Foto: Christina Schächter)
Freitagmorgen, 9:00 Uhr. Der Frühstücksraum im Stadthaushotel ist gut gefüllt. Gäste aus Nordfriesland, aus Osnabrück, aus Wien drängen sich vor dem reichhaltigen Frühstücksbuffet. Der Duft von frischem Kaffee zieht durch den gemütlichen Raum. Brot und Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade, Müsli, frisches Obst und Säfte, Yoghurt - alles was das Herz des Gastes begehrt, wird hier geboten. Gratis dazu gibt es das herzliche Lachen von Clemens Paschen. Er hat heute die Frühstücksschicht übernommen, bedient voller Elan die Gäste, deckt die Tische ein, räumt benutztes Geschirr ab, füllt das Buffet auf. Clemens ist geistig behindert. Aber das spielt hier keine Rolle.
Clemens ist einer von acht behinderten Mitarbeitern des Stadthaushotels Hamburg, dem ersten Integrationshotel Europas. Unter dem Motto „anders und gut" werden hier seit 1993 Menschen mit Handicap beschäftigt, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Die Arbeitsabläufe im Hotel sind weitestgehend auf die Möglichkeiten der Mitarbeiter ausgerichtet: Frühstücksservice, Betten machen, Zimmer putzen - jeder wird entsprechend seinen Fähigkeiten eingesetzt, gefördert und gefordert. Zwei erfahrene Hotelfachkräfte organisieren, koordinieren und begleiten die Arbeit der Mitarbeiter.
Herzlichkeit, wie man sie selten findet
„Der Kontakt mit den Gästen, neue Menschen kennen zu lernen, diese freundliche Gegenseitigkeit", das macht Clemens Paschen am meisten Spaß. Dass er viel Freude an seiner Arbeit hat, sieht man ihm an: Seine Augen leuchten. Sein Lächeln ist ein ehrliches Lächeln. Gabi Lackner, Hotelkauffrau und Clemens' Chefin, weiß, was sie an ihren Mitarbeitern hat: „Der Umgang miteinander und mit den Gästen ist hier von einer Offenheit und Herzlichkeit geprägt, die man sonst selten findet. Und alle sind sehr motiviert." Da sie früher als Heilerzieherin in einer Werkstatt für Behinderte gearbeitet hat, weiß sie auch: „Die Mitarbeiter hier haben eine viel höhere Lebensqualität als die Beschäftigten in einer Behindertenwerkstatt. Weil sie wissen, dass sie sinnvolle Arbeit tun, und dass sie gebraucht werden."
Perspektive jenseits von Behindertenwerkstätten
Eben weil sie ihren Kindern eine Perspektive jenseits der Betreuungsgruppen und Behindertenwerkstätten geben wollten, schlossen sich Clemens' Eltern gemeinsam mit anderen Eltern unterschiedlich stark behinderter Kinder vor zwanzig Jahren in der Initiative Werkstatthaus e.V. zusammen. Mit der Unterstützung von Pädagogikstudenten entwickelten sie das Konzept des Stadthaushotels, eine vor Jahrzehnten revolutionäre Idee - und ein Lebenskonzept für ihre Kinder. Im ersten Stock des Hotels wurde eine betreute Wohngruppe eingerichtet. Hier leben neben den Hotelmitarbeitern auch zwei Schwerstbehinderte, die sich nicht an der Arbeit im Hotel beteiligen können. In einem eigens eingerichteten Werkstattraum töpfern sie kleine Zwerge oder stellen Seidenpostkarten her, die im Hotel verkauft werden.
„Arbeit ist in unserer modernen Gesellschaft erstes Kriterium für die materielle Absicherung einerseits, aber vor allem auch für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben", betont Kai Wiese, Vorstandsvorsitzender des Vereins jugend hilft jugend e.V., der im Jahr 2000 die Trägerschaft des Stadthaushotels übernommen hat. „Das Konzept des Stadthaushotels, die Eingliederung und die Integration von Menschen mit Handicaps durch sinnvolle Arbeit zu fördern, ist deshalb wegweisend. Die Hotelmitarbeiter beweisen, dass die von ihnen erbrachten Tätigkeiten sozial wertvoll, marktfähig und notwendig sind", sagt Wiese.
„Die Gäste kommen nicht aus Mitleid sondern wegen der Qualität"
Wichtig sei aber auch, so Wiese, dass die Gäste nicht aus Mitleid kommen, sondern die gebotene Qualität des Drei-Sterne-Hotels, das gute Preis-Leistungsverhältnis schätzen und sich wohl fühlen in der Holstenstraße.
Das zeigen auch die vielen Buchungen und die Bewertungen der Gäste. Ob Geschäftsreisende, Individualtouristen oder ganze Familien - alle sind vom Hotel und vom gebotenen Service gleichermaßen begeistert: Die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Mitarbeiter, das hohe Engagement um das Wohl der Gäste und die familiäre Atmosphäre seien sonst selten zu finden, so der fast einstimmige Tenor im Frühstücksraum.
Ein Erfolg, der Mut macht
Mit diesen guten Kritiken im Hinterkopf lässt sich auch das nächste Projekt des Stadthaushotels zuversichtlich angehen. In der gerade entstehenden HafenCity will der Verein jugend hilft jugend e.V. einen kleinen großen Bruder des Stadthaushotels errichten. Geplant ist ein integrativer Hotelbetrieb der Drei-Sterne-Kategorie mit etwa 80 Zimmern.
Für eine Unterstützung des Projekts Stadthaushotel Hafencity Hamburg gibt es ein Spendenkonto bei der Hamburger Sparkasse. Kontoinhaber: jugend hilft jugend e. V., Konto: 1280 127 778, BLZ: 200 505 50, Stichwort: Stadthaushotel HafenCity.
Spendenhotline: Telefonspende unter der Telefonnummer: 0 9005 74 68 35 (5,- EUR / Anruf aus dem Festnetz der DTAG)