Teile der Garden-Ulanen-Kaserne wurden für die Bundesgartenschau 2001 renoviert. (Thilo Gehrke)
Teile der Garden-Ulanen-Kaserne wurden für die Bundesgartenschau 2001 renoviert. (Thilo Gehrke)

Die Rote Armee in Deutschland

Was bleibt

von Thilo Gehrke / Gastautor, Samstag, 10. November 2007 21:29

„Die Russen sind sauer das sie abziehen müssen und hier nichts mehr zu sagen haben," sagte der Volkspolizist. Kurz zuvor waren wir an einem Ort verhaftet worden, den man bislang nur vom Vorbeifahren kannte.

Als Transitreisender nach West-Berlin hatte man den vorgeschriebenen Weg vom Grenzübergang Horst bei Lauenburg auf der alten Fernstraße 5 über Ludwigslust, Perleberg und Nauen, allesamt Garnisonsstädte mit großen Kasernenanlagen der Russen, zu nehmen. Zwischen Nauen und dem Grenzübergang Berlin- Staaken, fuhr man kilometerweit durch eine verwahrloste Kasernenstadt, die sich hinter stets frisch gestrichenen weißen Mauern verbarg. Manchmal öffnete sich eines der bewachten Tore mit dem roten Stern, um einen altertümlichen LKW mit exotisch aussehenden Soldaten auf der Ladefläche heraus zulassen und zog eine aromatisch riechende Kerosinfahne hinter sich her.

Ich befand mich im Oktober 1990 mit einem Freund am Rande eines russischen Panzerübungsplatzes bei Nauen, als plötzlich ein mit einem Zivilisten und Soldaten besetzter Militär-LKW auftauchte. Obwohl die DDR sich kurz zuvor aufgelöst hatte, befanden wir uns auf militärischen Sperrgebiet, nur die Schilder, die davon künden sollten waren mit der Zeit verloren gegangen oder einfach umgefahren worden.

Der Zivilist verlangte den Film meiner Kamera. Da ich ihm die Herausgabe verweigerte, nahmen sie uns kurzerhand fest und führten uns mit entschlossenem Griff auf den ummauerten Kasernenkomplex zu. Nach einem Tritt gegen ein Wellblechfragment gelangten wir in eine andere Kultur. Ein Mongole hockte zwischen Ferkeln und Hühnern am Boden und kochte sich über offenem Feuer undefinierbares in seinem Stahlhelm. Nach einem weiteren Fußtritt gegen eine andere Umzäunung gelangten wir zum Exerzierplatz der heruntergekommenen Kaserne. Dort übte eine Soldatenrotte in Webpelzmützen, braunen Filzmänteln und Strohstiefeln unter schrägen Trompetentönen und Paukenschlägen das holprige Marschieren. So sah es also hinter der weißen Mauer aus.

Kannten wir doch russische Soldaten bislang nur als Finsterlinge und Folterknechte aus Agentenstreifen und wähnten uns schon auf dem Weg in ein sibirisches Straflager.

Nachdem wir auf der Kommandantur einem hohen mongolischen Offizier in Reiterhosen mit roten Streifen an den Seiten vorgeführt wurden, kam nach einer Weile der frisch gewendete deutsche Volkspolizist und fuhr mit uns zur Verhaftungsstelle, um nach den Verbotsschildern zu suchen. Danach waren wir frei.

Die Herrschaft der „Großväter"

Im Laufe des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs, der 1990 in allen Ostblockstaaten stattfand, wurde klar, das der Abzug des sowjetischen Militärs auch in Deutschland nur eine Frage der Zeit sein würde. Kam eine Stationierung in der DDR für den Rotarmisten einem Privileg gleich, da hier zumindest für die Offiziere im Vergleich zu den anderen kommunistischen Satellitenstaaten des Warschauer Packtes ein weniger entbehrungsreiches Leben herrschte, sah der Blick in die Zukunft für die Soldaten, deren Väter sich unter hohem Blutzoll von Moskau nach Berlin vorgekämpft hatten, nun ungewiss aus.

Der einfache junge Wehrpflichtige hatte von Leben außerhalb der Kasernenmauern wenig mitbekommen, sie zu verlassen war nur unter Aufsicht und im dienstlichen Auftrag möglich. Sein Leben als Sowjetsoldat und Befehlsempfänger war oft gekennzeichnet von psychischer und körperlicher Gewalt, Schikane durch Vorgesetzte,"Großväter" genannt, Unterbringung in Massenquartieren und ethnischen Konflikten. Eine unselige Tradition, an der Putins Armee auch heute noch krankt, wie das „ Komitee der Soldatenmütter" aus St. Petersburg beklagt. Das Sowjetreich war riesig, viele unterschiedliche Kulturen und Ethnien trafen in der Armee aufeinander. Einzig die Lehren des Kommunismus sollte sie zumindest theoretisch einen. Viele von ihnen sprachen noch nicht einmal Russisch.

Es kam vor, dass ein Soldat während eines Manövers an einer Kreuzung abgesetzt wurde, um diese zu „Überwachen". Eine Woche später wurde er wieder eingesammelt.-Ohne Verpflegung, Unterkunft oder Versorgungsmöglichkeit und striktem Verbot, sich von seinem Posten zu entfernen. Die Strafen in der Armee waren drakonisch, ein Menschenleben spielte bei den Russen keine große Rolle. Unerschöpflich schien das Menschenreservoir in dem Riesenreich, wie schon die Kriegsführung im letzten Weltkrieg zeigte. Einige Soldaten hielten diesem Druck nicht stand, brachten sich um oder desertierten. Wurden sie gefasst, erschoss man sie oft an Ort und Stelle. Als einmal ein Soldat mit einem Schützenpanzer flüchtete, wurde durch eine Luke eine Handgranate geworfen und der Deserteur hatte ausgedient. So geschah es während der 80iger Jahre in Magdeburg.

Verlassene Kasernenstädte als Filmkulisse und Naturreservat

Der Truppenabzug der Roten Armee war Bestandteil des deutschen Einigungsvertrages und bereits im Jahre 1994 abgeschlossen. Die Bundesrepublik zahlte an Russland eine hohe Summe dafür. Die über 500tausend Armeeangehörigen nahmen beim Abzug oftmals sogar Fenster und Heizkörper ihrer Kasernen mit. Andernorts, etwa im Hauptqartier Wünsdorf oder der Lazarettstadt Beelitz-Heilstätten hätte man nach deren Abzug vermuten können, sie kämen zurück, so fluchtartig verlassen sah es dort aus. Krankenhäuser, Schlafsäle, Werkstätten und Truppenküchen waren teilweise noch eingerichtet. Panzerwracks und andere Militärfahrzeuge nebst Munition waren in Ölseen versenkt oder wurden einfach zurück gelassen.

Die sowjetische Besatzungsmacht hatte sich gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung hermetisch abgeriegelt. Die Liegenschaften der roten Armee, die zuvor fast ausnahmslos von der Deutschen Wehrmacht genutzt worden waren, plagen oft außerhalb der Stadtgebiete. Sie waren von hohen Mauern umgeben und schwer bewacht. In Provinzorten wie Wünsdorf, Nohra, Jüterbog oder Krampnitz leben nur wenige tausend Einwohner, die sie umgebenden Kasernenstädte beherbergten aber nicht selten 100Tausend Armeeangehörige nebst kompletter Infrastruktur.

Heute wird dort eine letzte Schlacht geschlagen, denn die Natur hat sich ihr Areal zurückerobert. Nur vereinzelt ist es im Zuge der Konversion, ein Begriff den bis Anfang der 90iger Jahre kaum bekannt war, gelungen, militärische Liegenschaften zivil nachzunutzen, wie etwa in Wismar, Magdeburg oder Potsdam, wo Landesgartenschauen, ermöglicht durch EU-Förderung, stattfanden. Die Kasernenruinen von Krampnitz und Jüterbog dienten als Kulisse für die Hollywoodstreifen „Stalingrad" und Roman Polanskys „Der Pianist". Ein Glücksfall zumindest für die Location-Scouts von Studio Babelsberg im nahen Potsdam.

Gleichwohl für die Ewigkeit gebaut sind diese Riesenareale heute zu baufällig und überdimensioniert, zudem vielfach mit Munition und durch sorglosem Umgang mit Kampfstoffen und Treibstoff kontaminiert um Investoren anzulocken. Eine schier unbezwingbare finanzielle und technische Herausforderung. Auf Wohnraum besteht in der ex-DDR wenig Bedarf, ganze Plattenbausiedlungen werden gesprengt, da die jungen Leute in den Westen übersiedeln.

„Germanski kaputt!"

Als Gast einer CDU-Delegation wohnten wir im November 1991 in der Panzerkaserne Neustrehlitz sorgsam inzinieren Vorführungen einer „Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsveranstaltung" bei.

Während einer Gesangsdarbietung stämmiger russischer Frauen im dortigen Truppenkino nutzten mein Sitznachbar und ich die Gelegenheit, um die Kasernenanlage zu erkunden. Lange blieben wir jedoch nicht unbemerkt. Ein Offizier wies uns an, ihm in ein Gebäude zu folgen und wir gerieten in ein Gelage zwischen hohen deutschen und sowjetischen Offizieren. Alle hätten dort nur noch auf uns gewartet, beschied er uns. Offensichtlich hielt man uns für die Herren von der Presse. Jeder hatte einen Trinkspruch aufzusagen, der mit Vodka, Bier und Cognac besiegelt werden musste. Der ungeübte hält die russischen Trinkgewohnheiten nicht lange durch und alle freuten sich über uns. „Germanski kaputt!" skandierten sie und hatten wieder einmal einen Sieg über die Deutschen errungen. Unser Verbindungsoffizier, Major Juri, desertierte kurz darauf und beantragte in Deutschland Asyl.

Propaganda mit leeren Parolen

„Von der Sowjetunion Lernen heißt Siegen lernen" lautete die allgegenwärtige Parole in der DDR. Aber was ist das für ein Sieg, unter dem Blutzoll von zwanzig Millionen gefallenen Rotarmisten die Hälfte des kleinen Deutschland zu besetzen? Diese Traditionspflege zeigt bis heute, wie tief verwurzelt dieser Sieg im „großen vaterländischen Krieg" in der russischen Armee ist. Die von der DDR-Führung verordnete „Freundschaft mit dem Brudervolk Sowjetunion"definierte sich in einer Massenorganisation, der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft". Da sich Freundschaften aber kaum verordnen, noch organisieren lassen, wurde das angestrebte Ziel nie erreicht.

Die kommunistische Sowjetunion präsentierte sich gerne fortschrittlich und modern. Um die Wahrheit festzustellen, brauchte man noch nicht einmal dorthin zu reisen. Wer hinter die weißen Kasernenmauern blickte und das einfache Leben dort sah, hatte diese Parolen schnell durchschaut. Auch das Erbe auf deutschem Boden zeugt nicht nur von primitiver Lebensweise, sondern auch von sorglosem Umgang mit Natur und Umwelt.

Spätestens am 3. Oktober 1990 war dieser Krieg für die Rote Armee jedoch verloren. Nach der Einheit Deutschlands kollabierte der Sowjetkommunismus ein Jahr später an den eigenen Problemen.

Die Weltmacht, die schon lange an Misswirtschaft, Korruption und Realitätsfremde litt, der glorifizierte rote Stern, ging unter. Die Fesseln des Kommunismus in Europa waren endgültig abgelegt.

 

(Verlag Dr. Köster)
(Verlag Dr. Köster)


Das Buch "Das Erbe der Sowjetarmee in Deutschland" erscheint als Text- und Bildband in der Reihe „Beiträge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik“ im Verlag Dr. Köster/Berlin (www.verlag-koester.de). 150 Seiten, 144 Abbildungen für 16.80€.

Zur Person:
Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg. Er hat die deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet und ist Mitglied im wissenschaftlichen Forum für internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.



Schlagworte

DDR, BRD, Berlin, Gehrke, Thilo
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