China News - Menschenrechte – Ai Weiwei war immer kritisch – Ben Reichardt
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Eine deutliche Stimme Ai Weiwei war immer kritisch

Ben Reichardt

22.06.2011

Ai Weiwei heute vor seinem Haus in Peking neben einem unbekannten Journalisten.  Foto: AP Photo/Ng Han Guan
Ai Weiwei heute vor seinem Haus in Peking neben einem unbekannten Journalisten.

Foto: AP Photo/Ng Han Guan

Frankfurt/Main – Nur wenige Tage vor seiner Festnahme am Pekinger Flughafen Anfang April hatte der regimekritische chinesische Künstler Ai Weiwei in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ganz offen über seine große Angst gesprochen. Die Angst vor der immer größer werdenden Gefahr, die daraus erwuchs, dass er ausländischen Medien Kritisches über sein Land berichtete und damit immer stärker in den Fokus der chinesischen Behörden rückte. Die waren damals offenbar nicht länger bereit, sein Verhalten hinzunehmen.

Eigentlich sollte es in dem Interview um die zuvor in Peking eröffnete deutsche Ausstellung "Kunst der Aufklärung" gehen, doch kehrt das Gespräch immer wieder zur Lage der Menschenrechte in China und damit auch zu Ais persönlicher Situation zurück. Als die Rede auf die Stagnation in Sachen intellektueller Freiheit in China kommt, fällt Ais Fazit deutlich aus: "Die Mächtigen wollen verhindern, dass kritische Stimmen gehört werden. Sie wollen sie vernichten."

Ai weiß nur zu genau, wie skrupellos in China mit Menschen wie ihm umgegangen wird. Im August 2009 wurde er von der Polizei so schwer geschlagen, dass er als Spätfolge eine lebensgefährliche Gehirnblutung erleidet und sich im September in München einer Operation unterziehen muss. Anlass für die Prügelattacke war Ais Einsatz für den angeklagten Schriftsteller und Bürgerrechtler Tan Zuoren, dem wegen seiner Nachforschungen zum schweren Erdbeben vom Mai 2008 Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt vorgeworfen wurde.

"Das ist eine sehr gefährliche Gesellschaft"

Das Beben in der Provinz Sichuan war das schwerste seit drei Jahrzehnten in China und hatte fast 90.000 Menschen das Leben gekostet. Ai erstellte später gemeinsam mit zahlreichen Helfern eine Namensliste der bei der Katastrophe getöteten Schulkinder. Grund waren Vorwürfe, dass viele Schulen nur deshalb eingestürzt seien, weil sie unter Missachtung der Bauvorschriften errichtet worden seien. Viele Eltern getöteter Kinder hatten gefordert, die verantwortlichen Behörden dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Die Regierung Sichuans wies die Vorwürfe zurück.

Im Mai 2009 berichtete Ai, dass mindestens 20 seiner Helfer festgenommen worden seien. "Wenn es in China Fortschritte geben soll, dürfen wir nicht unsere Augen verschließen, sondern müssen über das Problem reden und Transparenz schaffen", forderte er. "Wenn nicht einmal die Regierung diese Verantwortung übernimmt, dann ist das eine sehr gefährliche Gesellschaft."

Erst Ende vergangenen Jahres wurde Ai dann für einige Zeit unter Hausarrest gestellt, als er nach Shanghai fliegen und dort mit einer Feier an die Zwangsschließung seines neuen Studios erinnern wollte. Die Regierung in Shanghai hatte ihn eingeladen, ein Atelier in der Stadt zu eröffnen. Kurz nach der Fertigstellung erklärte Ai, er habe eine Aufforderung zum Abriss erhalten. Mit einer Party wollte er die Abrissverfügung öffentlich machen.

Ais Vater war ein bekannter Dichter und Regimekritiker

Dass die chinesischen Behörden Ai gegenüber bis Anfang April noch so etwas wie eine Art Schamgrenze verspürten, hat nicht nur mit seinem internationalen Ansehen, sondern auch mit seiner Herkunft zu tun. Geboren am 28. August 1957 in Peking, ist er der Sohn des bekannten kommunistischen Dichters und Regimekritikers Ai Qing und dessen Frau Gao Ying. 1949 war Ai Qing mit den Truppen Maos nach Peking gekommen. 1958 fiel er einer Säuberungsaktion gegen Intellektuelle zum Opfer und wurde mit seiner Familie als "Feind der Partei, des Staates und des Volkes" verbannt. Erst 20 Jahre später, nach der Rückkehr nach Peking, wurde der Vater rehabilitiert.

Zu jener Zeit – Ai Weiwei hatte sich zwischenzeitlich an der Pekinger Filmakademie eingeschrieben – entstanden die ersten Kunstwerke. 1979 gründete er mit anderen Künstlern die avantgardistische "Sternengruppe", die sich in ihren Arbeiten kritisch mit Bevormundung und Zensur auseinandersetzte und schon bald verboten wurde. Im Jahr 1981 ging Ai nach New York und sollte erst 1993 wieder aus den USA in seine Heimat zurückkehren.

Vier Jahre lag die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu diesem Zeitpunkt zurück und dennoch war in China etwas in Bewegung geraten. In diesem Klima begann Ai sich in seinen Arbeiten kritisch mit der Kulturgeschichte des Landes, dem zentralistischen politischen System, Widersprüchen des modernen China, mit Globalisierungs- und Demokratisierungsprozessen auseinandersetzen.

Auch das "Vogelnest" genannte Stadion hat er mitentworfen

Als Anfang des neuen Jahrtausends China den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele bekam, gestaltet er gemeinsam mit den Basler Architekten Herzog und de Meuron das als "Vogelnest" bekannt gewordene Nationalstadion. Zwar bezeichnete er das Bauwerk auch 2007 noch als "einfach wunderschön", doch zeigte er zugleich eine deutliche Distanz, als er wiederholt sagte, es ekle ihn an, wie das Stadion als Propagandasymbol für chinesischen Fortschritt missbraucht werde, obwohl die Menschenrechtssituation verheerend sei.

Einem breiteren deutschen Publikum wurde Ai spätestens bei der Kasseler documenta 12 im Jahr 2007 bekannt. Dazu holte er 1.001 chinesische Landsleute aus allen Bevölkerungsschichten in Gruppen von je 200 in die nordhessische Stadt, die sich dort eine Woche lang frei bewegen, fotografieren und Material sammeln konnten. Dabei wurden sie stets von Fotografen und Filmteams begleitet. Zudem errichtete er die aus Fenstern und Türen alter chinesischer Häuser bestehende Freiluft-Installation "Template", die bei einem Sturm zusammenbrach. Wieder aufbauen wollte er sie allerdings nicht, ließ er durch die documenta mitteilen, denn sie gefalle ihm nun besser als vorher.

Seine Bindung an Deutschland hat Ai nie verloren. Erst Ende März sagte er der "Berliner Zeitung", dass er angesichts wachsender Repressionen in seiner Heimat einen Teil-Umzug nach Berlin plane. "Ich möchte in der Lage sein, meine tägliche Arbeit an meiner Kunst und meinen Ausstellungen auch von Berlin aus zu machen", zitierte ihn damals das Blatt.

(dapd)

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