Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft
05.01.2007
Berlin – Die Toleranz gegenüber psychisch Kranken nimmt nach Einschätzung von Experten in Deutschland ab. Die gesellschaftliche Reaktion werde strenger, sagt die Chefärztin der Berliner Wiegmann-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dorothee Kress. Vor zehn Jahren seien etwa psychosomatisch Erkrankungen noch toleriert worden: „Man konnte sich ein Vierteljahr Nichtfunktionieren leisten. Hat die persönliche Fassade heute einen Sprung, stößt dies innerhalb der Gesellschaft nicht mehr auf Toleranz.“
Auch der Betroffene selbst verzeihe sich einen Ausfall nicht, erklärt die Fachärztin: „Die Erwartung der vollen Funktionsfähigkeit überlagert alles.“ Ein Fehler dürfe nicht passieren, menscheln sei unerwünscht. „Die Anforderungen der modernen Gesellschaft unterschlagen, dass wir selbstverständlich kränkbar sind. Es gibt Situationen, in denen wir keine perfekte Figur abgeben können“, betont Kress. Auch bei vollkommener psychischer Gesundheit komme es zu einem plötzlichen Knick in der Biografie. Aus dieser Kränkungssituation, die nichts mit psychischer Krankheit zu tun habe, erholten sich manche der Betroffenen nicht mehr: „Alle Lebenskomplexe brechen zusammen.“
Zu beobachten sei auch, dass die Patienten nicht mit einer Bereitschaft zur Veränderung die Therapie suchten, sondern mit einer Vorwurfshaltung: Die Vorwürfe richteten sich gegen die Gesellschaft, die Eltern oder das soziale Umfeld. Die Selbstverantwortung werde dabei abgegeben, kritisiert Kress. Die Therapie konzentriert sich nach ihren Angaben auf den inneren persönlichen Konflikt, der entweder bereits vor der Stresssituation bestand oder aber durch die Belastung ausgelöst wurde. Es sei wichtig, dass die Patienten in der Behandlung eine Ich-Stärke erreichten, eine Selbstwahrnehmung entwickelten und Eigenverantwortung für das Geschehen übernähmen.
http://www.bpm-ev.de/
(AP)
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