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13.07.2010
Foto: Mustafa Quraishi/AP Photo
Sultanpur Dabas/Indien (apn) In einem unauffälligen Haus im Gewirr staubiger Gassen eines nordindischen Dorfs hat das junge Paar Zuflucht gefunden. Ravinder Gehlaut und Shilpa Khadiyan müssen um ihr Leben fürchten, weil ihre Liebe gegen althergebrachte gesellschaftliche Regeln verstößt.
Sie heirateten im März vorigen Jahres. Die Ehe war von ihren Familien auf traditionelle Art arrangiert worden: Jede Seite prüfte die Kaste, den Stand und den Wohlstand der anderen. Alles schien in bester Ordnung.
Doch nach einigen Wochen begann das Getuschel. Dorfälteste suchten Ravinders Elternhaus in Dharana im Bundesstaat Haryana auf und nahmen Anstoß: Das junge Paar habe ein Tabu verletzt, das Eheschließungen zwischen Angehörigen der selben „Gotra“ verbietet – ein weitläufiger, in etwa einem Clan entsprechender Verwandtschaftsbegriff.
Schon bald befand der „khap panchayat“, der Kasten-Rat, das Dorf sei dadurch entehrt. Das mächtige Gremium alter Männer stellte dem Paar ein Ultimatum: Sie hätten sich scheiden zu lassen, und Shilpa müsse einen anderen zum Mann nehmen, der dem Rat genehm sei. Als ein Mob die beiden umzubringen drohte, wenn sie nicht gehorchten, flüchteten sie aus dem Dorf.
Das ist der Widerspruch im Indien des 21. Jahrhunderts: Trotz allen äußeren Zeichen der Modernität kann der gesellschaftliche Fortschritt eine Schnecke sein. Immer noch werden immer höhere Mitgiftforderungen erhoben, werden weibliche Föten zu Hunderttausenden abgetrieben und bestimmt das Kastenwesen das Leben der meisten Menschen. In diesem Ringen zwischen Tradition und Moderne ist die Ehe zu einem Hauptschlachtfeld geworden.
Die jungen Leute heutzutage entscheiden in zunehmendem Maß selbst, wen sie heiraten. Ermunterung finden sie in einer zunehmend städtischen Elite und im Kino, wo sich Männer und Frauen ganz selbstverständlich verlieben, zusammenleben und den Ehepartner selbst wählen. Trotzdem werden die meisten Eheschließungen immer noch von den Eltern ausgehandelt. Dabei gelten die Regeln des Kastensystems, das fast jeden einer von vier Haupt- und tausenden Unter-Kasten zuordnet. Eltern suchen Ehepartner für ihre Kinder innerhalb ihrer Kaste, aber nicht im selben Clan.
Und da liegt das Problem. Im ländlichen Norden Indiens gelten die Einwohner benachbarter Dörfer traditionell als Angehörige desselben Clans. Daher verlangten die Moralwächter von Gehlaut und Kadiyan auch, einander als Bruder und Schwester anzuerkennen, obwohl die Clans zehntausende Menschen zählen und die beiden Liebenden unmöglich als Blutsverwandte bezeichnet werden können.
Noch vor ein paar Jahren hätten die Kasten-Räte wohl auch beide Augen zugedrückt. Doch der schleichende Bedeutungsverlust im Zuge des gesellschaftlichen Wandels führt dazu, dass sie noch strenger auf die mittelalterlichen Verwandtschaftsregeln pochen, um ihre Stellung zu festigen. Widerstand kommt teuer zu stehen. Paare werden getrennt, geächtet und sogar umgebracht – über 100 allein im Staat Haryana im vergangenen Jahr.
In Dharana, keine 80 Kilometer von der Hauptstadt Neu-Delhi entfernt, mündete die Anordnung des Kasten-Rates bald in Gewalt. Im Juli vorigen Jahres gab man der Familie Gehlaut drei Tage Zeit, das Dorf zu verlassen. Eine wütende, mit Eisenstangen und Sicheln bewaffnete Menge umzingelte das Haus und drohte, sie umzubringen. Die Polizei kam gerade noch rechtzeitig und gab dem jungen Paar ein paar Wochen lang Personenschutz.
Doch nach weiteren Warnungen, dass ihr Leben in Gefahr sei, flohen sie ins 100 Kilometer entfernte Sultanpur Dabas zu entfernten Verwandten Gehlauts. „Sie hätten uns getötet, wenn sie uns gekriegt hätten“, flüstert die hochschwangere junge Frau.
Sie hatten mehr Glück als andere. So wurden 2007 der 23 Jahre alte Manoj Banwala und seine 19-jährige Braut Babli von Bablis Bruder und anderen Verwandten entführt und in Stücke gehackt, weil sie durchgebrannt waren und geheiratet hatten, obwohl sie zum selben Clan gehörten. Die Mörder wurden zum Tode verurteilt, der Dorfvorsteher zu lebenslanger Haft.
Doch das Urteil wirkte nicht etwa abschreckend, sondern ermunterte die Ältestenräte noch zu neuen Taten. Nun fordern sie, das Heiratsverbot für Clan-Angehörige in den familienrechtlichen Glaubensgesetzen des Hinduismus festzuschreiben.
Nach amtlichen Angaben wurden allein im April und Mai 19 junge Liebende umgebracht. Ein Paar aus Neu-Delhi etwa wurde von Verwandten der jungen Frau erschlagen und durch Stromschläge getötet, weil sie gegen Kasten- und Gotra-Regeln verstoßen hatten. Das Blutvergießen veranlasste den Obersten Gerichtshof vorigen Monat, von den betreffenden Bundesstaaten Berichte zu verlangen und Auskunft darüber, was sie gegen die Morde unternehmen. Auch die indische Regierung erwägt Gesetzesverschärfungen.
Die Räte der alten Männer fühlten sich in der sich wandelnden Welt „an den Rand gedrängt und unsicher“, meint der Kasten-Experte Prem Chowdhry. „Ihre Vormachtstellung im Dorf ist in Gefahr.“
Die Dorfältesten sehen das natürlich ganz anders. Die Regeln seien wichtig, um Sitten und Gebräuche zu bewahren, erklärt Baljit Singh Mallit, Vorsitzender des Rates in Gathwala und einer Vereinigung von Dorfräten. „Die Gotra-Regeln haben immer die Heiratsgebräuche in Nordindien bestimmt.“
Die Räte haben auch auf politischer Ebene Einfluss. Selbst einige junge, fortschrittliche Politiker schlagen sich auf ihre Seite. Ravinder Gehlaut und seine Frau wandten sich vergeblich an ihren Abgeordneten um Hilfe. „Das sind junge Politiker. Wir erwarten von ihnen, dass sie moderne Ansichten haben“, sagt er. „Aber sie unterstützen solche mittelalterlichen Gebräuche.“
Trotz allem ist das junge Paar entschlossen, sich zu wehren. Die beiden haben gegen ihre Peiniger Anzeige erstattet. (AP)
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