Vorhang auf für die „Edutainmentisierung“ der Wissenschaftskommunikation.  Buchcover: Stifterverband für deutsche Wissenschaft.
Vorhang auf für die „Edutainmentisierung“ der Wissenschaftskommunikation. Buchcover: Stifterverband für deutsche Wissenschaft.

Naturwissenschaften trendy machen

Wissenschaftskommunikation im Wandel der Zeit

von Tobias Hofmann, Dienstag, 18. Oktober 2011 15:17

Viele von uns kennen dieses Gefühl. Die nicht enden wollende Langeweile eines Physik- oder Matheunterrichts, bei dem der Lehrer scheinbar fasziniert vom Thema, aber unfähig ist, es auch nur ansatzweise interessant vorzutragen. Dies sorgt bei vielen Schülern für Verdruss und nimmt ihnen langfristig das Interesse an wissenschaftlichen Themen. Ein Trend, der anscheinend zunimmt. Immer weniger Abiturienten schreiben sich in naturwissenschaftliche Studiengänge ein. Und für ein Land, in dem Rohstoffe als Wirtschaftsgut kaum vorhanden sind, ist Wissen und Bildung die wichtigste Ressource. Die Wissenschaft ist also gezwungen, sich in Zukunft auf eine neue Art mitzuteilen.

Eine Trendstudie des Deutschen Forschungszentrums für Wissenschafts- und Innovationskommunikation soll nun Aufschlüsse darüber liefern, wie die Wissenschaft in Zukunft den Kontakt mit der Öffentlichkeit suchen sollte. Hierzu befragte das Forschungszentrum 326 Wissenschaftskommunikatoren und ließ 30 Experten aus Wissenschaft und Praxis die Lösungsansätze diskutieren.

Web 2.0 als innovatives Informationsmedium

Laut der Studie spielt vor allem das Internet und das so genannten Web 2.0, mit dessen vielfältigen interaktiven Möglichkeiten, bei der zukünftigen Selbstdarstellung der Wissenschaft eine herausragende Rolle. Gleichwohl stellt es die größte kommunikative Herausforderung dar. Nachrichten finden heutzutage immer weniger durch die klassischen Medien ihre Leser. Durch die sozialen Medien sind neue Kommunikationsmuster entstanden, bei denen nicht mehr der Journalist als „Gatekeeper“ entscheidet, welche Information beim Leser ankommt. Vielmehr entscheidet das Netzwerk, in dem sich der Einzelne bewegt darüber, welche Nachrichten konsumiert werden und welche nicht. Suchmaschinen wie google und Bing liefern außerdem Ergebnisse nach bestimmten festgelegten Mustern. So stellt sich auch die Frage, ob durch diese Filterung eine selbstständige Suche und Weitergabe von Nachrichten überhaupt möglich ist. Web 2.0 bietet zwar die Chance des direkteren Dialogs zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, aber auch die Gefahr inhaltlicher Verflachung.

Früher beschränkte sich die Wissenschaftskommunikation hauptsächlich auf die Weitergabe von Informationen. Für die Zukunft sagen die befragten Experten jedoch eine „Edutainmentisierung“ voraus. Also die Verbindung zwischen Unterhaltung und Information. Dies fordert auch eine Veränderung des klassischen Wissenschaftsjournalismus.

Ein weiteres Problem stellen bei all dem noch die Wissenschaftler selbst dar, so meinen die Experten. Diese nutzen die neuen Formen der Kommunikation nicht und messen ihnen nur einen untergeordneten Stellenwert bei. Wissenschaftler berichten zumeist über Pressestellen über ihre Forschung, oder wenn Journalisten direkt auf sie zukommen. Selten suchen sie aktiv die Öffentlichkeit. „Viele hängen immer noch dem alten Modell der Wissensvermittlung an“ sagt Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist bei der Zeit. Josef Zens, PR-Chef der Leibniz-Gesellschaft sieht dies ähnlich: „Anstatt hinterher Vertrauen zu schaffen, wird es darauf ankommen, neue Entwicklungen mit Kommunikation zu begleiten.“

Das Internet wird also in Zukunft bei der Vermittlung von wissenschaftlichen Themen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Vor allem Social Media bietet dabei gänzlich neue Kommunikationsmöglichkeiten. Entscheidend dabei wird laut den Experten zunächst die Qualität des Informationsangebotes sein. „Wer gutes Programm macht und tolle Inhalte bietet, wird sich durchsetzen, egal über welche Infrastruktur er zum Empfänger kommt“ meint Josef König, Leiter der Pressestelle der Ruhr-Universität Bochum. Immer entscheidender wird dabei jedoch nicht nur der Inhalt, sondern der Kontext sein, in dem die Information eingebettet wird.

Aufgrund rückläufiger Verkaufszahlen klassischer Medien stellt sich außerdem die Frage, wie die Qualität der Berichterstattung gewährleistet werden soll. Denn bislang tragen diese den Löwenanteil der Qualitätsinhalte im Internet. „Woher soll die Qualität kommen, wenn dafür nicht bezahlt wird?“ fragt sich daher Günter Haad vom Wort & Bild Verlag. Wenn diese Quellen nicht mehr vorhanden sind, kann die Gefahr drohen, dass die Berichterstattung von interessengeleiteten PR-Unternehmen und Lobbyisten gesteuert wird.

Transparenz statt Verführung

Wie also die Öffentlichkeit mehr für wissenschaftliche Themen begeistern? Die befragten Experten raten weitgehend davon ab, die Wissenschaftskommunikation zur Förderung der Akzeptanz mitunter auch schwieriger Themen, wie der Gen-Technik, zu nutzen. Viel wichtiger seien der Aufbau von Vertrauen und ein transparenter Dialog, der unter anderem durch soziale Medien möglich gemacht wird.

Die Kommunikationsmaßnahmen sollen laut den Experten zwar unterhalten, aber nicht verführen. Nachhaltiges Verständnis lasse sich nur durch Meinungsvielfalt und die Möglichkeit zur eigenen Meinungsbildung im Dialog erreichen. Dieser könnte über die Nutzung von Blogs erreicht werden, auf denen Wissenschaftler und Laien miteinander kommunizieren könnten. Viele Wissenschaftler suchen laut dem Wissenschaftsjournalist Ralf Grötker jedoch immer noch eher die eigenen Fachkollegen, statt sich einer breiten Öffentlichkeit zuzuwenden.

 

 

 

 

 



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