Aktuelle Nachrichten – International
06.03.2011
Tripolis – Der Bürgerkrieg in Libyen weitet sich immer mehr aus. Die Luftwaffe flog am Sonntag Angriffe gegen Aufständische, die an der Mittelmeerküste nach Westen in Richtung der Hauptstadt Tripolis marschiert sind. Zugleich eröffneten die Regierungstruppen in der Stadt Misrata eine weitere Front gegen die Aufständischen. Zwischen den beiden 50 Kilometer voneinander entfernt liegenden Städten Ras Lanuf und Bin Dschawad tobten erbitterte Kämpfe am Boden.
Reporter der Nachrichtenagentur AP berichteten, Regierungstruppen hätten Bin Dschawad wieder zurückerobert. Die Stadt liegt 160 Kilometer östlich von Sirte, einer Hochburg der Anhänger von Staatschef Mummar al Gaddafi. Die Aufständischen haben in den vergangenen Tagen an Boden gewonnen.
Laut Augenzeugen beschossen Gaddafis Einheiten die Innenstadt von Misrata mit Mörsergranaten und Panzerartillerie. Ein Arzt im größten Krankenhaus der Stadt sagte der AP, die Lagergebäude der Klinik seien dabei in Brand geraten. Misrata liegt rund 200 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis und wird als eine von nur zwei Städten im Westen des Landes von Aufständischen kontrolliert.
Den Augenzeugen zufolge begann die Offensive kurz vor Mittag am Sonntag. Die Regierungsgegner hätten den Beschuss mit Granaten und Flugabwehrgeschützen erwidert. Bis zum frühen Nachmittag seien die Gefechte fast vollständig abgeklungen. Berichte über Opfer oder Schäden lagen zunächst nicht vor.
Ein Kampfflugzeug griff laut Augenzeugen auch einen kleinen Militärstützpunkt in Ras Lanuf an. Dabei wurden drei Hangars und ein kleines Gebäude zerstört. Die Regierungstruppen beschossen Positionen der Rebellen in der Stadt mit Raketen und Artillerie.
Im Zentrum von Tripolis demonstrierten am Sonntag rund 2.000 Gaddafi-Anhänger. Sie schwenkten Flaggen und gaben Schüsse in die Luft ab. Mehrere hundert weitere jubelnde Menschen fuhren an einem Militärlager vorbei, in dem Gaddafi lebt. Ob sich der Machthaber derzeit in der Hauptstadt aufhält, ist nicht bekannt.
In den frühen Morgenstunden war in Tripolis mindestens zwei Stunden lang schweres Maschinengewehrfeuer zu hören. Ein Regierungssprecher sagte der AP, bei den Schüssen handele es sich um Freudensalven. Er erklärte, die Regierungstruppen hätten den Ölhafen Ras Lanuf und die Stadt Misrata wieder zurückerobert. Doch Anwohner sagten, die Regierungsgegner kontrollierten beide Städte nach wie vor.
Regierungsgegner und regimetreue Truppen hatten sich am Samstag heftige Gefechte um die Kontrolle über strategisch wichtige Städte geliefert. Gaddafi-Gegner eroberten Ras Lanuf, in der Stadt Sawija konnten Regierungstruppen Stellungen der Protestbewegung durchbrechen. Ein Kämpfer auf Seiten der Regierungsgegner in Sawija sagte, es habe viele Tote und Verletzte gegeben, zahlreiche Panzer seien in die Stadt gefahren. Der stellvertretende Außenminister Chaled Kaid sagte, Sawija sei zu 99 Prozent unter Kontrolle der Regierungstruppen.
Weiter östlich verzeichneten die Regierungsgegner hingegen Erfolge: Augenzeugen berichteten am Samstag, Ras Lanuf sei nach schweren Gefechten am Freitagabend von den Aufständischen eingenommen worden. Der Kampf wendete sich zugunsten der Aufständischen, als sich die Einwohner diesen anschlossen, wie einer der Kämpfer erklärte. Zwölf Aufständische seien ums Leben gekommen. Nach Krankenhausangaben wurden dagegen fünf Kämpfer getötet und 31 verletzt.
Unterdessen zeigte der Fernsehsender CNN Aufnahmen von Regierungsgegnern, die den Abschuss eines libyschen Kampfflugzeugs der Regierung feierten. Dieses war nach Augenzeugenberichten am Samstag nahe Ras Lanuf abgestürzt. Von den Gewährsleuten aufgenommene Fotos zeigten den Leichnam des Piloten und Wrackteile der Maschine. Wie es zu dem Absturz kam, war zunächst unklar. Laut CNN erklärten Regierungsgegner, sie hätten das Flugzeug abgeschossen.
Papst Benedikt XVI. drückte am Sonntag seine Besorgnis über die Lage in Libyen aus. Er bete für die Opfer und jene, die sich dort in Bedrängnis befänden, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche in Rom. Er fühle mit den Menschen in Libyen, wo gewaltsame Zusammenstöße viele Todesopfer gefordert und zu einer humanitären Krise geführt hätten. Zugleich rief Benedikt zu Hilfe für die betroffenen Menschen auf.
Die EU-Außenbeautragte Catherine Ashton entsandte am Sonntag ein Erkundungsteam nach Libyen. Ziel sei es zu prüfen, welche zusätzlichen Hilfen vor Ort noch benötigt würden, teilte Ashton in Brüssel mit. Es ist die erste derartige internationale Mission seit Beginn der Unruhen.
Auf Kreta wurden am Sonntag drei aus Libyen evakuierte Gastarbeiter tot aufgefunden. Die Männer gehörten zu einer Gruppe von fast 50 Einwanderern aus Bangladesch, die von Bord eines Schiffes gesprungen waren, um offenbar einer Abschiebung in ihr Heimatland zu entgehen, wie das griechische Handelsmarineministerium mitteilte. Sieben Menschen wurden bis zum Sonntagnachmittag lebend gerettet. Elf weitere wurden noch vermisst und knapp 30 ins Krankenhaus gebracht.
Die griechische Küstenwache suchte mit zahlreichen Schiffen und Booten sowie einem Hubschrauber nach den Vermissten. Die 49 Evakuierten hatten sich an Bord der "Ionian King" befunden, die am späten Samstagabend im Hafen von Souda eingetroffen war. Insgesamt waren 1.288 Menschen auf dem Schiff, die meisten von ihnen stammten aus Bangladesch. In den vergangenen Tagen wurden mehrere tausend Menschen aus Libyen auf die griechische Mittelmeerinsel gebracht. (dapd)
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