Aktuelle Nachrichten – International
25.06.2008
Kapstadt – Pfarrer Julius Bonani hat 18 Kinder in seiner Kirche aufgenommen. Alle sind HIV-positiv, sie sind Aids-Waisen oder wurden von ihren Eltern verstoßen. Sie personifizieren den schmerzhaften Weg in Richtung Hoffnung in einem Land, das so schlimm von der Aids-Epidemie getroffen ist wie kaum ein anderes. Fast 1.000 Südafrikaner sterben jeden Tag an der Immunschwächekrankheit. Schätzungsweise 5,4 Millionen Menschen am Kap haben sich mit dem HI-Virus infiziert – das entspricht mehr als elf Prozent der Bevölkerung.
Als die heute sechsjährige Thandwisa gefunden wurde, nuckelte sie an der Brust ihrer sterbenden Mutter, neben ihr lag ihr toter Zwilling. Abina trägt noch immer die Narben, die ihr betrunkener Vater ihr zugefügt hat: Aus Wut über ihre HIV-Infektion drückte er brennende Zigaretten auf der Haut des Mädchens aus. Und Siphosethu wurde kurz nach der Geburt ausgesetzt, gehüllt in Lumpen, mit eiternden Wunden.
Heute scheinen die drei fast normale Kinder zu sein: die rechthaberische und temperamentvolle Thandwisa, die kichernde, zappelige Abina und Sisophetu, deren Name so viel bedeutet wie „unser Geschenk“. Wie alle Kinder, die Pfarrer Bonani in der Kirche in einem Armenviertel von Kapstadt aufgenommen hat, bekommen die Mädchen jeden Tag Medikamente, aber vor allem viel Liebe und etwas zu essen.
„Nicht ein Kind ist in unserer Obhut gestorben“, sagt Bonani lächelnd. „Wir sind sehr, sehr stolz auf sie.“ Der Geistliche und seine Frau Lulama kümmern sich um ihren 13-jährigen Enkel, seit ihre Tochter an Aids gestorben ist. Sie hoffen, dass die Kinder, die sie großziehen, zur letzten Generation derer gehören, die schon im Mutterleib oder beim Stillen mit HIV infiziert wurden.
In der Provinz Westkap, zu der auch Kapstadt gehört, erhalten mittlerweile 90 Prozent aller schwangeren Frauen Medikamente, um eine Übertragung des Virus auf ihr ungeborenes Kind zu verhindern. Doch in ärmeren Gegenden, wie dem ländlichen Ostkap, liegt der Anteil nur bei etwa 50 Prozent.
Erst im Februar gab das Gesundheitsministerium mit vierjähriger Verspätung Richtlinien für die Behandlung HIV-positiver Schwangerer heraus, die den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprechen. Die Provinz Westkap wartete nicht auf den offiziellen Startschuss. Hier erhalten Schwangere schon seit 2004 sowohl Nevirapin als auch AZT – die Doppeltherapie hat sich als wirkungsvoll erwiesen. Die Rate der Übertragung von der Mutter auf das Kind ist auf fünf Prozent zurückgegangen.
Eine erhebliche Mitschuld an der Aids-Katastrophe in Südafrika wird der Regierung angelastet, allen voran Präsident Thabo Mbeki, der nach seinem Amtsantritt im Jahr 1999 den Zusammenhang zwischen HIV-Infektion und Aids anzweifelte. Auch Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang machte mit fragwürdigen Einstellungen zum Thema Aids von sich reden und pries allen Ernstes Knoblauch als Heilmittel an.
Doch allmählich macht sich ein Wandel hin zum Positiven bemerkbar. Jacob Zuma, der wahrscheinliche Nachfolger Mbekis im Präsidentenamt, hat bereits angekündigt, den Kampf gegen Aids zur Priorität zu erklären. Allerdings gibt es dabei einen Haken: Zuma, der 2006 wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht stand, hat eingeräumt, mit einer HIV-positiven Frau ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Er habe aber danach geduscht, um das Risiko einer Infektion zu mindern, erklärte der Politiker damals. Später hat sich Zuma für diese Bemerkung entschuldigt. Aids-Aktivsten hoffen, dass er umso härter gegen die Epidemie kämpfen wird, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen.
Prävention ist das schwächste Glied in der Kette. „Auf zwei Leute, die eine Therapie beginnen, kommen fünf neue Infektionen. Das ist einfach unglaublich“, sagt der Mediziner Francois Venter, Vorsitzender der südafrikanischen Vereinigung der Krankenhausärzte.
Aufklärungsprogramme bei Jugendlichen scheinen sich nach Angaben der Regierung allmählich auszuzahlen. Die Infektionsrate bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 sei im Jahr 2006 um 2,5 Prozentpunkte auf 13,5 Prozent gefallen. Doch viele Südafrikaner schrecken nach wie vor vor dem Gebrauch von Kondomen zurück. Und eines der größten Hindernisse im Kampf gegen Aids ist das Stigma, mit dem Infizierte behaftet sind.
Doch Bonani ist zuversichtlich, dass sich auch die Einstellung zu HIV-positiven Menschen ändern wird. Zumindest hat er diesen Trend in seiner Gemeinde beobachtet. Als der Pfarrer die ersten Aids-Waisen aufnahm, kamen immer weniger Menschen in die Kirche. Doch mittlerweile wird offen über die Immunschwächekrankheit gesprochen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher wächst, einige Gemeindemitglieder haben eingeräumt, dass sie selbst mit dem Aids-Erreger infiziert sind.
Es habe drei Jahre gedauert, um das Vertrauen wiederherzustellen, erzählt Bonani. „Jetzt akzeptieren sie uns.“ (AP)
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