WikiLeaks-Gründer Julian Assange.
WikiLeaks-Gründer Julian Assange.
Foto: AP Photo/Matt Dunham

Das Rätsel Assange

WikiLeaks selbsternannter Streiter für Transparenz und offene Gesellschaft

von Christopher Torchia / AP, Donnerstag, 24. Februar 2011 14:08

Istanbul – Ganz gelassen sprach WikiLeaks-Gründer Julian Assange auf einem Forum in Kalifornien voriges Jahr über Themen wie Gerechtigkeit und Transparenz. Und dann schilderte er, wie die Enthüllungsplattform einmal mit der gegnerischen Partei in einem Rechtsstreit umging: "Wir haben sie zerquetscht wie ein Insekt", sagte Assange und untermalte seine Aussage mit einer Fingerbewegung. Die rabiate Rhetorik passte so gar nicht zu Assanges verbindlicher Fassade, und das Publikum reagierte überrascht.

Assange ist ein Rätsel, ein Spiegel dessen, was Menschen in ihm sehen möchten – wahlweise einen Cyber-Schurken oder eine treibende Kraft für die offene Gesellschaft. Er wirkt vielschichtig und ein wenig sonderbar, und er kultiviert das Mysterienhafte seiner Person. Ein Blick auf die intellektuellen Einflüsse, die ihn geprägt haben, zeigt, dass der 39-jährige Australier seit langem zürnt über Ungerechtigkeiten, die zu viel Macht seiner Ansicht nach mit sich bringt, und dass er seit langem Angst vor Verfolgung hat.

Kratzer am selbst geschaffenen Image

WikiLeaks veröffentlichte in den vergangenen Monaten geheime Dokumente zu Afghanistan und zum Irak sowie diplomatische Depeschen der USA, die die Großmacht in Verlegenheit brachten. Am 7. Dezember wurde Assange in Großbritannien festgenommen. Er hatte sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Schweden der britischen Polizei gestellt, die Anschuldigen zurückgewiesen und von einer Intrige gesprochen. Er wehrt sich gegen eine Auslieferung nach Schweden, begründet mit dem Verdacht, er könnte von dort aus an die USA ausgeliefert werden und müsse dort womöglich um sein Leben fürchten.

Sein selbst geschaffenes Image als edler Streiter für Transparenz bekam in jüngster Zeit Kratzer, als ehemalige Weggefährten sich distanzierten und ihn als eigenwilligen "Herrscher" schilderten. Das Selbstbild des einsamen Kämpfers gegen die herkömmliche Ordnung hat möglicherweise viel mit seinen literarischen Wurzeln zu tun. Stark beeinflusst wurde er unter anderen von George Orwell und Alexander Solschenizyn. "Wenn es ein Buch gibt, dessen Empfindung mich fesselt, ist es 'Der erste Kreis (der Hölle)' von Solschenizyn", schrieb Assange 2006. "Wie stark die Parallelen zu meinen eigenen Abenteuern sind! Solche Verfolgung in der Jugend ist eine Schlüsselerfahrung. Den Staat als das zu sehen, was er wirklich ist!"

Mitarbeit an Buch über Hacker 1997

Als Jugendlicher in Australien verschaffte sich Assange als Hacker Zugang zu Computern. Er wurde 1991 festgenommen und erhielt eine Geldstrafe. Allgemein wird angenommen, dass seine Geschichte in "Underground" dokumentiert wird, einem Buch von 1997 über Hacker, an dem Assange mitarbeitete. "Underground" geht der Psychologie der Hacker nach, beschreibt ihre Rivalitäten, ihre Egos und ihre Getriebenheit, die persönlichen Probleme einiger und das euphorische Gefühl von Macht, wenn sie in ein Netzwerk eindrangen und seine Strukturen beherrschten. Eine australische Hackergruppe in dem Buch nennt sich "Die internationalen Subversiven"; Assange soll dort Mitglied gewesen sein.

"Für Julian erschien das Entstehen des Internets Anfang der 90er Jahre in Australien wie die Eröffnung des Bonbonladens! Er war ein Jugendlicher und Teil einer Gruppe junger Leute, die vom Netz und vom völligen Fehlen von Sicherheit bei damaligen Computern fasziniert waren", erklärt Geoff Huston, ein australischer Netzwerkexperte, der im Prozess gegen Assange in den 90er Jahren vor Gericht aussagte.

Blogeintrag preist Aktivismus und Selbstaufopferung

Frühere Mitstreiter bescheinigen Assange einen autokratischen, verschlossenen Führungsstil. Er selbst sang in einem Blogeintrag 2007 das Hohelied von Aktivismus und Selbstaufopferung, inspiriert möglicherweise von seinen literarischen Vorbildern. "So sehr ich es auch versuche, ich kann dem Klang des Leidens nicht entkommen", schrieb Assange. "Als alter Mann werde ich mich vielleicht gerne damit trösten, in einem Labor herumzuwerkeln und an einem Sommerabend freundlich mit Studenten zu sprechen und werde Leiden mit Sorglosigkeit akzeptieren. Aber nicht jetzt; Männer in ihren besten Jahren, wenn sie Überzeugungen haben, haben den Auftrag, danach zu handeln." (dapd)



Schlagworte

Assange, Julian, WikiLeaks
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