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Der «entlaufene Romantiker»

Vor 150 Jahren starb Heinrich Heine - Letzte Jahre in der Pariser «Matratzengruft» - Nazis verbrannten seine Bücher

AP
14.02.2006

Heinrich Heine

Frankfurt/Main - «Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht», schrieb Heinrich Heine 1843 in dem berühmten Gedicht «Nachtgedanken». Er lebte damals schon seit mehr als zehn Jahren im Pariser Exil. In die französische Hauptstadt hatte sich der spitzzüngige Polemiker 1831 begeben, um den Anfeindungen und der politischen Zensur in Preußen zu entfliehen. Bis spät ins 20. Jahrhundert hat Heine, der am 17. Februar vor 150 Jahren starb, die deutsche Öffentlichkeit gespalten. Viele betrachteten ihn als literarischen Luftikus, noch mehr sahen in ihm in erster Linie einen Anhänger des Sozialismus.

Als Harry Heine wurde er am 13. Dezember 1797 als Sohn eines jüdischen Tuchhändlers in Düsseldorf geboren - den Namen Heinrich nahm er erst 1825 an, als er sich protestantisch taufen ließ. Nach dem Scheitern einer kaufmännischen Karriere studierte er Jura, sein eigentliches Interesse aber galt der Literatur.

Zum Christentum trat Heine, der von Religion nicht viel hielt und ihr erst gegen Ende seines Lebens etwas weniger kritisch gegenüberstand, eigentlich nur über, weil er sich davon weniger gesellschaftliche Diskriminierung erhoffte. Der Plan ging nicht auf: Alle Versuche, eine Stelle als Jurist im Staatsdienst zu erhalten, blieben erfolglos. Also ließ sich Heine, dessen erste Gedichte bereits 1821 erschienen, als freischaffender Schriftsteller nieder.

Sein wohl bekanntestes Werk schrieb er 1824: «Die Loreley». Das Gedicht war so populär, dass es auch von den Nationalsozialisten nicht verboten werden konnte. Mit dem Verweis «Autor unbekannt» stand der Text während der NS-Zeit in deutschen Lesebüchern. Ansonsten machten die Nazis mit dem Werk Heines, des liberalen Juden, nicht viel Federlesen: Seine Werke wurden verboten, seine Bücher verbrannt, Heine-Denkmäler zerstört. Es scheint, als habe Heine 99 Jahre vor Hitlers Machtergreifung vorausgeahnt, was in Deutschland geschehen werde: «Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt, aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: Der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht... Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte», schrieb er 1834 an die Franzosen gerichtet.

Als er nach Frankreich emigrierte, hatte sich Heine in Deutschland schon einen Namen als Schriftsteller gemacht. 1826 war die «Harzreise» erschienen, ein Jahr später kam der Lyrikband «Buch der Lieder» heraus - beides Werke, die der Romantik zugeordnet werden können, von der sich Heine aber bald distanzierte. Der «entlaufene Romantiker», wie er sich selbst nannte, griff immer häufiger zur Ironie und thematisierte in seinen Gedichten auf polemische Weise auch politische Zustände. Kein Wunder, dass er der Obrigkeit ein Dorn im Auge war.

Ehe mit einem «Hausvesuv»

In Paris lebte sich Heine gut ein. Er fühlte sich wohl und litt trotzdem an Heimweh. Er verkehrte mit der Bankiersfamilie Rothschild, Schriftstellern wie Honoré de Balzac, Victor Hugo oder Alexandre Dumas und deutschen Intellektuellen, die ebenfalls in die französische Hauptstadt emigriert waren, wie Alexander von Humboldt oder Ludwig Börne, mit dem er sich später allerdings entzweite. Als Korrespondent der Augsburger «Allgemeinen Zeitung» verdiente er sich ein stattliches Zubrot; ein Teil seiner Artikel wurde später in dem Buch «Französische Zustände» veröffentlicht.

Nur noch zwei Mal sollte Heine die Heimat wiedersehen - bei zwei Reisen 1843 und 1844. «Deutschland. Ein Wintermärchen» war das Produkt der ersten Reise - das Buch wurde in Preußen sofort verboten.

Heine hatte sich in Frankreich der Linken angenähert. Er lernte Karl Marx kennen; in der von Marx herausgegebenen Zeitschrift «Vorwärts» erschien 1844 Heines Gedicht «Die schlesischen Weber», das das Elend der Industriearbeiter thematisiert. Ein Kommunist war er nicht. «Dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dieses Bekenntnis mache ich im Ton der Besorgnis und äußersten Furcht... Ich bin von einer unaussprechlichen Traurigkeit ergriffen, wenn ich an den Untergang denke, mit dem das siegreiche Proletariat meine Verse bedroht, die mit der ganzen alten romantischen Welt vergehen werden», schrieb er 1855.

1841 heiratete Heine die Französin Crescence Eugénie Mirat - von ihm Mathilde genannt, «weil der Name Crescence mir immer in der Kehle wehe tat». Dass die junge Frau kein Deutsch sprach, nichts von Literatur verstand und lange nicht begriff, dass sie mit einem berühmten Schriftsteller verheiratet war, freute Heine besonders. Das Paar führte eine glückliche, temperamentvolle Beziehung. Heine sprach von Mathilde als «meinem Hausvesuv» und legte in seinem Testament eigens fest, dass sie an seiner Seite auf dem Pariser Friedhof Montmatre begraben werden solle.

Die Unterstützung Mathildes half ihm über die letzten schweren Jahre hinweg: Bereits in den 30er Jahren hatte Heine erste Anzeichen einer schweren Rückenmarkserkrankung verspürt, die ihn von 1848 zur Bettlägerigkeit zwang. Die acht Jahre bis zu seinem Tod verbrachte er in der «Matratzengruft», wie er es nannte. Seine letzten Werke diktierte er einem Sekretär, weil er nicht mehr selbst schreiben konnte. Bis zuletzt nicht abhanden kam ihm aber sein Humor, von dem schon der letzte Vers der «Nachtgedanken» zeugt: «Gottlob! Durch meine Fenster bricht, französisch heitres Tageslicht. Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, und lächelt fort die deutschen Sorgen.»

Susanne Gabriel

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