Foto: Christoph Aron / Pixelio
Berlin – Die meisten Alkoholkranken über 60 Jahren haben schon früher getrunken. Der Anteil derer, die erst mit 45 Jahren oder später mit dem Trinken angefangen haben, liege nur bei etwa 15 Prozent, sagte der Leiter der Vivantes-Klinik in Berlin-Hellersdorf, Tilman Wetterling, am Mittwoch. Anders sei das bei Medikamentenabhängigkeit. Sie trete öfter erst im Alter auf.
Die Gründe für den Alkoholkonsum seien bei jüngeren und älteren Alkoholikern ähnlich. Allerdings trinken Ältere häufiger als Jüngere gegen körperliche Beschwerden an, beispielsweise gegen chronische Schmerzen. Auch Langeweile – zum Beispiel nach dem Ende des Arbeitslebens – wird bei den über 60-Jährigen häufiger als Grund genannt.
Wetterling zufolge ist schätzungsweise rund ein Prozent der über 65-Jährigen in Deutschland alkoholabhängig. Genaue Zahlen gebe es nicht, vor allem, weil die Diagnosestellung problematisch sei. Laut Wetterling liegt das vor allem daran, dass die internationalen Kriterien für eine Diagnose von Alkoholkrankheit so gefasst sind, dass sie vor allem Jüngere betreffen.
Anders als beim Alkohol entsteht Medikamentensucht Wetterling zufolge hingegen meist erst im Alter. Besonders Frauen griffen dann häufiger zu sogenannten Benzodiazepinen, zu denen unter anderem Valium gehört. "Das ist ein viel zu wenig beachtetes Problem, zumal die Sucht ja erst bemerkt wird, wenn die Betroffenen Beschwerden oder Entzugserscheinungen haben und dann ins Krankenhaus kommen", sagte Wetterling.
Egal welche Sucht sie haben, in jedem Fall brauchen Ältere für eine erfolgreiche Therapie ein spezielles Umfeld. Das hat der Suchthilfeverband Blaues Kreuz herausgefunden und deswegen bereits vor zehn Jahren ein spezielles Programm für Menschen über 60 ins Leben gerufen. "Wir haben gemerkt, dass Ältere ihre eigenen Themen haben und sich in Gruppen mit Jüngeren oft nicht trauen diese anzusprechen", sagte Peter Olm, Leiter der Wuppertaler Beratungsstelle des Blauen Kreuzes in einem dapd-Gespräch.
Zu diesen Themen gehörten Kriegs- und Fluchterlebnisse oder Traumata aus frühester Kindheit. Hinzu komme, dass viele von ihnen auch die Übung darin fehle, über sich selbst zu sprechen. "Sie haben diese Kultur, über ihr Innerstes zu reden, einfach nicht beigebracht bekommen", sagte Olm. Vor allem diejenigen, die in der Nachkriegszeit aufwuchsen, hätten die Einstellung mitbekommen: "Immer weitermachen. Bloß nicht jammern. Läuft schon alles."
Auch er glaubt, dass viele ältere Alkoholabhängige schon seit jeher gerne Alkohol getrunken haben. Suchtkrank werden die meisten von ihnen nach seiner Erfahrung erst mit der Pensionierung, "wenn sie nicht mehr durch Arbeit abgelenkt werden und vielleicht zudem noch der Partner stirbt", sagte Olm. (dapd)
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Alte Menschen sind besonders suchtgefährdet
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