Kürzlich entdeckte Briefe von Thomas Mann werden präsentiert
Kürzlich entdeckte Briefe von Thomas Mann werden präsentiert
Foto: dapd/Philipp Guelland

Ungeahnt neuer Blick auf Thomas und Heinrich Mann

Epoch Times, Donnerstag, 22. November 2012 20:17

Lübeck – Das Verhältnis zwischen Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ("Buddenbrooks") zu seinem vier Jahre älteren Bruder Heinrich galt zeitlebens als distanziert, als angespannt, als ambivalent. Doch ein jüngst entdeckter Schriftverkehr aus 81 Brief- und Postkarten offenbart nun eine neue Facette zwischen den Schriftstellern. Das Konvolut zeige eine liebevolle, offenherzige und intime Beziehung und ein völlig intaktes Bruderverhältnis, sagte der Leitende Direktor der Lübecker Museen, Hans Wißkirchen, am Donnerstag im Buddenbrookhaus in der Hansestadt, und spricht von einer großen Bedeutung für die Forschung.

Heinrich Manns Enkel Jindrich und Ludvik hatten in alten Unterlagen ihrer Mutter, Heinrich Manns Tochter Leonie, das Konvolut von 81 handgeschriebenen Karten gefunden. Nach zweijährigen "harten und ehrlichen" Verhandlungen kauften die Lübecker Museen mithilfe zahlreicher Förderer die wertvollen Dokumente für "einen von Gutachtern bestimmten angemessenen Preis", sagte Martin Hoernes von der Kulturstiftung der Länder in Berlin auf dapd-Anfrage. Eine Summe wolle er bewusst nicht nennen. Dies sei bei Erwerbungen dieser Art so üblich, sagte Hoernes weiter.

Der letzte nennenswerte Fund von Briefen von Thomas an Heinrich Mann liegt fast 30 Jahre zurück. Durch die nun erworbenen Dokumente steigt die Zahl der weltweit bekannten Briefe und Karten von Thomas an Heinrich auf 252 an.

Die 81 Postkarten hätten schlicht und einfach in einen Umschlag gepasst, sagte Wißkirchen und begründete damit, dass sie erst jetzt von den Enkeln gefunden worden seien. "So etwas liegt manchmal irgendwo und wird dann irgendwann entdeckt", sagte er. Vor sechs bis acht Wochen habe schließlich die Sichtung der Dokumente begonnen. Und schon jetzt könne von einem Fortschritt für die Forschung, von einem Glücksfall gesprochen werden.

Blick auf die Brüder muss nachjustiert werden

Denn offenbar ist in deutlich größerem Maße eine vertraute Bindung zwischen den beiden vorhanden gewesen als bisher vermutet wurde. In den vertrauten Briefen geht es etwa um persönliche Befindlichkeiten, um Glückwünsche, um gemeinsame Pläne. Und so glaubt Wißkirchen, dass der Blick auf die beiden ungleichen Brüder nachjustiert, teils revidiert, in vielen Aspekten neu fokussiert, aber zumindest präzisiert werden muss.

Bis zum Sommer 2013 soll die Sichtung und Übersetzung der auf Sütterlin verfassten persönlichen Dokumente abgeschlossen sein. Sütterlin ist eine alte deutsche Schreibschrift, benannt nach Ludwig Sütterlin. Die 81 Postkarten von Thomas an Heinrich Mann stammen aus den Jahren 1901 bis 1914 und 1922 bis 1928, wobei der Schwerpunkt auf der frühen Bruderschaft liegt. Lübecks Kultursenatorin Annette Borns (SPD) spricht von "einem Werk, das es zunächst zu erschließen gilt und das viele Geschichten erzählen wird".

Um die intimen Schriften für möglichst viele Besucher lebendig werden zu lassen, wie es Borns beschreibt, zeigt das Lübecker Buddenbrookhaus eine Auswahl der Briefe bis zum 6. Januar. Hoernes spricht davon, dass die Dokumente nur an diesem Ort - der Geburtsstadt von Thomas Mann - ihre größte Wirkung erzielen könnten.

Auch langfristig sollen die Postkarten ihren Platz im Archiv des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums im Buddenbrookhaus finden. Das Zentrum ist eigenen Angaben zufolge neben dem Thomas-Mann-Archiv in Zürich die weltweit führende Stätte auf dem Gebiet der Erforschung von Leben und Werk der Brüder Mann.

dapd



Schlagworte

Kultur, Literatur, Briefe, Mann
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