Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Anfang vom Ende einer Supermacht – Uwe Käding
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Das Ende von Glasnost Anfang vom Ende einer Supermacht

Uwe Käding

16.08.2011

Die reformfeindliche sowjetische Machtelite putschte am Ende nicht nur das Ende von Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau), sondern ironischerweise gleich der ganzen Sowjetunion herbei. Foto: Ivan Sekretarev/AP Photo
Die reformfeindliche sowjetische Machtelite putschte am Ende nicht nur das Ende von Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau), sondern ironischerweise gleich der ganzen Sowjetunion herbei.

Foto: Ivan Sekretarev/AP Photo

Frankfurt – Am 19. August 1991 hielt die Welt den Atem an: Kommunistische Hardliner in der damals noch bestehenden Sowjetunion putschten gegen Präsident Michail Gorbatschow, in Moskau und anderen großen Städten fuhren Panzer auf. Ein "Staatskomitee für den Ausnahmezustand" um Vizepräsident Gennadi Janajew erklärte, Gorbatschow sei an seinem Urlaubsort auf der Krim erkrankt. Später wurde der Ausnahmezustand über Teile der UdSSR verhängt; der bis dahin mächtigste Mann der Sowjetunion wurde in seinem Feriendomizil isoliert.

Doch die reformfeindliche sowjetische Machtelite putschte am Ende nicht nur das Ende von Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika (Offenheit und Umbau), sondern ironischerweise gleich der ganzen Sowjetunion herbei. Sie unterschätzte die Stimmung in der Bevölkerung gegen das wirtschaftlich marode System und vor allem den Einfluss eines Mannes: Des von Gorbatschow als Radikalreformer einst aufs machtpolitische Abstellgleis manövrierten, am 12. Juni 1991 aber gerade erst direkt zum russischen Präsidenten gewählten Boris Jelzin.

Erklärtes Ziel der Putschisten: Die für Dienstag, den 20. August 1991 geplante Unterzeichnung eines von Gorbatschow vorgelegten neuen Unionsvertrages für die 15 Sowjetrepubliken zu verhindern. Gorbatschow wollte – getrieben von Unabhängigkeitsbestrebungen in Teilen des Riesenreichs – den Republiken mehr Vollmachten gegeben, UdSSR sollte statt für "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" künftig für "Union der Souveränen Sowjetrepubliken" stehen. Die Kommunistische Partei hätte dabei an Macht und Einfluss verloren, nicht aber so sehr der Präsident – also Gorbatschow.

Putschisten unterschätzten Jelzin

Die Putschisten – neben Janajew mit Ministerpräsident Valentin Pawlow, Innenminister Boris Pugo, KGB-Chef Wladimir Krjutschkow und Verteidigungsminister Dimitri Jasow die Männer an den entscheidenden sicherheitspolitischen Schaltstellen – inszenierten einen technokratischen Staatsstreich; sie gingen davon aus, mit der Kontrolle über Schlüsselministerien und –behörden sowie den Medien die Macht sicher zu haben. Zudem war Gorbatschow auf der Krim festgesetzt: Wer sollte sich ihnen entgegenstellen?

Aber Jelzin riss noch am ersten Putschtag die Initiative an sich. Er kletterte gegen Mittag auf einen der vor dem russischen Parlament - dem "Weißen Haus" – aufgefahrenen Panzer und erklärte vor noch nur 150 Zuhörern das Vorgehen des Notstandskomitees für verfassungswidrig. Er rief zu Streiks mit der Forderung nach Gorbatschows Rückkehr auf.

Die Putschisten unterschätzten Jelzins Wirkung, zumal sie die Medien unter ihrer Kontrolle wähnten. Doch der populäre Volkstribun wuchs in diesen Stunden zum Volkshelden: Tausende strömten auf den Platz vor dem Weißen Haus. Barrikaden wurden errichtet. Innerhalb weniger Stunden schwoll die Menge auf 5.000 Menschen an.

Kurz vor Sonnenuntergang dann der zweite Auftritt Jelzins. Von einem Balkon aus rief er, dass der Putsch scheitern werde. Zehn Panzer fuhren auf den Platz vor dem Weißen Haus auf – und schlossen sich den Jelzin-Anhängern an.

Am nächsten Tag strömten Zehntausende auf den Platz vor dem Parlament. Aufrufe der Witwe des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow, Jelena Bonner, und des ehemaligen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse sorgten für weiteren Zulauf.

KGB-Einheit verweigerte Angriffsbefehl

In der Nacht zum Mittwoch, dem 21. August, begann die gefährlichste Phase in der Konfrontation zwischen Putschisten und Jelzin-Anhängern. Schüsse fielen, Panzer rollten, Menschen schrien. Zu den drei Todesopfern des Putsches kam es durch ein tragisches Missverständnis: Eine abrückende Schützenpanzerkolonne wurde von einer Menge an einer U-Bahnstation gestellt, die einen Angriff vermutete. Ein Demonstrant wurde erschossen, zwei wurden überfahren.

Im Weißen Haus wurde jederzeit mit einem Angriff der KGB-Elitetruppen gerechnet. Die Menge vor dem Gebäude wurde über Lautsprecher aufgefordert, einen 50 Meter breiten "Schussstreifen" freizumachen. Doch der Angriff blieb aus, bei Tagesanbruch hatte die Widerstandsbewegung gesiegt. Die KGB-Antiterroreinheit "Alpha" teilte später mit, ihr sei befohlen worden, das Gebäude "um jeden Preis" einzunehmen. Nach ihrer Weigerung blieb den Putschisten nur die Flucht, Pugo erschoss sich. 15 Personen wurden ihrer Ämter enthoben und später als Verschwörer bezeichnet, zwölf von ihnen wurde der Prozess gemacht. Die meisten kamen 1992 und 1993 wieder frei.

Gorbatschow kann die UdSSR nicht mehr retten

Gorbatschow kehrte am 22. August nach Moskau zurück – in ein anderes Land, wie er damals sagte. Die nächsten Wochen und Monate versuchte er, den Zusammenhalt der UdSSR zu retten – und verlor letztlich gegen seinen alten Gegenspieler Jelzin, der die Entmachtung der KPdSU zelebrierte. Am 31. Dezember 1991 hörte die Sowjetunion auf zu bestehen und landete auf dem Müllhaufen der Geschichte. Ihr Rechtsnachfolger – auch als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat – wurde Russland, die Sowjetrepubliken wurden endgültig unabhängig. Bis auf die drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen – die EU- und NATO-Mitglieder wurden – haben sie sich lose in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zusammengeschlossen. Jelzin starb im April 2007.

Bildhinweis: 140811NYBY106, 140811MOSB103

(dapd)

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