Studenten führen Borcherts "draußen vor der Tür" auf
Studenten führen Borcherts "draußen vor der Tür" auf
Foto: dapd/Klaus-Dietmar Gabbert

Schauspielschüler schnuppern Bühnenluft

Epoch Times, Dienstag, 11. Dezember 2012 07:47

Potsdam – Der Soldat, der nur noch "Beckmann" heißt, ein später Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg, hat genug von Ablehnung und Unverstandensein. Verlockend scheint da die kalte Elbe, der Schauspielschüler Michel Diercks windet sich im "Wasser", einer Plastikfolie auf der Bühne im Potsdamer Hans Otto Theater. Die Elbe will ihn nicht und niemand hört seine Fragen, wie er weiter leben soll. "Gibt denn keiner Antwort?" gellt seine Stimme dreimal durch die Reithalle, dann ist es still.

Der Zuschauerraum erhellt sich und die achtköpfige Abschlussklasse der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" hat die Probe erfolgreich gemeistert. Am Donnerstag (13. Dezember) ist Premiere von Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür". Dann stehen die Schauspielschüler zum ersten Mal unter Realbedingungen auf der Bühne.

"Die Arbeit hier am Theater ist schon ein krasser Unterschied zu dem, was wir gewohnt sind", sagt der 23-jährige Diercks. Wie bei allen anderen Produktionen am Haus seien die Studenten in den normalen Ablauf mit zahlreichen Proben und vor allem einem straffen Zeitplan eingebunden. "Jetzt kriegen wir erst richtig mit, was Theaterspielen heißt", sagt Diercks.

Theater lernt den potenziellen Nachwuchs kennen

Seit 2009 gibt es diese Kooperation des Theaters mit der Hochschule. "Wir haben so die Möglichkeit, die jungen Schauspieler schon einmal unter Originalbedingungen kennenzulernen", sagt der Dramaturg Remsi al Khalisi. Die Arbeit an einer gemeinsamen Produktion biete viel mehr Einblicke als ein reines Vorsprechen. Dabei habe das Theater auch die Rekrutierung des Nachwuchses im Blick, fügt er hinzu. Im vergangenen Jahr sei ein Schüler der Abschlussklasse in das Ensemble aufgenommen worden.

"Wir haben aber auch den pädagogischen Anreiz, den jungen Leuten etwas aus der Praxis beizubringen", betont der Dramaturg. Es sei sehr interessant zu sehen, wie die jungen Leute erstmals professionell ihre Aufführung vor einem Publikum vertreten müssen.

Dass dies gelingt, liegt auch in der Verantwortung von Peter Zimmermann, dem Regisseur und Dozenten an der "Konrad Wolf". "Die Studenten müssen lernen, glaubwürdig große Haltungen zu spielen", sagt der 61-Jährige. "Das Theater bedarf der Überhöhung, diese muss dann aber auch durch Präsenz und große Emotionen gefüllt sein." Im Studium würden meist nur kleine Szenen einstudiert, erklärt der Regisseur. "Hier müssen sie hingegen einen ganzen Bogen spielen."

Sich über Verfremdung dem Inhalt nähern

Eine Herausforderung für die jungen Schauspielschüler ist auch das Thema des Stückes. Der Protagonist "Beckmann" hat Stalingrad erlebt und kommt erst Jahre später nach Hause - in ein Deutschland, das den Krieg so weit wie möglich aus seinem Bewusstsein gestrichen hat. In seinem Ehebett liegt ein anderer Mann, ihn selbst plagt die Schuld, für den Tod Anderer verantwortlich zu sein. Ständig findet er sich "draußen vor der Tür" wieder, frierend und traumatisiert vom Krieg.

Für die Studenten ist es nicht leicht, die Thematik den heutigen Zuschauern über ihr Spiel zu vermitteln. "Wir haben uns mit unzähligen Materialien, Filmen und Dokumentationen eingearbeitet", sagt die 21-jährige Amy Mußul, die unter anderem die Rolle von "Gott" spielt. Trotzdem sei es immer noch schwer, sich dem Inhalt zu nähern. "Keiner von uns war je im Krieg", sagt Mußul. Allein, weil alle noch junge Schauspieler seien, wäre eine zu realistische Darstellung nicht infrage gekommen, sagt sie und fügt hinzu: "Wir versuchen, die Menschen über eine gewisse Verfremdung zu erreichen."

dapd

 



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Kultur, Theater, Studenten


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