Nachrichten Deutschland – Abschiebung direkt vom Krankenbett – Benjamin Wünsch
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Risiko Arztbesuch Abschiebung direkt vom Krankenbett

Benjamin Wünsch

22.01.2010

In Deutschland gibt es eine große Bevölkerungsgruppe die ohne medizinische Versorgung lebt. Foto: Dieter Schütz/www.pixelio.de
In Deutschland gibt es eine große Bevölkerungsgruppe die ohne medizinische Versorgung lebt.

Foto: Dieter Schütz/Pixelio

Frankfurt/Main (apn) In der Not hat jeder ein Recht auf medizinische Hilfe. Aber nicht jeder macht von diesem Recht Gebrauch. Denn für viele Menschen in Deutschland ist ein Arztbesuch immer auch ein großes Risiko. Wer keine gültige Aufenthaltserlaubnis hat, dem droht nach der Behandlung das böse Erwachen: die Abschiebung direkt vom Krankenbett.

Die Angst vor der Ausländerbehörde kann fatale Folgen haben. „Im Allgemeinen wird ein Arztbesuch so lang als möglich hinausgezögert“, erklärt die Wittener Pflegewissenschaftlerin Mareike Tolsdorf in einer aktuellen Studie „im schlimmsten Fall bis zum Tode“. Und betroffen ist keineswegs nur eine Randgruppe. Der Malteser Hilfsdienst spricht von bis zu einer Million Menschen, die illegal in Deutschland leben.

Die Gesundheitsbehörden stehen damit vor einer großen Herausforderung. Denn solche „weißen Flecken“ auf der Karte können für die ganze Gesellschaft gefährlich werden. Nicht nur aus rein humanitären, sondern auch aus epidemiologischen Gründen besteht daher dringender Handlungsbedarf. „Ich kann es mir nicht leisten, in einer dicht bewohnten Stadt, wo eine sehr hohe Mobilität herrscht, eine durchaus große Bevölkerungsgruppe unversorgt zu lassen“, sagt der Frankfurter Kinderarzt Peter Neumann. Das Risiko, dass sich Infektionskrankheiten ausbreiteten, sei einfach zu groß.

In Frankfurt am Main hat man eine Lösung gefunden, die das Problem zumindest spürbar entschärft: eine anonyme Sprechstunde. Zwei Mal die Woche bieten Neumann und weitere Kollegen vom Amt für Gesundheit die Möglichkeit einer ärztlichen Behandlung ganz ohne Vorlage von Ausweisdokumenten. Der Andrang ist groß. Bis zu 80 Patienten sitzen bei diesen Terminen im Wartezimmer.

Nicht selten sind die Mediziner bis in den späten Abend hinein beschäftigt. Diese breite Akzeptanz beruht in erster Linie auf einer engen Zusammenarbeit mit Vertrauensleuten aus den „Communities“. Neumann setzt dabei vor allem auf bereits bestehende Netzwerke wie dem Frankfurter „Förderverein Roma“ oder der deutsch-afrikanischen Selbsthilfegruppe „Maisha“.

Bereits im Jahr 2001 wurde in Frankfurt der erste Versuch einer solchen „internationalen humanitären Sprechstunde“ gestartet. Davor sei das Problem fast nur den Praxen vor Ort so richtig bekannt gewesen, erinnert sich Neumann. Viele hätten zur Not auch kostenlos behandelt. „Die meisten Ärzte haben ja eine karitative Ader. Aber alles hat seine Grenzen.“ Die Migranten hätten sich damals vor allem bei den Ärzten konzentriert, die selber ihre Sprache sprechen. Für die sei das finanziell irgendwann nicht mehr machbar gewesen.

Anonymität wird garantiert

Die Sprechstunde im Amt für Gesundheit wird über Stiftungsmittel finanziert. Wenn eine Überweisung in ein Krankenhaus notwendig ist, müssen sich die Patienten an den Kosten beteiligen. Mit der Zahnklinik und den Geburtenkliniken in der Stadt gibt es aber Absprachen über Sonderpreise und darüber, dass die Daten nicht an andere Ämter weitergegeben werden.

Ähnliche Sonderregelungen gibt es inzwischen auch in anderen deutschen Großstädten. Darüber hinaus bieten private Träger wie der Malteser Hilfsdienst in einigen Städten die Möglichkeit der anonymen Erstuntersuchung und Notfallversorgung. Eine bundesweite Lösung ist bislang aber nicht in Sicht. In vielen Regionen sind Migranten mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus daher bis heute praktisch von allen Behandlungen ausgeschlossen.

Mit harten Konsequenzen für die Betroffenen: „In dieser Lage lassen viele Frauen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, wenngleich sie das Kind eigentlich lieber austragen würden“, heißt es in der Studie der Universität Witten-Herdecke. Ein Großteil der versteckt lebenden Migranten arbeite für wenige Euro, oftmals unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Wenn es dabei einen Unfall gebe und sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden, bleibe ihnen oft nur die „Flucht aus dem Krankenbett“ bevor die Polizei sie verhaftet, um sie dann abzuschieben.

Die Ärzte stehen zwar grundsätzlich unter Schweigepflicht, bei aufwendigen Behandlungen muss allerdings auch irgendwer für die Kosten geradestehen. „Der Arzt macht seine Arbeit, aber die Verwaltung in der Klinik auch“, bringt es Peter Neumann vom Frankfurter Amt für Gesundheit auf den Punkt. Wenn der Patient nicht bezahlen könne, dann werde der Fall an das zuständige Sozialamt weitergeleitet, von da an sei das Ganze gewissermaßen ein Selbstläufer. (AP)

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