Kabul – Der afghanische Präsident Hamid Karsai dürfte der derzeit am meisten öffentlich ermahnte Staatschef der Welt sein. Von US-Präsident Barack Obama bis zum gerade in dem Land am Hindukusch weilenden Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg fehlt es nach seiner umstrittenen Wiederwahl nicht an klaren Worten, Karsai müsse Korruption bekämpfen, einen Rechtsstaat aufbauen und Militär und Polizei in die Lage versetzen, selbst für Recht und Ordnung sorgen zu können.
Doch Karsai lässt sich davon nicht aus der Reserve locken. Afghanistan-Kenner wie Malcolm Chalmers von der Londoner Denkfabrik Royal United Services Institute erklären: „Das wirkliche Problem ist, dass die internationale Gemeinschaft keine Alternative zu der Regierung hat, mit der sie es jetzt zu tun hat. Und Karsai weiß das genau.“
Die von der internationalen Gemeinschaft ob aufgedeckter Betrügereien mit wenig Begeisterung aufgenommene Wiederwahl Karsais habe dessen Position noch gestärkt, fügt Chalmers hinzu. In einem Interview hat der afghanische Präsident denn auch vergangene Woche dezent darauf hingewiesen, dass es den USA und ihren Verbündenten gar nicht in erster Linie um sein Land gehe. „Der Westen ist nicht zum Wohle Afghanistans hier. Sie sind hier, um den Krieg gegen den Terror zu führen. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten kamen nach dem 11. September (2001). Afghanistans hatte davor schon höllische Probleme, aber niemand kümmerte sich um uns.“
Obama verwarf am Donnerstag die bisherige Afghanistan-Strategie und forderte von seinen Beratern ein neues Konzept an. Für ihn steht viel auf dem Spiel, weil er Afghanistan zur zentralen Front im Krieg gegen Terror erklärt hat. Ein Rückschlag oder gar eine Niederlage wäre ein schwerer Schlag in den Bemühungen der USA gegen islamischen Extremismus.
Dennoch verlautete aus Washingtoner Kreisen in diesen Tagen die bislang schärfste Kritik an Karsai. Der US-Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, habe davor gewarnt, die US-Truppen zu verstärken, ohne dass Karsai zeige, dass es ihm beispielsweise mit der verbal versprochenen Korruptionsbekämpfung ernst sei. Und der Leiter der UN-Mission in Kabul, der Norweger Kai Eide, wies daraufhin, dass sich Karsai verrechnen könnte, wenn er darauf baue, dass die internationale Schutztruppe wegen der strategischen Bedeutung Afghanistans auf jeden Fall im Land bleibe – und ihn mit ihrer Anwesenheit stützt. „Ich möchte betonen, dass das nicht zutrifft“, sagte Eide. „Es ist die öffentliche Meinung in den Geberländern und den Truppen entsendenden Staaten, die über die Intensität dieses Engagements entscheidet.“
Die öffentliche Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz ist aber angesichts stetig steigender Verluste von Deutschland über Großbritannien bis in die USA gesunken. In dieser Lage hätten sich die Taliban neu formiert und ihre Reihen mit militärisch gut ausgebildeten Kämpfern aufgefüllt, analysierte das US-Institut Rand kürzlich. Die Koalitionsstreitkräfte seien voll und ganz damit beschäftigt, die Taliban in Schach zu halten – und weit davon entfernt, diese Aufgabe an die noch immer im Auf- und Ausbau befindlichen afghanischen Sicherheitskräfte abzugeben.
Deutschland stehe zu seinem Engagement, wolle nun aber auch wissen, was die afghanische Regierung plane, sagte Guttenberg am Donnerstag. „Wir müssen Erfolge sehen.“ Am Freitag kündigte er die Entsendung weiterer 100 Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan an. (AP)
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