme gebundene Süssigkeiten abwarf, wurde auch der 'Candyman' genannt. Der Beginn der 'Berliner Luftbrücke', die während der Blockade durch die Sowjetunion die etwa zwei Millionen Einwohner der Westsektoren der Stadt Berlin vom Juni 1948 bis September 1949 mit lebenswichtigen Gütern versorgte, jährt sich in diesem Jahr zum 60. Mal. (AP Photo/Archiv)


Schlagworte

Jahrestag, Luftbrücke, Berlin
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