Notlandung auf einem Walrücken? Der graue Streifen im Indischen Ozean lässt sich zunächst schlecht einordnen. Erst beim zweiten Blick wird in ihm die Landebahn des Flughafens von Male erkennbar, die die kleine der Hauptstadt vorgelagerte Insel fast völlig ausfüllt.
Nach dem ersten Erstaunen folgt sogleich die nächste Überraschung: Denn unten gibt es weder Straßen noch Autos. Nur ein paar Boote und Wasserflugzeuge, die den Weitertransport in dieser verworrenen Inselwelt übernehmen. Schon wenig später sehe ich aus geringer Höhe die Inseln des Nord-Male-Atolls unter mir dahingleiten, eines der 14 Malediven-Atolle insgesamt.
Eingebettet in einen Korallenring und einen Lagunengürtel sehen sie aus wie „grüne Dotter in einem riesigen Spiegelei“. So auch die Insel Helengeli im nördlichen Bogen des Atolls. Hier geht die Maschine mit ihren Kufen nahe einem Pontonsteg runter aufs Wasser, wo bereits ein Dhoni, eines der überdachten Boote, auf die neuen Gäste wartet. Flach wie ein Brett ragt die Insel nur knapp aus der Meeresoberfläche heraus. Und ringsherum ein traumhafter Strand aus feinem Korallensand.
Der Strand will natürlich sofort erforscht werden! Kaum habe ich meine Hütte, hier liebevoll „Bungi“ genannt, bezogen, da stoße ich bereits im Strömungsschatten der Insel auf eine lange Sandbank, die nur ganz allmählich im glasklaren Wasser des Indischen Ozeans unter die Oberfläche abtaucht. Ein junges Paar sitzt sich im Wasser gegenüber und scheint an diesem traumhaften Ort die Zeit völlig vergessen zu haben.
Doch plötzlich kommt unerwartet Leben in die Ruhe des Nachmittags. Der Sand hebt sich an verschiedenen Stellen und kleine Schildkröten erblicken mit ihren kleinen Köpfen erstmals das Licht der Welt. Insgesamt 50 unbeholfene, aber flinke Wesen, die sich, so schnell sie können, im seichten Wasser in Sicherheit bringen. Ein Naturerlebnis der besonderen Art!
Neugierig besuche ich schon am nächsten Morgen die Tauchbasis der Insel. Unter der Leitung von Uwe ist hier alles bestens organisiert, und bereits beim ersten Tauchgang wird der gewaltige geologische Unterschied erkennbar: oberhalb der Wasserlinie nur ungefähr eineinhalb Meter Erhebung und darunter steil abfallende Kalkwände, die unten irgendwo im dunkelblauen Nichts zu verschwinden scheinen.
Mit Marco, meinem Buddy, bilde ich ein Team. In einem rasanten Strömungstauchgang lassen wir uns entlang eines Steilhanges dahingleiten und stoßen dabei in Überhängen und Höhlen auf die merkwürdigsten Lebewesen. Drei Riesenlangusten hocken zusammengekauert in einer Höhlenecke und schauen uns entgeistert mit ihren herausquellenden Stielaugen an.
Uwe bemerkt unsere Begeisterung und macht uns später einen von ihm selbst entwickelten Tauchkurs schmackhaft: die Ausbildung zum „Shark Diver“. Abends sitzen wir zusammen und erfahren alles über Haie hier und anderswo auf der Welt. Und tagsüber geht es hinunter an die Stellen, wo sich die anfangs für uns noch Furcht erregenden Tiere ein Stelldichein geben. Bis zu zwölf Riffhaie auf einmal! Aber schließlich gewöhnen wir uns an ihren Anblick.
Doch welch eine Tragödie! Es wird uns immer wieder klar, dass die Korallenbleiche nach der Meereserwärmung durch El Nino auch vor diesen Inseln nicht Halt gemacht hat. Früher: farbiges Leben in Hülle und Fülle! Und heute, so Uwe, muss man sich die schönsten Stellen heraussuchen und besonders pfleglich mit ihnen umgehen. Der Trend jedoch, davon ist er überzeugt, lässt schon eine leichte Erholung des Korallenbestandes erkennen.
Nach so viel Insel-Einsamkeit ist irgendwann einmal ein Abstecher in die Hauptstadt Male angesagt. Ihre Silhouette wird beherrscht von der Freitagsmoschee mit ihrer goldenen Kuppel und dem spitzen Minarett, höchstem Punkt des gesamten Malediven-Archipels.
Beim Gang durch die Straßen und Gassen der Stadt zeigt sich wie nirgendwo sonst die bewegte Geschichte der Inselgruppe: erst die Portugiesen und Holländer, dann die Franzosen und schließlich die Engländer, die hier in den letzten Jahrhunderten ihren Einfluss ausübten. Aber nie wurden die Malediven eine Kolonie im eigentlichen Sinn. Stets herrschte in Male ein Sultan bis zur staatlichen Unabhängigkeit im Jahre 1968.
Seit 1978 hält der jetzige Präsident Gayoom die Zügel des kleinen Inselstaates fest in seiner Hand. Im Jahre 1998 wurde unter seiner Herrschaft eine neue Verfassung verabschiedet. Von einer westlichen Demokratie mit Parteienwettbewerb und Pressefreiheit ist das Land jedoch nach wie vor weit entfernt.
Daher auch die Berührungsängste mit dem Tourismus, der seit 1972 zur Haupteinnahmequelle des Inselstaates herangewachsen ist. Entsprechend gibt es eine Aufteilung in Touristeninseln und in Inseln für die Einheimischen. Die traditionelle islamische Lebensart soll hier offensichtlich so rein wie möglich erhalten bleiben.
Inselhüpfen zum Kennenlernen der Bevölkerung gehört daher zu den schwierigen Unternehmungen eines Malediven-Aufenthalts. Nicht jedoch von Touristeninsel zu Touristeninsel. Diese Chance nutze ich und entscheide mich für die Insel Kuredu an der Nordspitze des Lhaviyani-Atolls. Ähnlich wie Helengeli – und doch wieder eine ganz andere Welt, die es zu entdecken gilt.
„Warum nicht einmal Katamaran-Segeln lernen?“, frage ich mich, als ich die wendigen Boote erblicke und Timos Angebot am Strand lese. Schnell werden wir uns einig und das Abenteuer Malediven geht in eine neue Runde ...
Anreise:
Zahlreiche Internationale Linien- und Charter-Fluggesellschaften steuern den Male International Airport an, z.B.: Austrian Airlines, Condor und LTU
Einreise:
Besucher benötigen einen Reisepass, der ab Einreisedatum noch mindestens sechs Monate gültig sein muss. Touristenvisa bis zu 30 Tagen werden bei der Einreise erteilt.
Reisezeit:
Die beste Reisezeit mit den wenigsten Niederschlägen ist zur Zeit des Nordost-Monsuns von November bis April.
Unterkunft:
Die Inseln bieten unterschiedliche Unterkünfte an. Auf Kuredu z.B. gibt es Beach Villen mit schönem Strand, Beach Bungalows mit Pool und Jakuzzi Villen, die luxuriöseste Variante.
Auskunft:
Es informiert das Auswärtige Amt, Bürgerservice, Arbeitseinheit 040, 11013 Berlin, Tel. 03018-172000. Fax. 03018-1751000; Lesetipp: Hainer F. Gstaltmayr u.a., Malediven, Baedecker 2006, ISBN 3829711190
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
Gleitschirmfliegen über Neuseeland
(01.09.2009)
Die Tempelanlage von Baalbek im Libanon
(08.06.2009)
Fiji - Eine Reise an die Datumsgrenze
(20.01.2009)
Verlockende Alternative zum Jahreswechsel
(26.12.2008)
(21.09.2008)